Die Berliner Zeitung müht sich seit Jahresbeginn tapfer, jede Woche irgend einen Schmontz zum Jahr 1968 unterzubringen. Vielleicht hofft man, vor der endgültigen Auslöschung der Redaktion noch einige Leser in Westberlin zu gewinnen, die ein Jahresabo kaufen, um den teuren Sozialplan für die Redakteure zu finanzieren. Ein anderer Grund ist schwer vorstellbar.
Denn weder in Ostberlin, dem eigentlichen Vertriebsgebiet der Zeitung, noch in Ostdeutschland gilt das Jahr 1968 als jenes deutsche Schicksalsjahr, zu dem es ältliche westdeutsche Redakteure liebend gern definieren würden; auch zu Nutz und Fromm der eigenen “Ich war dabei”-Legende.
Das sollte man eigentlich wissen, wenn man seinen Job bei einem Blatt antritt, dessen Leser unter der 36 Jahre dauernden Aufsicht des ZK der SED sozialisiert wurden und dessen nach 1990 großmäulig angekündigte Metamorphose zur deutschen Washington Post krachend in die Hose ging — u.a. deshalb, weil sich die Ostberliner Stammleserschaft einen feuchten Dreck um die künstlichen und gekünstelten Debatten von Keese, Seibt und Widmann scherte.1
Nun müht sich also die Redaktion, das Jahr 1968 als prägend für Deutschland zu definieren. Das ist in doppelter Hinsicht Mumpitz: 1968 gab es zwei deutsche Staaten; nur in einem der beiden spielten damals Studenten und Polizisten Räuber und Gendarm. Und mit dem Anschluß der DDR gelten die Anekdoten der Bonner Republik nicht automatisch für die Einwohner von Greifswald, Plauen oder ganz Berlin.
Wenn der eine oder andere Redakteur nicht glauben mochte, daß das so ist, dann konnte er sich auf der Leipziger Buchmesse eines Besseren belehren lassen:
“Merkwürdig disparat zwischen groß betrommeltem Thema und Publikumsinteresse verhielt es sich auch mit dem eigentlichen Messeschwerpunkt: Die Autoren der zahllosen Bücher zu 1968 diskutierten auf den verschiedensten Foren mit- und gegeneinander, aber das Volk tummelte sich doch eher bei der Historienschund-Präsentation vom ‘Geheimnis der Hebamme’.”
Während der Buchmesse besteht das Volk in Leipzig zuerst aus Leipzigern, dann aus ostdeutschen Messebesuchern und ganz zuletzt aus dienstreisenden Redakteuren. Die Diskrepanz zwischen dem aufgedunsenen Plumpsack 1968, den das westdeutsch dominierte Feuilleton als gesamtdeutsche Wichtigkeit hätschelt, und dem tatsächlichen Interesse der ostdeutschen Bücherfreunde an diesem Jahr dürfte für manchen Redakteur schockierend und lehrreich zugleich gewesen sein.
Feiert also eure Straßenschlachten, liebe Redakteure. Trinkt auf den roten Dani und den feschen Joschka. Aber hört bitte auf, eure Geschichtchen als wichtig für Deutschland zu deklarieren. Sie sind es nicht. Im Osten ist 1968 schlicht das Jahr zwischen 1967 und 1969.
- Inzwischen beschäftigt die Berliner Zeitung mit Andreas Krause Landt einen Träger des Gerhard-Löwenthal-Journalistenpreises. Dieser Preis wird von einer Stiftung in Kooperation mit der Jungen Freiheit vergeben. Die Auflage der Berliner Zeitung ist in der Tat dramatisch gesunken; jedoch so dramatisch auch wieder nicht, daß in letzter Verzweiflung rechtsradikale Leser über die Anstellung von JF-Preisträgern geworben werden müßten. Es sei denn, die politische Ausrichtung des Blattes soll prinzipiell geändert werden. [↩]
1 Kommentar ↓
[…] BLZ-Lesern ist dieser Qualitätsverlust natürlich ebenfalls aufgefallen (obwohl wieder andere das Gegenteil […]
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