Unser Held Loest

Geschrieben von messitschbyburns am 20. März 2008 | Loest, Tiefensee, Unsere Besten


Endlich! Unsere deutsch-nationale Seele darf wieder wallen! Mit bebendem Busen und heißem Herzen hörten wir das erlösende Wort aus dem Munde des Sanitätsgefreiten Kulturstaatsministers Neumann: Das innigst ersehnte Einheits- und Freiheitsdenkmal im seligen Angedenken an die revolutionären Kämpfe des Jahres 1989 wird gebaut! In Berlin! Auf dem festen Fundamente des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I., unseres geliebten Kartätschenprinzes!

Ach, diese Wonne! Komm, süße Klio, und trage uns ein in dein Buch der Geschichte! Denn wir waren Helden, just for one day …

… aber schaut nur, da hinten! Da steht ein kleines dürrres Männelein und weint! Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht so ganz allein? Es sieht aus wie Loest, riecht wie Loest, schmeckt wie Loest — pardauz, es ist Loest! Unser Erich Loest!

Sag, warum weinest du, lieber Erich? Hat es dir nicht geschmecket? Hat man dir ein Leides angetan? Sprich geschwind, lieber Erich, denn wir wollen uns zum Festtag gürten und um das Einheits- und Freiheitsdenkmal tanzen und springen und unsere Lieder singen: “Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt”

Doch Erich mag nicht. Er ist bockig. Der Sinn seines Lebens hat sich in Nichts aufgelöst. Vom Völkerschlachtdenkmal würde er sich liebend gerne stürzen, wenn er denn wüßte, wo es steht. Er rackerte und stritt für Leipzig, die Stadt der Helden und der Ringbegehungen, wo alles begann:

Und das war im Oktober,
als das so war,
in Petrograd in Rußland,
im siebzehner Jahr.

Pardon, falscher Text. Noch mal:

Und das war im Oktober,
als das so war,
in Leipzig in Sachsen,
im neunundachtziger Jahr.

Und nun ist alles vorbei. Das großartige Monument tollkühnen teutschen Mutes wandert nach Berlin. In Leipzig wehet nur ein kalter Wind über den steinernen Erich-Loest-Platz Augustusplatz; jenem Ort, an dem alles begann. Da hat er nun geschrieben und geredet für seine Heldenstadt, deren Ehrenbürger er sich nennen darf, um am Ende gegen die verfluchten Preußen zu verlieren. Wieder mal. Der Leipziger Stadtchronik muß ein neues Blatt der Schmach beigelegt werden …

Dabei ist der Erich gar kein Leipziger, er tut nur so. Seine ersten Lebensjahrzehnte verbrachte er in Mittweida. Aber wer möchte schon sagen: “Ich bin ein Mittweidaer”? Klingt der Satz: “Ich bin ein Leipziger” nicht lebenspraller und auflagenträchtiger? Natürlich, und niemals hat der Erich behauptet, ein gebürtiger Leipziger zu sein. Selber schuld, wer nicht auf die Zwischentöne hört, denkt der Erich.

Aber war er denn nicht in jenen dramatischen Tagen, derer nun endlich! mit dem Einheits- und Freiheitsdenkmal gedacht werden darf, mitten unter seinen lieben Sachsen? Warf er sich nicht mit offenem Hemde und bloßer Brust dem Kampfgruppenkommandeur Lutz entgegen, der im örtlichen Kommunistenblatt schrieb:

“Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!”

Packte er nicht den stählernen Lauf von Lutzens Kalaschnikow und riß dem mordlüsternen Buben die Waffe aus der Hand? Marschierte er nicht in erster Reihe über den Ring, Schulter an Schulter mit seinen tapferen Leipzigern, um dem Kommandeur der Hundertschaft „Hans Geiffert“, diesem Büttel des stalinistischen Terrorregimes, adlergleich ins Auge zu blicken und mit fester Stimme zuzurufen: “Deutsche! Schießt nicht auf Deutsche!”, worauf Kommandeur Lutz beschämt zu Boden blickte, seine Waffe niederlegte und um ein Autogramm bat?

Nein, er rief und riß nichts. Er war nicht mal in Leipzig. In jenen Tagen, die die DDR veränderten, saß er in Künzelsau, einem gottverlassenen Kuhkaff in Baden-Württemberg, auf dem Sofa. Loest wurstelte sich als Rentner durchs Leben, der sich nach seiner Ausreise aus der DDR in der Bundesrepublik eingerichtet hatte. Der Bücher schrieb, die keinen mehr interessierten. Und der begriff, daß die Öffnung der Grenze seine letzte Chance sein würde, die verlorene Popularität wiederherzustellen.

