Gottes Segen über Leipzig

Geschrieben von messitschbyburns am 02. April 2008 | DDR, Decker, Gott, Pfarrer Führer, Unsere Besten


Mit Stolz und Ehrfurcht begrüßen wir zwei Neuzugänge im Club der Maueröffner. Bisher versammelten wir auf unserer kleinen Liste des revolutionären Personals der 1989er Zeit- und Weltgeschichte:

  • Günter Schabowski
  • David Hasselhoff
  • Wolf Biermann
  • City
  • Scorpions
  • Ronald Reagan
  • Michail Gorbatschow
  • Papst Johannes Paul II.
  • Dr. Helmut Kohl
  • Unser Held Eppelmann

Dank emsig sprudelnder Erinnerungen von Zeitzeugen, deren niemals nachlassendes Gedächtnis auch 19 Jahre nach dem revolutionären Ereignis mit maschineller Präzision funktioniert, wurden wir nun an einen der ganz Großen aus jenen wilden Tage erinnert, dessen Abwesenheit auf der Liste des Ruhmes und der Ehre uns im Nachhinein beschämen muß. Auch deshalb, weil der zu Preisende seine messianische Berufung quasi im Namen trägt.

Begrüßen und beglückwünschen wir also die Nummer 11 auf der ewigen Liste der Maueröffner:

Pfarrer Christian Führer

Über den bekannten und beliebten Pfarrer zu schreiben, hieße Pestizide in die Pleiße zu tragen. Trotzdem kann der gute Geist von Leipzig nicht oft genug gewürdigt werden; ohne ihn und seine Montagsgebete vor stasibesetztem Kirchengestühl würde die DDR in diesem Jahr ihren 59. Republikgeburtstag feiern. Mit Fackelzug, Egon Krenz und SillyCityPankow. Danke, Herr Führer, daß Sie uns davor bewahren konnten. Vor allem vor letzteren.

Verweilen wir für einen Augenblick beim Metaphysischen und Unerklärlichen. Warum liefen die Leipziger im Oktober 1989 und nicht im August oder Dezember — oder 1988 oder 1990 — über den Ring? Weshalb die Leipziger und nicht die Hallenser oder Cottbuser? Wieso 70.000 und nicht 7.000 oder 17.000?

Wir wissen es nicht. Das heißt, wir ahnen es, doch wir wagen nicht, dem Unfaßbaren ins Auge zu schauen. Wir, die wir kleinmütig von Geburt sind; unwürdig, die gewaltigen Mächte im Geiste zu erfassen, die jenseits des Erdenrunds toben, weit außerhalb unserer kümmerlichen Vorstellungskraft.

Doch eine Frau ward von Engelein zu unserem HErrn gehoben, um IHN nach der Wahrheit über jene wunderbaren Tage zu befragen; und mit den Engelein schwebte sie lebendigen Leibes zum blauen Planet zurück. Kerstin Decker ist ihr Name, den wir von Stund an nur noch flüstern wollen und SIE als Selige verehren, als Heilige gar, ach — als selige Heilige! Ist denn Kerstin nicht abgeleitet von Christina — die da heißt: die Gesalbte? Ja, so ist es! Oh Gesalbte, sprich zu uns! Erbarme dich und gib uns Unwürdigen ein Karfünkelchen vom göttlichen Himmelsbrote!

Und Santa Christina zerbröselte ein Bröckchen Manna, tunkte es in ein Tröpfchen Ambrosia, strich uns über die blinden Augen und machte uns sehend:

“70.000, wird man später wissen, strömten langsam auf den Leipziger Innenstadtring. Und man musste nicht Christ sein, um die Hand Gottes über diesem Zug zu spüren. Ohne Anführer, ohne festgelegte Route, ohne Programm, an den schreckstarren Polizeiketten vorbei.”

Gottes Hand führte die Leipziger Demonstranten am 07. Oktober 1989 sicher durch die Innenstadt! Eine göttliche Revolution! Im evangelisch-lutherischen Sachsen! Man hätte es ahnen müssen. Und ein jeder, dem die Teilhabe an diesem Auszug aus Ägypten Umzug um die Nikolaikirche vergönnt war, fährt am Abend mancher Tage, da er sich vom irdischen Jammertal verabschieden darf, geradewegs ins Himmelreich, um zu Füßen des Heiligen Vaters Platz zu nehmen, mit dem Finger auf das beschauliche Häusermeer von Leipzig zu weisen und zu sagen: “Gugge ma’, Godd, dort und’n bin isch langgelatscht.”

So wollen wir uns zu Boden werfen, das Antlitz verbergen und den zwölften Namen auf unsere bescheidene, staubige Liste schreiben:

Gott

So sei es. Jetzt und in Ewigkeit. Amen. Bitte die Kollekte am Ausgang beachten.

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