In der Reihe “Großväterchen erzählt vom Krieg von 1968″ druckte die Berliner Zeitung eine ellenlange Stilblüte über die Beatles. Man muß ja inzwischen bedauern, daß die Beatles auch 1968 musizierten und sich deshalb nicht dagegen wehren können, im Rahmen der deutschen 68er-Festspiele in einen imaginären Revolutions-Kontext gezwängt zu werden. Das Jahr 1968 scheint ohnehin eine enorme Anziehungskraft auf Kaffeesatzleser und Eingeweideschauer auszuüben, die auch die Beatles nicht ungeschoren lassen.
Der Artikel repetiert zunächst brav die üblichen Belegstellen der Beatles-Literatur und -Webforen zum Weißen Album, die seit gefühlten 100 Jahren wiedergekäut und ausgespien werden: Daß der Song Revolution nicht zur Revolution aufruft, Ringo Starr während der Sessions bockig war, Eric Clapton ein Solo in While My Guitar Gently Weeps spielte … blafasel blafasel etc. pp.
Mitten in seiner Copy & Paste-Fleißarbeit fühlt sich der Autor jedoch berufen, globalkonkrete Zusammenhänge zu stricken:
“Am Tag, da Charles de Gaulle in Frankreich die Nationalversammlung auflöste, begannen die Beatles ihre Arbeit an einem neuen Album in den Londoner EMI-Studios an der Abbey Road.”
Am Tag, als Charles de Gaulle in Frankreich die Nationalversammlung auflöste, starb der kasachische Komponist Achmet Kujanowitsch Schubanow, belegte Tom Jones mit Delilah den ersten Platz der deutschen Single-Charts und verabschiedete der Deutsche Bundestag die Notstandsverfassung. Das kann kein Zufall sein; schließlich hängt alles mit allem zusammen.
Dabei haben wir die Konstellation der Gestirne noch nicht berücksichtigt; außerdem gilt zu beachten, wie oft an jenem Tag Schmidts Katze die Straße von links nach rechts und retour überquerte. Streng genommen hätten sich die Beatles sofort erschießen müssen, statt ahnungslos ins Studio zu trampeln und die Arbeit am neuen Album aufzunehmen.
“Am Tag, als ‘Revolution 9′ fertig gestellt wurde, ein Stück, das mit einer politischen Revolution rein gar nichts zutun hatte, sondern bestenfalls künstlerisch verstörend wirkte, marschierten die Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein und beendeten auf blutige Weise den Prager Frühling der Regierung von Alexander Dubcek.”
Wir können es nicht beschwören, aber wir vermuten, daß am Tag, als Revolution 9 fertig gestellt wurde, in China ein Sack Reis umfiel. Im Jahr 1968! Während der chinesischen Kultur-Revolution!
Was machten die vier sympathischen Pilzköpfe eigentlich am Tag, als Conny Kramer starb? Starb Conny Kramer aus Kummer über die Auflösung der Beatles? Was sagte Klaus Voormann zum Tod von Conny Kramer? Warum starb Charles de Gaulle früher als Conny Kramer? Weshalb erfahren wir es nicht? Was will uns der Autor verschweigen? Müssen denn erst wieder Truppen marschieren, bevor die Wahrheit ans Licht kommt?
“In ihrem Elfenbeinturm an der Abbey Road machten sich die Beatles indessen an die Aufnahme des Songs ‘Back in the USSR’, einer unter diesen Umständen eher makabren Witznummer, die in ihrem augenzwinkernden Sowjet-Kitsch gleichzeitig den Chuck-Berry-Song ‘Back in the USA’, die Beach-Boys-Nummer ‘California Girls’ und den Slogan der patriotischen Kampagne ‘I’m Backing Britain’ persiflierte.”
Die unter diesen Umständen makabre Witznummer wäre demnach unter anderen Umständen zwar immer noch witzig, aber nicht mehr makaber? Hätten die Beatles ihre Songs nach der aktuellen politischen Großwetterlage komponieren und texten sollen, um sich 40 Jahre später in der Berliner Zeitung nicht dem Generalverdacht ausgesetzt zu sehen, mit dem launigen Liedchen Back In The U.S.S.R. den Chef der KSČ Alexander Dubček zu verhöhnen?
Aber was wissen wir schon. Kleine Lichter, die wir sind, gemessen am Ozean der Weisheit, den der Autor verkörpert und dessen Wellen der Erleuchtung unsere unwürdigen Füße umspülen wie Tröpfchen der Erkenntnis, huldvoll dargereicht von Siddhartha Gautama persönlich.
Denn der Autor öffnet uns die Augen und läßt uns wissen, daß wir nichts wissen:
“Mit der von ihnen besungenen ‘Revolution’ wollten die Beatles nichts zutun haben. Solche Details eines Songs wurden auf den vom Fieber des Umsturzes erfassten Unis der westlichen Welt heiß diskutiert.”
An den Unis der östlichen Welt — und, wie wir hinzufügen möchten, auch in den Wohn-, Arbeits- und sonstigen Stuben der östlichen Welt — wurde selbstverständlich keine Exegese der Beatles-Texte betrieben. Man lauschte tagein, tagaus dem Pionierchor Omnibus und den Reden des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED, Vorsitzenden des Staatsrates und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates. Mehr gab es ja nicht im kärglichen Leben.
Wer waren noch mal die Beatles?
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