Und so murkelte sich unser Erich in die Spitze der Leipziger Bürgerbewegung — mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er im Oktober 1989 sämtliche Leipziger Demonstrationen persönlich organisiert. Zwar nicht so dreist wie Bernd-Lutz Lange, der sich viel schneller vom treu ergebenen Staatskulturnik zum “Ich war schon immer kritisch, ganz tief in mir drin”-Staatsgegner wandelte, als man die Worte “Ursula Ragwitz” aussprechen kann. Aber immer noch geschickt genug, um Fakten zu schaffen.

Loest schlachtete die Ereignisse des Leipziger Oktobers bis zum letzten Quentchen aus. Sein flugs dahingeworfener Kolportageroman Nikolaikirche wurde von den ARD-Sendern MDR und WDR dankbar aufgenommen, verfilmt und als angeblich authentische Wiedergabe der letzten Jahre der DDR versendet. Also jener Jahre, in denen Loest, von Gott und der Welt vergessen, seine Runden durch Künzelsau drehte. Im ZDF ist man ehrlicher und nennt solche nachgestellten Schmonzetten Historical.

Doch irgendwann nützt auch die offensichtlichste Protektion nichts mehr. Zumal das in typisch Loest’scher Onkelhaftigkeit und betulicher Bräsigkeit realisierte Werk Nikolaikirche zehn Jahre später von einer ungleich schmierigeren Farce abgelöst wurde. Seit Donnersmarcks frei erfundenem Bubenstück Das Leben der Anderen und der begleitenden Pressekampagne seines DDR-Staatsschauspielers Mühe gegen dessen geschiedene krebskranke Frau ist Loests Film abgemeldet — und mit ihm der Autor.

Weil aber die Miete bezahlt werden will, muß ein anderes Schlachtfeld her, auf dem der eigene Name poliert und vom Glanz neuer Taten angestrahlt wird. Für unseren Erich ist das kein Problem: Er geriert sich nun als noch zornigerer Antikommunist — und als der wahre Hüter des Geistes der Leipziger Montagsdemos.

Als radikaler Antikommunist tobte Loest gegen die Wiederaufstellung eines Karl-Marx-Reliefs, das von der Fassade eines abgerissenen Gebäudes der Universität Leipzig — ehemals Karl-Marx-Universität — abgenommen wurde, auf dem Sportcampus der Universität:

“Eine Platzierung auf dem Sportcampus in der Jahnallee sei eine ‘Schande für die Stadt des freiheitlichen Aufbruchs von 1989′. Damit würden ‘alle gedemütigt werden, die unter dem Klassenkampfregime gelitten oder zu seiner friedlichen Überwindung beigetragen haben’ (…) Loest empfahl, das 33 Tonnen schwere Bronzewerk, das jahrzehntelang an einem Universitätsgebäude am Augustusplatz hing, einzulagern, ‘bis Täter und Opfer dieser Ära tot sind - mögen die Enkel unbefangen über den weiteren Verbleib entscheiden’.”

Die Schleifung von Bauten und Kunstwerken ihrer Vorgänger ist eines der wesentlichen Merkmale von Diktatoren. Insofern ist Loests Forderung konsequent. Sie entspricht seiner totalitär geprägten Denkstruktur, die weder eine Diskussionskultur kennt noch andere, womöglich konträre Meinungen duldet. Mit dieser Geisteshaltung hätte sich für Loest in einem anderen geschichtlichen Kontext der Zugang zu höchsten Führungszirkeln geöffnet.

Am 06.03.2008 entschieden die Universität Leipzig, die Stadt Leipzig und das Land Sachsen, das Karl-Marx-Relief am Sportcampus der Universität aufzustellen. Loest lost.

Und die Montagsdemos? In der Standortfrage für das Denkmal schlug sich nur Wolfgang Tiefensee auf seine Seite, jener glücklose Minister, der die nächste Kabinettumbildung kaum überstehen wird. Zu wenig, um Leipzig aufs Tableau zu heben. Am Tag, als Kulturstaatsminister Neumann die Entscheidung pro Berlin verlas, endete die Deutungshoheit des sächsischen Rumpelstilzchens über jene Zeit im Oktober 1989. Loest kann sich wieder darauf konzentrieren, Bücher zu schreiben, auf der Leipziger Buchmesse einen handtuchschmalen Stand zu mieten, dort zu sitzen und einsam darauf zu warten, daß ihn irgendwer anspricht. Ein Bild des Jammers — wenn der Mitleids-Vorrat für Loest nicht längst aufgebraucht wäre.

