Rummelsnuff: Halt durch!

Geschrieben von messitschbyburns am 17. April 2008 | Hörsturz, Rummelsnuff


Rummelsnuff
“Halt durch!”
(p) 2008, Zick Zack/Indigo

rummelsnuff_s.jpg

Es ist an der Zeit, einen Mann zu feiern, wie es ihn so gebaut in Deutschland nirgendwo ein zweites Mal gibt. Rummelsnuff sprengt jeden Rahmen. Ästhetisch, stimmlich und musikalisch.

Der Mann hinter der Kunstfigur Rummelsnuff heißt Roger Baptist. Ältere Musikliebhaber werden sich erinnern: Roger Baptist war Keyboarder der fabelhaften, grandiosen und 1992 leider aufgelösten Dresdner Band Freunde der italienischen Oper.

Auf der F.D.I.O.-Website findet sich in der Rubrik “Reviews” heute noch ein Konzertbericht, der 1990 im gedruckten Vorgänger dieses kleinen Blogs erschien. Die im Messitsch-Artikel beschriebene Wirkung von F.D.I.O. war nicht untertrieben. Der Autor dieser Zeilen muß es wissen; das wahnsinnig originelle Pseudonym Charles Checkpoint gehörte ihm. Die Bühnenpräsenz der Band war einzigartig. Im gesamten Musikgetriebe der fahlen Zeit, als die DDR konturlos verdämmerte, gab es keine Band, die auch nur annähernd an die Qualität und Faszination von F.D.I.O. herangereicht hätte.

Diese Vorrede ist notwendig, um klarzustellen, daß Roger Baptist kein entsprungener Irrer oder gelangweilter Bodybuilder ist, der nun auch noch singt. Roger Baptist alias Rummelsnuff ist Musiker; ausgebildeter Fagottist, später Bassist und Keyboarder. Die F.D.I.O.-Schule dürfte bei ihm nicht den schlechtesten Einfluß hinterlassen haben.

Wer Rummelsnuff zum ersten Mal und unvorbereitet sieht, reagiert meist mit dem verblüfften Ausruf: “Oh Gott!” Das ist nachvollziehbar. Gewaltigere Muskelberge wird auch Arnold Schwarzenegger nicht angehäuft haben. In Rummelsnuffs Videos zucken die Bizeps, Trizeps und Brustmuskeln. Glänzende, eingeölte Haut trieft vor Schweiß. Ein Berg aus Fleisch pflügt durchs Wasser, zwängt sich in Feinripp oder schält sich nackt aus dem Brunnen am Strausberger Platz — wie eine Hommage auf Schwarzeneggers Terminator, der ebenfalls nackt auf der Erde landete.

Die offizielle Vita von Roger Baptist bleibt für die Zeit nach F.D.I.O. und dem Ende seiner Band Automatic Noir wacklig. Ob er wirklich sieben Jahre lang zur See fuhr oder die magische Zahl Sieben mit dem ewigen Sehnsuchts-Seufzer Meer verknüpfte und beides geschickt in seine Biographie schmuggelte, ist wohl eine Glaubensfrage. Halten wir uns also an die Fakten.

Unübersehbar ist sein Körperkult. Roger Baptist formte sich nach eigenem Gutdünken — und das ist sein Recht. Wer ihm sein Äußeres vorwirft, projiziert lediglich sein kleines Schönheitsideal auf Dritte. Das ist bestenfalls plappernder Stumpfsinn, schlimmstenfalls eine kaschierte Form der ewigen Diskriminierung all dessen, was sich dem Mainstream verweigert.

Unüberhörbar sind seine Vorlieben für elektronische Musik — derbe Strommusik, sagt Rummelsnuff — und straffe Texte. Wenn man Bekanntes heraushören möchte, kommt einem als erstes DAF in den Sinn. Außerdem Andreas Dorau, The Legendary Pink Dots, Kraftwerk und natürlich Devo. Sehr verschiedene Muster also und womöglich nur im Kopf des Rezensenten existent. Denn wovon sich Roger Baptist wirklich inspirieren ließ, weiß nur er allein. Ebenso, ob er schwul ist oder nicht. Kann sein, kann nicht sein; wird heftig diskutiert, ist aber egal.

Und um auch dieses Kapitel anzureißen: Wer will, kann in den Songs von Rummelsnuff Rammstein erkennen. Mit ausreichend Phantasie ist alles möglich; vermutlich auch ein Bezug zu Wagner und Riefenstahl. Allerdings scheint Rammstein in manchen Rezensionen nur als Vehikel gedient zu haben, um den Autor ausrufen zu lassen: “Endlich kann man Rammstein hören, ohne Rammstein hören zu müssen!” Es ist ja im deutschen Feuilleton opportun, Rammstein als verkappte Nazis zu brandmarken. Der geplagte Feuilletonist, der eigentlich zu Rammstein tanzen möchte, es aber bei Strafe der Nichteinladung zur nächsten Cocktailparty in Berlin-Mitte tapfer leugnet, atmet nun hörbar auf. Vielleicht rührt daher die fürsorgliche Umarmung Rummelsnuffs durch das Groß-Feuilleton. Daß die gleichen Schnupfnasen, die Rammstein gerne ausbürgern würden, Rummelsnuff lauthals loben und preisen, ist von einer geradezu entzückenden Blödigkeit.

