Der Schönbohm-Jörgi hat erreicht, was einem Mann seines Schlages vergönnt sein kann. Als Schreibtischhengst saß er in diversen Planungsstäben von NATO und Bundeswehr seine Dienstjahrzehnte ab und diente sich Stück für Stück nach oben. Diese schöne Zeit hätte ihn bis zur Pensionierung tragen können, endete jedoch unvermutet 1990.
Der Anschluß der DDR an die BRD spülte den Schönbohm-Jörgi ans Licht der Öffentlichkeit. Man ernannte ihn zum Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg und übertrug ihm die Aufgabe, die DDR-Streitkräfte aufzulösen und zu delegitimieren. Er dankte es seinem Dienstherren, entließ 32.800 von 36.000 Offizieren und Unteroffizieren, stufte den übernommenen Rest um bis zu zwei Dienstgrade zurück und spendierte der Türkei Schützenpanzerwagen der NVA, die dort umgehend gegen Kurden zum Einsatz kamen. Hoch — die — internationale — Solidarität.
1996 wechselte er in die Politik. In Berlin heizte er als Innensenator die jährlichen Straßenschlachten zum 1. Mai mit rhetorischen Provokationen und dem martialischen Auftritt der ihm unterstellten Polizei an, verkrümelte sich aber nach zwei Jahren in Richtung Potsdam, um die Brandenburger CDU zu neuen Erfolgen zu führen. Er wurde Innenminister und Vorsitzender der brandenburgischen CDU und schaffte es, die CDU zur letzten Landtagswahl 2004 von 26,5 auf 19,4 Prozent der Wählerstimmen zu reduzieren. Damit lag sie hinter SPD und PDS und hat inzwischen beste Aussichten, zur nächsten Wahl 2009 von der Regierung in die Opposition zu wechseln.
Den Landesvorsitz der CDU Brandenburgs mußte er inzwischen räumen, aber er tat es frohen Mutes, wie er nicht müde wurde, zu verkünden. Denn frei von der Last und Bürde seiner politischen und militärischen Ämter kann er endlich zwitschern, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die scheindemokratische Maske darf abgelegt werden; Klartext ist nun angesagt.
Und so klingt der ungefilterte Schönbohm, wenn er über die Adenauerzeit reflektiert, der er bis heute nachtrauert:
“Am Anfang stand das Aufbegehren der Jugend gegen das Verdrängen und die vermeintlich biedermeierliche Idylle der ‘miefigen’ Ära Adenauer. Die selbsternannten Gesellschaftsveränderer zogen gegen die Engstirnigkeit und die bürgerliche Spießigkeit der Elterngeneration ins Feld (…) Das Einzige jedoch, was ihr ‘Feldzug für die Freiheit’ zurückließ, war intellektuelle Einseitigkeit und eine geistig-moralische Ödnis. Lediglich die ideologische Verbohrtheit blühte auf.”
“Bürgerlichkeit und höfliches Benehmen wurden durch Provokationen, Schamlosigkeit und rücksichtlosen Egoismus ersetzt. Wo einstmals Regeln und Normen dem Leben Orientierung gaben, herrscht heute Beliebigkeit vor.”
“Selbstverwirklichung ist zum neuen Zauberwort unserer Zeit geworden. Die Frau, die es wagt, ihre berufliche Karriere zugunsten der Familie aufzugeben, die es vielleicht sogar wagt, ihre Erfüllung in der Mutterrolle zu sehen, wird als Heimchen diffamiert und riskiert ihr gesellschaftliches Ansehen. In einer solchen Atmosphäre erfährt auch die Abtreibung als Mittel einer selbstbestimmten Lebensplanung zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz – ganz nach dem Hippie-Mantra: ‘Mein Bauch gehört mir’.”
“Die gleichmacherische Gesamtschulromantik, der Verzicht auf Leistung und die Verweigerung eines einheitlichen Bildungskanons haben dazu geführt, dass über die Jahrzehnte unendlich viel an Kulturwissen verloren gegangen ist.”
“An die Stelle der Vaterlandsliebe rückte ein diffuses Weltbürgertum. Deutschsein galt als Synonym der Spießigkeit und Kleinkariertheit. Nicht nur die weinseligen Toskanafraktionäre lobten in kosmopolitischer Manier die Lebensfreude der Karibikstaaten, die Spiritualität Indiens, die Offenheit Südamerikas oder das Geheimnisvolle der arabischen Welt. Solche Multi-Kulti-Träumereien beschädigten die Gemeinsamkeiten unserer Gesellschaft, versperrten den Blick auf die tatsächlichen Probleme der Integration und sorgten jahrzehntelang für eine wahllose und unkontrollierte Zuwanderung.”
“Wer sich dazu bekennt, auf sein Vaterland stolz zu sein, wird öffentlich geteert und gefedert.”
Armes altes Hascherl, könnte man sagen. Wenn sich hinter diesen auszugsweisen Zitaten nicht eine unglaubliche Kongruenz des Schönbohm’schen Denkens mit vordemokratischen Normen und Werten offenbaren würde. Es ist eben kein Zufall, daß der Schöpfer der Deutschen Leitkultur Jörg Schönbohm heißt, der diesen chauvinistischen Kampfbegriff ausgerechnet in zwei Interviews mit der Jungen Freiheit publizierte. Ebenso sollte nicht vergessen werden, daß Schönbohm seinen Parteikollegen Oettinger nach dessen Eklat auf der Trauerfeier für NS-Marinerichter Filbinger in Schutz nahm. Für Schönbohm ist Filbinger bis heute ein ehrenwerter Mann.
Was aber angesichts seiner Sozialisierung als Kommißkopp, verbunden mit einem offen zur Schau gestellten Kommunistenhaß und der Verachtung der von ihm als Innenminister regierten Ostdeutschen (“Kindestötungen als Resultat einer erzwungenen Proletarisierung”), nicht verwundern sollte. Er ist eine treue Stütze seiner Gesellschaft.
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