Aber Messitsch by Burns läßt niemand in seinem Elend allein. Wir spenden Trost und Zuversicht und rufen deshalb: Kopf hoch, Erich! Kulturstaatsminister Neumann ließ ein Hintertürchen offen, durch das du wieder auf die Bühne schlüpfen kannst!

“Auf dem Denkmal soll nun aber auf Leipzigs herausragende Rolle in der Zeit der Wende Bezug genommen werden. Von dort breiteten sich die öffentlichen Proteste in der gesamten DDR aus.”

Sag, Erich: Ist das nicht großartig? Erkennst du die Dimensionen, die sich für dich öffnen? Wie könnte man sich auf einem Denkmal, das in Berlin ausgerechnet auf dem Schloßplatz stehen wird, besser auf die Rolle Leipzigs beziehen, als mit einem Text von dir, dem Leipziger Ehrenbürger, dem Helden des Leipziger Oktobers?

Uneigennützig, wie wir sind, haben wir für dich ein passendes Zitat ausgewählt. Du wirst es nicht nur freudig erkennen; du wirst sofort verstehen, warum nur dieser Text auf dieses Denkmal an dieser Stelle in bronzene Tafeln gegossen werden kann:

“… marschieren bereits die ersten Züge zum Lustgarten, der an diesem Vormittag den Namen ‘Marx-Engels-Platz’ erhalten wird. Die Tribüne auf dem weiten Platz, den vor Wochen noch die Trümmer des Schlosses bedeckten, füllen jetzt Aktivisten, Nationalpreisträger, Vertreter der Regierung, der Gewerkschaften und Parteien und Gäste aus dem Ausland.

Aus den Lautsprechern klingt Musik, Wagenkolonnen formieren sich zur Vorbeifahrt; Tausende und Zehntausende strömen über die Sektorengrenzen in den demokratischen Sektor, um die große Maifeier aller Berliner mitzuerleben, und auch ein Massenaufgebot von Stummpolizisten kann sie daran nicht hindern.

Kriegsbeschädigte fahren in ihren Wägelchen zur Demonstration, damit es nie wieder einen Krieg geben möge, Jugendliche ziehen singend über die Straßen, die Traktoren der Maschinenausleihstationen vom Rande Berlins tuckern nach dem Stadtinnern.

Fahnen, Musik, frohe Gesichter — und über allem glänzt die Sonne eines hellen Tages.”

So hell, wie die Sonne für dich schien, als das Berliner Stadtschloß gesprengt war und auf dem vom Hohenzollernschutt geräumten Platz die singende Jugend vor Vertretern der Regierung defilierte, wird sie wieder scheinen, wenn du wohlig seufzend und in selig-süßen Erinnerungen schwebend das Tuch vom Denkmal ziehst und jedermann deine immergrünen Leseproben in Augenschein nehmen darf.

Sollte sich Kulturstaatsminister Neumann in Fragen der Musikauswahl an dich wenden, um die Zeremonie festlich zu untermalen, dann halte dieses Zitat bereit:

“Günther wisse doch, warum die Amerikaner ihre Jazzmusik nach Deutschland importieren: Sie soll die nationale Kultur zerstören helfen, damit die Amerikaner dann die Nationen auflösen und ihre Menschen leichter in ihre Tasche kriegen können.”

Der feinfühlige Kulturstaatsminister wird sofort spüren, daß Negerjazz und Hottentottenmusik bei dir nicht erwünscht sind. Und wenn er fragt, in welchem Buch er diese klugen Sätze lesen darf, dann sag ihm lächelnd: “Die Westmark fällt weiter“, erschienen 1952 im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale), auf den Seiten 229 und 405. Und füge bescheiden hinzu: Von Erich Loest.

2 Kommentare ↓

#1 g. haase am 09.06.09 um 17:45

zu Lebzeiten …

http://www.dradio.de/kulturnachrichten/2009042509/3/

Warum braucht dieser Mensch soviel Selbstbestätigung?

GvH

#2 admin am 09.06.09 um 21:25

LOL

“Hier wohnte Erich Loest von 1933 bis 1948″. 1933 war Loest zarte sieben Jahre alt. Das erinnert mich an die Erinnerungstafeln in der DDR: “In diesem Haus übernachtete Waldimir Iljitsch Lenin”.

Nach Ulbrichts Tod wurde die Ikonisierung zu Lebzeiten abgeschafft. Für Loest wird sie wieder eingeführt.

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