Am 01. April wird der S-Bahnhof Schönefeld zum dritten (oder vierten?) Mal seit Einführung der Tarifzonen neu einsortiert. Diesmal von Zone B in Zone C. Da freuen sich die Länder Brandenburg und Berlin und die Deutsche Bahn als Eigentümerin der S-Bahn über ein paar Cent mehr in den Kassen. Ganz besonders froh sind alle privaten Sicherheitsdienste, die rechtzeitig einen Vertrag ergattern konnten.
Der Tarif für eine Fahrt vom Stadtzentrum nach Schönefeld steigt von 2,10 Euro auf 2,80 Euro. Das klingt nicht viel, aber der Witz liegt hier im Detail. Den Mehrpreis von 70 Cent zahlt der Fahrgast für eine einzige Station. Wir schreiben es noch mal hin, weil es so unwirklich scheint: 70 Cent für eine Station.
Der S-Bahnhof Schönefeld ist die Endstation der Linie S 9. Von Schönefeld fährt keine S-Bahn weiter ins Brandenburger Land. In anderer Richtung fährt die S-Bahn nur nach Berlin, in die Tarifzonen B und A. Der nächste S-Bahnhof Grünbergallee liegt demzufolge in der Tarifzone B. Vom Berliner Zentrum aus kann man also für 2,10 Euro nur noch bis zum Bahnhof Grünbergallee fahren. Dann überquert die S-Bahn die Grenze zum Land Brandenburg — und ab 01. April zur neuen Tarifzone.
Im Bahnhof Grünbergallee werden deshalb ab 01. April die Kontrolleure zusteigen und eine Station zwischen Grünbergallee und Schönefeld pendeln. Denn diese Masche ist nicht neu: Verschiebung der Tarifzonen, um aus den Fahrgästen — vor allem den nicht Deutsch sprechenden Touristen — mit größtmöglicher Härte das erhöhte Beförderungsentgelt zu quetschen. Es wäre interessant, zu erfahren, wo die örtlichen Wach- und Schließgesellschaften ihre Kontrollettis rekrutieren. Nach den letztjährigen Skandalen um verprügelte, beleidigte und bewußt in die Irre geführte Fahrgäste könnte man vermuten: Direkt an der Knastpforte, im Jugendwerkhof oder in illegalen Boxclubs.
Auf der Straße ist die Fahrt vom S-Bahnhof Schönefeld zur Berliner Landesgrenze (gestrichelte graue Linie) ca. 1,5 Kilometer lang und dauert vier Minuten. Die S-Bahn nimmt einen direkteren Weg und ist zwei Minuten schneller.

Zwei Minuten Brandenburg sollten also eine Fahrpreiserhöhung von 33,3 Prozent wert sein, meint der VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg). Wer das anders sieht und die Schikanen der Kontrolleure ohne bleibende Schäden übersteht, den wird spätestens das Gericht von der Wohlgefälligkeit der Tariferhöhung überzeugen. Das Amtsgericht Essen verurteilte in dieser Woche einen notorischen Schwarzfahrer zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Ohne Bewährung.
Zwischen den S-Bahnhöfen Grünbergallee und Schönefeld bleiben laut Fahrplan drei Minuten Zeit, um die inoffizielle Brandenburger Hymne anzustimmen. Bei der Zeile “Heil dir mein Brandenburger Land” wird sich der kahlköpfige Ticket-Kontrolleur die Tränen der Rührung aus den Augen wischen, bevor er mit patriotischem Schwung das touristische Nasenbein wegen fehlender 70 Cent zertrümmert:
Märkische Heide,
Märkischer Sand
Sind des Märkers Freude,
Sind sein Heimatland.
Refrain:
Steige hoch, du roter Adler,
Hoch über Sumpf und Sand,
Hoch über dunkle Kiefernwälder,
Heil dir mein Brandenburger Land.
Uralte Eichen,
Dunkler Buchenhain,
Grünende Birken
Stehen am Wiesenrain.
Blauende Seen,
Wiesen und Moor,
Liebliche Täler,
Schwankendes Rohr.
Knorrige Kiefern
Leuchten im Abendrot,
Sah’n wohl frohe Zeiten,
Sah’n auch märk’sche Not.
Bürger und Bauern
Vom märk’schen Geschlecht,
Hielten stets zur Heimat
In märk’scher Treue fest!
Hie Brandenburg allewege -
Sei unser Losungswort!
Dem Vaterland die Treue
In alle Zeiten fort.
Keine Kommentare ↓
Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.
Mein Kommentar: