Im Februar schrieben wir über die Aufhebung des Postgeheimnisses für Paketen, Päckchen und Briefe im Postverkehr zwischen Europa und den USA. Unser Beitrag basierte auf einem Artikel der Journalistin Susanne Härpfer. Sie hatte den Fall recherchiert, aufgedeckt und am 22. Januar 2008 auf ZEIT online publiziert.
Am 13. Februar 2008 beschäftigte sich der Innenausschusses des Deutschen Bundestages mit dem Vorgang. Als Anlaß wird der Artikel auf ZEIT online genannt. Susanne Härpfer interviewte den Vorsitzenden des Ausschusses, Sebastian Edathy (SPD), telefonisch über den aktuellen Stand zum demolierten Postgeheimnis — und läutete damit ihr Ende als freie Journalistin für ZEIT online ein.
Offenbar krachten am Telefon zwei Choleriker aufeinander. Wort prallte auf Wort, und nachdem sich der Staub verzog, wollte Edathy keine Silbe mehr mit seiner Interviewerin reden. Solche Animositäten plätschern gewöhnlich aus. Irgendwann trifft man sich zufällig beim Bier, lacht über den Psycho-Quatsch und versöhnt sich.
Nicht jedoch Sebastian Edathy. Der ließ sämtliche Muskeln spielen. Zunächst nahm ZEIT online von einem zweiten Artikel, den Textchef Ludwig Greven bei Susanne Härpfer bestellt hatte, Abstand. Die Journalistin, die auch ihren Lebensunterhalt verdienen muß, brachte ihn bei Telepolis unter, wo er am 14. Februar 2008 erschien.
Das war Edathys große Stunde. Als hätte er nur auf einen Vorwand gewartet, zog er alle Register, die ihm als Ausschußvorsitzender zur Verfügung stehen. Am 02. März 2008 faxte er ein Schreiben an die Chefredaktion von ZEIT online, in dem er sich darüber beschwerte, daß eine freie Autorin von ZEIT online Interviewpassagen mit ihm auf Telepolis veröffentlichen würde. Als wäre Telepolis — u.a. mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet — ein räudiges Medium, mit dem sich ein Ehrenmann von Edathy’schem Format nicht abzugeben pflegt.
Der große Edathy wünschte erstens eine Autorisierung seiner gesalbten Worte — ein Reflex, dem jeder intellektuelle Dreikäsehoch Deutschlands erliegt, der sein Schnullermündchen vor ein Diktiergerät hält und dabei an die unverwüstliche Legende glaubt, er besäße Anspruch auf das Gegenlesen und die Korrektur seines geistigen Ausflusses –, verkündete zweitens einen Boykott gegenüber Susanne Härpfer und forderte drittens — jetzt wird es heftig — die Entfernung der Journalistin aus dem Mitarbeiterpool von ZEIT online.
Edathys Andeutung, den früheren Herausgeber der ZEIT, Theo Sommer, persönlich zu kennen, zeigte Wirkung. Die Chefs von ZEIT online knallten die Hacken zusammen, riefen “Jawoll!” und ließen Susanne Härpfer mitteilen, daß sie keinen Auftrag mehr erhalten würde.
Anschließend drohte jeder jedem, und inzwischen spricht man nicht mehr miteinander.
Wir können nicht beurteilen, welche Worte im Interview gefallen sind, die den Eklat auslösten. Interessanter ist, daß die beiden Egomanen aus Versehen und nur für einen kurzen Moment den Vorhang vor dem Denkmal lupften, das sich die deutsche Medienbranche zur Selbstglorifizierung errichten ließ. Auf dem Stoff steht in goldenen Lettern “Vierte Kraft im Staat”. Wird er aber angehoben, glotzt man auf eine schrundige und verlogene Rendite-Hure.
Die ZEIT und ZEIT online gehören zur Verlagsgruppe Holtzbrinck. Die besitzt auch den Tagesspiegel, wo die Verluderung so weit gediehen ist, daß man sich bedenkenlos als verlagseigenes Propagandablatt prostituieren läßt, um die eigennützigen Attacken des Hauses Holtzbrinck gegen den Mindestlohn voranzutreiben. Auf der einen Seite also die Bezahlung schreibender Mietmäuler, auf der anderen Seite der stramme Befehlsempfang aus der Politik.
So war es auch bei Honecker: Ein Anruf genügte, und das Organ marschierte. Als hätte sich der verstorbene Joachim Herrmann einfach umbenannt, hieße jetzt Giovanni di Lorenzo, wäre Chefredakteur der ZEIT und Mitherausgeber des Tagesspiegels.
Die Werbung brachte es auf den Punkt: Raider heißt jetzt Twix. Sonst ändert sich nix.

“Genossinnen und Genossen! Wir begrüßen das Mitglied
des Politbüros des ZK der SPD und den 1. Sekretär der
Kreisleitung Nienburg-Schaumburg, Genossen Sebastian Edathy,
und beglückwünschen ihn für seine Wachsamkeit gegenüber
uns feindlich gesinnten Kräften! In Anerkennung und Würdigung
der gezeigten Leistungen überreichen wir dir, Genosse Edathy,
die Günter-Schabowski-Ehrennadel in Gold!”
(lang anhaltender Applaus, einzelne Hochrufe)
2 Kommentare ↓
Manueller Trackback:
Wenn LIDL die Kündigung einer Redakteurin veranlasst, weil der Billigheimer-Discounter mit der Pressefreiheit so seine Probleme hat, ist das eine Sache. Eine andere – und schlimmere – Sache ist es, wenn der
SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy die Redaktionsleitung von ZEIT-Online dahin bewegt bekommt, einer Freien Journalistin fortan keine Aufträge mehr zu erteilen.
Das Statement der Chefredaktion von ZEIT-Online zu dem Vorgang mag jeder für sich beurteilen. BooCompany hofft derweil auf eine Reaktion der betroffenen Journalistin namens Susanne Härpfer.
http://37sechsblog.de/?p=2178
[…] politik War das nicht der, der Arbeitnehmer verpflichten will, nach ner 40 h > > Woche bei 200 Euronen Verdienst noch aufs Amt zu rennen? > > Ja. Das kann er lächelnd fordern, weil er eine Rückkehrgarantie in > seinen Job als Krankenkassen-Fuzzi besitzt, falls er bei der FDP > rausfliegt. Typisch. > > So sind sie, die Freien Demokraten. Auf den Schwächsten der > Gesellschaft herumtrampeln und dabei das lachend Whiskyglas > schwenken, weil man selbst unkündbar ist. Ekelhaftes Grobzeug. Mir scheint, die Ideologie der FDP zieht die größten Egomanen und Egoisten der ganzen Republik in Ihre Reihen, Ihr “Freiheitsempfinden” gilt zuallererst für sie selber, deshalb beherbergigen sie auch so viele Selbständige in Ihren Reihen. Das Ganze wird öffentlich durch angeblichen Liberalismus getarnt, der aber immer nur die eigene, vermögende Clientel voll trifft, versorgt, und anspornt. Aber wenn 900 Bullen widerrechtlich bundesweit Gebäude stürmen, so liegt das in der Natur der Sache - sicher nichts, worüber man sich aufregen müßte! […]
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