Der Name Rummelsnuff soll sich dem Vernehmen nach aus dem Berliner Ortsteil Rummelsburg, dem Wohnort Baptists, und den eher zwielichtigen Snuff-Videos zusammensetzen. Auch hier können wir nicht zwischen Wahrheit und Legende unterscheiden, ohne Roger Baptist gefragt zu haben. Das Wort Rummelsnuff wird Deutsch ausgesprochen: Snuff, nicht Snaff. Das zumindest haben wir in einem TV-Interview aus Rogers eigenem Mund gehört.

Die CD ist kein in sich geschlossenes Werk; eher eine Bebilderung des Ist-Zustands von Rummelsnuff. Im Grunde zerfällt sie in zwei Teile: Herzerwärmende Shantys und schonungslose Aufs-Maul-Knüppler. Doch stehen sich beide nicht feindlich gegenüber. Sehr clever baut die CD einen Bogen auf, der mit den ruhigeren Titeln Der Hund und Halt durch! beginnt, dann über sieben Songs bis zum herrlich brutalen Fett in die Fresse eine unglaubliche, vor Aggressivität schier berstende Spannung produziert und schließlich vier Titel lang den Dampf wieder rausnimmt.

Rummelsnuffs Stimme klingt so, wie man früher Tom Waits beschrieb: Mit Reiszwecken geschmirgelt und mit Whisky gespült — nur viel viel tiefer. Sie ist kein Vier-Oktaven-Wunder, aber sie besitzt Charme und Gefühl, Wärme und Persönlichkeit. Seine knappen Lyrics sind eigentümlich poetisch, auch in ihren unbarmherzigsten Momenten (Vollnarkose, Fett in die Fresse). Rummelsnuff hat ein Gespür für karge, einprägsame Bilder. Im Titelsong, der in jeder Beziehung das absolute Highlight der CD ist, formuliert er mit wenigen Sätzen einen Mutmacher, der sich jeder Peinlichkeit entzieht.

Überhaupt scheint Rummelsnuff seine Stärken immer dann ausspielen zu können, wenn er seine Songs in das Feeling des sentimentalen Einzelkämpfers taucht, der sich gegen die Stürme des Lebens stemmt: Halt durch!, Halbstark und laut (im Duett mit seinem Bühnen-Partner Shamov), Rummelkäptn, La Rochelle, Sliwowitz und Kumpel, Glück auf! sind Heuler, bei denen die Herzen an den Jahrmarktsbuden blinken, das Schifferklavier fiept, die Mundharmonika klagt und die Bettdecke wohlig bis zum Kinn gezogen wird. Hier sitzt Rummelsnuff nachdenklich am Ufer, die Kapitänsmütze auf dem Kopf, die Pfeife im Mund und den Blick aufs Meer. Zum Schmachten schön.

Selbst Songs der härteren Fraktion wie Hammerfest, Lauchhammer und Ringen, die stur geradeaus marschieren, haken sich im Kopf fest. Dreimal gehört, und man ertappt sich dabei, “Von Hammerfest bis Sansibar, Sonnenschein das ganze Jahr” zu summen. Rummelsnuff konstruiert keine Musik; er schreibt Songs. Und was er covert, covert er mit aller Hingabe: Seiner Version von Devos Mongoloid verpaßt er einen tödlichen Baß, einen metallisch gurgelnden Gesang und im Intro den herrlichsten Alienschrei, den man sich denken kann.

Wie man in den Kommentaren auf Youtube lesen kann, wirken Rummelsnuffs Stimme, seine Texte und die zackige Musik nicht nur auf amerikanische Ohren typisch deutsch. Wenn damit im Ausland Grönemeyer als idealtypischer Gesamtdeutscher abgelöst wird: Einverstanden.

An dieser Stelle wieder unser ewiges Mantra: Play loud! Play louder! Rummelsnuffs Songs verpuffen bei Zimmerlautstärke. Erst, wenn auch die Dielen des Nachbarn im Takt vibrieren, füllt Rummelsnuff das Wohnzimmer mit voller Wucht.

Halt durch! läuft hier seit zwei Wochen in der Heavy Rotation. Aufwachen mit Rummelsnuff, einschlafen mit Rummelsnuff, und dazwischen Rummelsnuff. Sagt die Liebste: “Laß uns ins Kino gehen”, kommt wie in Trance: “Zum Ringen auf die Matte jetzt, zum Kampfe, aber schnell!” Noch zwei Wochen, und wir treffen uns wohl in der Muckibude.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: