Wolves In The Throne Room
“Two Hunters”
(p) 2008, Southern Lord Records

In der Liste der Flops der Wintersaison 2008 souverän auf Platz 1: Wolves In The Throne Room.
Ach, wir schämen uns unserer Tränen nicht. Wir müssen selbstkritisch einräumen: Unser Lob für Southern Lord Records kam vorschnell über die Lippen. Zwar lieben und schätzen wir dieses Label über die Maßen, doch wo der Mißgriff unüberhörbar ist, wollen wir nicht so tun, als ginge es uns nichts an.
Southern Lord Records hat Bands unter Vertrag, deren Namen bei Musikfreunden einen Klang besitzen wie der eines 50 Jahre alten Rotweins für einen Sommelier: Sunn O))), Earth, Church Of Misery, Earthride, Internal Void, Khanate, Place Of Skulls, Teeth Of Lions Rule The Divine, Thrones, OM, Boris, Goatsnake …
… und nun auch Wolves In The Throne Room. Warum? Wozu? Greg Anderson, Stephen O’Malley! Wollt ihr, daß wir stärb’n?
Immerhin sind wir Ohrenzeugen eines neuen Genres: Black Metal für den Esoterik-Zirkel. Richard Dahlen (g, voc), Nathan Weaver (g, voc) und Aaron Weaver (dr) leben in einem Wald bei Olympia, Washington. Würden sie dort still die Würmer beobachten oder den Mond ansingen, wären sie nur drei Spinner unter vielen. Aber es drängt sie, sich auf einer CD zu artikulieren — und zur Verbreitung ihrer Graswurzel-Mission wählten sie ausgerechnet Black Metal.
Sie umarmen Bäume und sprechen mit Pflanzen. Sie säen und ernten und lieben die Tiere auf ihrer Farm. Palim Palim. Die Dummheit der Welt widert sie an. Sie glauben an das reinigende Feuer, das die Welt zerstören wird. Palim Palim. Ihre Musik soll das göttliche Weibliche einbeziehen. Sie möchten, daß ihre Fans im Konzert nicht hüpfen, sondern auf dem Boden liegen und weinen. Palim Palim. Sie mögen keine Computer und kein Internet. Den Strom für ihre elektrische Musik beziehen sie noch aus der Steckdose am Waldrand, bald jedoch aus ökologisch korrekten Solarzellen. Palim Palim. Auch für uns bitte eine Flasche Pommes Frites.
Nicht, daß wir uns über Spinnwebenzähler lustig machen würden. Niemals! Hätten die Grünen 1999 nur Tiere und Pflanzen geschützt, wären deutsche Truppen nicht völkerrechtswidrig in Jugoslawien eingefallen. Aber Claudia Roth singt ja auch nicht.
Die Band will ihre 46minütige CD, die sich in vier Songs teilt, als Konzept verstanden wissen. Aha. Das Intro Dia Artio beginnt mit Grillenzirpen und dem Ruf eines Uhus, der sehr bald im einem breitflächigen, hypnotisierenden Keyboard-Matsch versinkt. Wir lehnen uns zurück und erinnern uns an unsere Geburt … noch weiter zurück … an unsere Zeugung … noch weiter … Stop.
Bevor es unappetitlich wird, werden wir in Vastness And Sorrow von schrammelnden Gitarren, Bassdrum und einem grunzenden Sänger zurückgeholt. 12 Minuten dauert der Zinnober, der im Wesentlichen aus einem flott gespielten Riff besteht, das zäh wiederholt wird. Hier wie in den anderen Songs nerven aber weniger die eindimensionalen Gitarren, sondern der Drummer. Er ist ein Klopfer vor dem Herrn: Immer feste druff, und nur nicht variieren. Man schenke ihm eine CD von High On Fire.
Es folgt das 10minütige Cleansing. Die ersten vier Minuten sind gefüllt mit Keyboardrauschen und indianischem Getrommel, verzuckert mit dem elegischen Gejammer der Gastsängerin Jessica Kinney, die man eher bei Within Temptation vermuten würde. Dann der übliche Schnitt: schrammelnde Gitarren, Bassdrum und ein grunzender Sänger.
Und schon gleiten wir sanft zum finalen Song I Will Lay Down My Bones Among The Rocks And Roots. In der ersten Minute lauschen wir einer Akustikgitarre und dem Rauschen des Windes in den Bäumen des Waldes. Dann der übliche Schnitt: schrammelnde Gitarren, Bassdrum und ein grunzender Sänger. Nach 18 Minuten ist auch dieser Schmerz überstanden. Am Ende zirpen noch einmal Jessica Kinney und die Grillen. Gott, wie süß.
Die Band wirkt wie ein Gebräu aus einem Teebeutel, in dem Funeral Doom und Melodic Death gemischt wurden: Shape Of Despair, Skepticism, Swallow The Sun, Mourning Beloveth … allerdings im vierten Aufguß. Zu flau für Death, zu fad für Black, zu schnell für Doom, zu kindisch für Metal. Jemand verglich diese Band gar mit Neurosis. Manche Leute sind wirklich witzig.
Wir wollen aber die Hoffnung nicht aufgeben, denn Wolves In The Throne Room sind schließlich bei Southern Lord unter Vertrag. Vielleicht klopfen Greg Anderson und Stephen O’Malley ihren Schützlingen liebevoll auf die Finger und zeigen ihnen den Weg zum labeleigenen CD-Regal. Dann werden sie merken: Lautes Grunzen und ein einsames High-Speed-Riff machen noch keinen Black Metal. Eine dritte Chance (2006 erschien bereits Diadem Of 12 Stars) sollten wir ihnen gönnen. Aber keine vierte.

Wolves In The Throne Room bei der inneren Sammlung.
Im Hintergrund wächst eine gute Fee aus dem reinigenden Feuer.
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