Computerspieler sind Totschläger

Geschrieben von messitschbyburns am 02. April 2008 | Killerspiele


Am Ostersonntag wurde Olga K. auf dem Beifahrersitz ihres Autos von einem sechs Kilogramm schweren Holzklotz erschlagen, den ein Unbekannter von einer Brücke auf die Autobahn A 29 bei Oldenburg warf.

Diese Tragödie ist unfaßbar. Ebenso unfaßbar, aber seit Robert Steinhäusers Amoklauf eine permanente Begleiterscheinung, ist die Trittbrettfahrerei von politisierenden Profilneurotikern und psychologisierenden Quacksalbern, die ihre verbale Diarrhoe nicht mehr unter Kontrolle haben. Sie hocken nach jeder Katastrophe am Telefon, fiebernd, daß sie von irgend einer Redaktion angerufen werden, um dann mit populistischem Geschwalle zu glänzen. Je hanebüchener, desto besser.

Einer derjenigen, die regelmäßig nach Amokläufen oder ähnlichen Schicksalsschlägen zur Stelle sind, um dümmstmögliche Interviews zu geben, ist ein gewisser Wolfgang Bergmann. Er bezeichnet sich selbst als Kinder- und Jugendpsychologe. Wir lachen später.

Bergmann gab der Wochenzeitung Die Zeit ein Interview zum Oldenburger Fall. Obwohl bisher nur vage Phantombilder der Täter existieren, obwohl noch keine Verdächtigen gefaßt und keine Geständnisse notiert sind, schüttelt der Experte seine Erklärungen aus der Lamäng:

“Als Drittes kommt die moderne Medienwelt hinzu: Noch nie gab es Kinder, die so gefüttert wurden mit Glücksversprechen. Das Ich-Ideal muss sich an all den Superstars und Supermodels orientieren. Es geht darum zu agieren, als wäre man allmächtig, ein junger Gott. Die Realität ist dagegen unattraktiv. Ein guter Mathematikunterricht ist nichts im Vergleich der Möglichkeiten vom Internetspiel ‘World of Warcraft’.”

Noch einmal: Die Täter sind bis heute unbekannt; mithin ihr Alter, ihr Umfeld, ihre Ausbildung, ihre Vorlieben etc. pp. Möglicherweise waren der oder die Täter jugendlich, möglicherweise nicht. Zu diesem frühen Zeitpunkt hält man eigentlich die Klappe und wartet die Ergebnisse der Ermittlungen ab.

Dem Küchenpsychologen Bergmann ist das piepegal. Er muß dringend sein kleines Licht auf die Bühne stellen. In Deutschland klappt das immer, sobald das Buzzwort “Computerspiel” fällt. Dann öffnen sich die Türen der Redaktionen, dann fließen die Honorare. Auch für den allergrößten Tropf.

Denn wer ausgerechnet World of Warcraft in einen Zusammenhang mit dem Oldenburger Totschlag bringt, wer also suggeriert, daß das Spielen dieses Spiels die Vorstufe zum Holtzklotzwerfen von Autobahnbrücken sei, der ist entweder gottverlassen dumm oder ein vorsätzlicher Lügner. Oder beides.

Weiter bei Bergmann:

“Zum Beispiel wechseln die Computerspieler oft die Freunde. Sozial ungebildetere Gruppen suchen durch ihre aggressive Haltung nach außen den Zusammenhalt. Die Dynamik, die dabei entsteht: Alles, was anders ist als wir, ist feindlich. Es handelt sich um sehr unruhige, seelisch wenig integrierte Jugendliche, die ihre Umwelt nicht verstehen, nicht in sich aufgenommen haben und vermuten, jeden Moment könnte ihnen Feindseligkeit entgegenschlagen.”

Es gibt nicht den Computerspieler. Die Spieler separieren sich seit Jahren in Interessengruppen, die sich bestenfalls berühren, aber nicht überschneiden; die voneinander völlig verschieden sind, sowohl in der sozialen Struktur wie im Alter und Geschlecht der Spieler oder deren Bildung. Bergmanns Phantasmagorie der Computerspieler als “unruhige, seelisch wenig integrierte Jugendliche” ist deshalb von einer geradezu erschütternden Dürftigkeit. Was aber in der Sparte der Kinder- und Jugendpsychologen eher die Normalität darstellt. Da grüßt der Depp den Deppen.

Bergmann lallt, was er und seine Kollegen eben lallen: Die Jugend von heute. Früher war alles besser. Als für Jugendliche noch Theaterverbot, Kinoverbot, Comicverbot und Fernsehverbot gefordert werden konnte, um dem verderblichen Einfluß dieses neumodischen Krams Einhalt zu gebieten. Als Psychologen das Masturbieren mit pseudowissenschaftlichem Geschwurbel als Gefahr für das kindliche Seelenheil verdammten und besorgte Eltern die Hände ihrer Kinder nachts in Fausthandschuhe zwängten oder ans Bett fesselten.

Als hyperaktive Kinder mit eiskaltem Wasser aus Feuerwehrschläuchen abgespritzt wurden, weil Psychologen meinten, dies wäre für die pubertäre Entwicklung von Vorteil. Als Psychologen die harmlose Sexualaufklärung der BRAVO unterbinden wollten, weil Fotos nackter Menschen bei Jugendlichen einen Schock auslösen würden, der sie als Erwachsene zu Vergewaltigern werden ließe.

Heute zipfeln sich Kinder- und Jugendpsychologen wie Bergmann mit Kalendersprüchen über Computerspieler durch das Leben. Irgendwie muß eben die Miete bezahlt werden. Denn wer oft genug die regierungsamtliche Rhetorik nachplappert, nach der alle Gewalt vom Computerspieler ausgeht, für den wird auch der eine oder andere Auftrag abfallen. Töpfchen-Pfeiffer hat gezeigt, wo’s lang geht.

3 Kommentare ↓

#1 Mechanic am 03.04.08 um 09:37

Vielen Dank fuer diesen Kommentar, er spricht mir aus der Seele.

Siehe auch mein Kommentar bei zeit.de. Umgekehrt wird naemlich ein Schuh draus. In meinem Fall ist es sicher so, dass frueher in meiner Jugend die heimische Beschaeftigung mit dem PC sicherer war als sich draussen auf der Strasse mit der “Was-guckst-Du” Fraktion herumzupruegeln.

Waere die Gesellschaft nicht so krank, waere ich sicher nicht so ein tendenziell introvertierter Computerfreak geworden, aber ich beschwere mich nicht.

Die Sache dann aber herumzudrehen und zu sagen “Ja, die Computerfreaks, das sind die Killer von morgen!” ist sowas von dumm, dreist, und realitaetsfern, das man wirklich fast gewalttaetig werden koennte — gegenueber den Moechtegern-Psychologen, die so einen Mist verbreiten.

#2 Mechanic am 03.04.08 um 09:50

Es ist bewiesen: es waren World of Warcraft-Spieler.

http://crazyhunter.cr.funpic.de/itemcreator/item.php?id=22141

#3 messitschbyburns am 03.04.08 um 19:55

Ich warte ja nur noch auf den großen Auftritt von Töpfchen-Pfeiffer in den Tagesthemen. Anschließend tourt er sicher wieder zu Illner, Will und Plasberg, dann durch alle Talkshows der Dritten Programme, und zum Schluß formuliert er als Berater der Bundesregierung die nächste Gesetzesverschärfung gegen die bösen Computerspiele.

Mein Kommentar: