Rerum cognoscere causas

Geschrieben von messitschbyburns am 28. März 2008 | Mindestlohn, SPD, Tagesspiegel


Der Tagesspiegel gibt sich gern altertümelnd. Wie ein Bildchen auf einer Zigarrenbanderole schleppt das Blatt seit sage und schreibe 62 Jahren eine Weltkugel mit sich herum, die orientierungslos im Zeitungskopf lümmelt, nach unten begrenzt von einem puttenhaften Flatterband mit dem neckischen Spruch:

Rerum cognoscere causas

Damit möchte die Redaktion zum Ausdruck bringen, sie würde sich befleißigen, die Ursachen der Dinge zu erkennen oder den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir zitieren dazu Franz Beckenbauer: “Schau’n mer mal.”

Am 12.03.2008 sah sich die Redaktion ermuntert, auf Seite Drei einen endlos langen Artikel zu veröffentlichen. Das ist ihr gutes Recht; die Seite Drei existiert ohnehin nur zum Zweck des Zeilenschindens, nicht nur im Tagesspiegel.

Verwunderlich ist der Inhalt. Über 186 Zeilen versucht sich der Autor an einer derart tränendrüsendrückenden und mitleidheischenden Arie über die PIN Group, daß wir uns mit Tempotaschentüchern und Baldriantee stabilisieren mußten. Nachdem der Blick wieder klar und der Artikel noch einmal gelesen war, fielen wir uns in die Arme und weinten heitere Lachtränen.

Denn der Autor sondert ein Geschleime, Geschwurbel und Geschwalle ab, wie es keine Schülerzeitung freiwillig drucken würde. Noch dazu im dürftigsten Deutsch geschrieben, das jeden Groschenroman glänzen und funkeln ließe, hielte man ihn neben diesen Seich. Wer Gefallen an gedruckter Sülze findet, der besorge sich diese Ausgabe des Tagesspiegels, schneide den Artikel aus und hänge ihn an die Wand. Einen größeren Dreck findet man nicht.

Das schreiben wir so direkt und ohne Umschweife, denn die tiefere Intention des Hobbyautors wird an einer Stelle deutlich:

“Pin hatte die Idee, das Briefmonopol der Post in Deutschland zu brechen. Dann beschloss die Bundesregierung einen Mindestlohn für Briefzusteller, der Pin allein in diesem Jahr 35 bis 45 Millionen Euro zusätzlich kosten sollte. Zu viel für das junge Unternehmen.

Die restlichen 183 Zeilen sind nur der Mantel, der den dreizeiligen Kern der Botschaft umhüllt. Nun ist es tatsächlich zu bedauern, daß die PIN Group inzwischen 2.770 Beschäftigte entlassen hat und für die übrigen 8.000 Beschäftigten keinen Arbeitsplatz garantieren kann. Die flotte Formulierung, der Mindestlohn sei “zu viel für das junge Unternehmen”, bedeutet aber eine Verbiegung der Fakten, die in ihrer Dummdreistigkeit beinahe einzigartig ist.

Das junge Unternehmen war kein hoffnungsfrohes Ein-Mann-Startup, gegründet mit einem Darlehen von Oma Krause. Die Gesellschafter der PIN Group S.A. hießen u.a.:

  • Axel Springer AG
  • Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck
  • WAZ-Mediengruppe

Daneben kamen und gingen andere Gesellschafter, aber diese drei Schwergewichte blieben bis zum Schluß an Bord. Die Geschäftsidee bestand in einer ebenso simplen wie arbeitnehmerfeindlichen Idee: Positionierung auf dem Markt der Briefzustellung, um nach der Aufhebung des Briefmonopols am 31.12.2007 großflächig ins Briefgeschäft einzusteigen und mit Billigstlöhnen Extraprofite zu generieren.

Daß ihnen die Post in der Person Zumwinkel in die Suppe spuckte, ist eine Sache. Wenn Döpfner und Holtzbrinck unfähig sind, ihre Lobby-Bataillone im Bundestag zu positionieren, spricht das einzig für ihre Überforderung, einen Konzern zu führen.

Eine ganz andere Sache ist der Versuch des Schreibers, die geballte finanzielle Macht deutscher Großkonzerne zu verschleiern und die PIN Group als junges Unternehmen zu verniedlichen, dem leider die Puste ausging, weil die böse Post (und die böse SPD als deren Schutzpatronin) der ungeliebten Konkurrenz keinen Millimeter gönnten.

Wenn sich Springer, Holtzbrinck und WAZ in ihrer besinnungslosen Gier verkalkuliert haben; wenn sie sich nicht vorstellen konnten, daß die Schraube der Billig- und Billigstlöhne nicht endlos angezogen werden kann; wenn sie tatsächlich glaubten, der Staat schaue zu, wie die Zahl der Arbeitnehmer wächst, die entweder mehrere Jobs annehmen oder aus Steuermitteln alimentiert werden müssen, um einigermaßen über die Runden zu kommen — wenn die Vorstände dieser Konzerne einen derart beschränkten Horizont besitzen und von der Praxistauglichkeit ihrer menschenverachtenden Geschäftsidee überzeugt waren, dann seien Zumwinkel, Post und SPD gepriesen für die Einführung des Mindestlohns und das Ende der PIN Group.

Selbst beim Mindestlohn als Argument für die Insolvenz der PIN Group lügt der Autor völlig ungeniert. Der Beschluß, die Insolvenz einzuleiten, der zu den ersten Entlassungen führte, wurde von den Gesellschaftern lange vor der Einführung des Mindestlohns getroffen. Die Gründe für den mageren Geschäftsgang lagen keineswegs im zu hohen Lohngefüge. Es fanden sich schlicht zu wenig Großkunden, um alle Dependancen der PIN Group rentabel zu betreiben. Selbst unter den Bedingungen der Hungerlöhne, die Springer, Holtzbrinck und WAZ ihren Zustellern zu zahlen bereit waren. Was für eine groteske Schnapsidee, möchte man sagen — wenn es nicht so bitter für die Beschäftigten wäre.

Der Medianlohn der PIN-Dienste liegt bei 7,00 Euro West und 5,90 Euro Ost. Zwei Drittel der Beschäftigten sind 400-Euro-Jobs. Diese Jobs subventioniert der Staat über den Verzicht auf Steuern und einen Teil der Sozialbeiträge. Zum Vorteil der Anteilseigner, nicht der Angestellten. Nach einer Untersuchung der Input Consulting GmbH über die PIN-Branche sehen sich Fahrer, die für PIN-Dienste arbeiten, zur Mithilfe ihrer minderjährigen Kinder gezwungen, um das Pensum zu schaffen. Zehnjährige Kistenschlepper und dreizehnstündige Arbeitstage, und am Ende langt es trotzdem nicht zum Leben. Noch mal zur Erinnerung: Das war das Geschäftsmodell der Herren Döpfner und Holtzbrinck.

Das Gegreine über die angebliche Strangulierung der PIN Group durch den Mindestlohn wird ohnehin vom Insolvenzverwalter Kübler widerlegt, der mehrfach bestätigte, den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn zu zahlen. Trotz Störfeuers durch den eigenen Arbeitgeberverband AGV NBZ und dessen Chef Florian Gerster — pikanterweise im Jahr 2004 als Chef der Bundesanstalt für Arbeit entlassen und jetzt die Mindeslohnstandards für Arbeitnehmer offensiv bekämpfend. Trotz einer offenbar gekauften Plastik-Gewerkschaft, die 2007 ihre Jubelperser auf die Straßen schickte, um gegen einen Mindestlohn zu demonstrieren.

Das alles ist bekannt und in den Medien — nicht unbedingt in denen der Gesellschafter — hoch und runter dekliniert worden. Und nun kommt jemand daher und jammert wie ein Schoßhund über die Ungerechtigkeiten in der deutschen Politik, wo ein tatkräftiges junges Unternehmen wie die PIN Group weggebissen wird.

Das Gejammer druckt der Tagesspiegel. Dessen Herausgeber ist die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, einer der gescheiterten Gesellschafter der PIN Group S.A.

Sehen wir uns noch mal das Motto im Kopf der Zeitung an:

Rerum cognoscere causas

Eine Zeitung, die schreibende Mietmäuler bezahlt, um allerplumpeste Agitation zu betreiben, erkennt keine Ursachen der Dinge. Sie will den Ursachen auch nicht auf den Grund gehen. Selten wurde das so rotzfrech und in aller Öffentlichkeit vorgeführt wie am 12.03.2008 im Berliner Tagesspiegel.

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