Portishead: Third

Geschrieben von messitschbyburns am 19. April 2008 | Hörsturz


Portishead
“Third”
(p) 2008, Island/Universal Records

portishead_s.jpg

Was für ein Rummel. Vorschußlorbeeren und Superlative ohne Ende. Ellenlange Interviews. Rezensionen im Ton religiöser Verzückung. Mehrspaltige Besprechungen eines fast zuschauer- und völlig bedeutungslosen Radio-Konzerts in Berlin. Wow.

Portishead veröffentlichten gestern ihre dritte CD. Die labeleigene Marketingwalze stampft seit Wochen durch Deutschland. Käme Jesus am gleichen Tag auf die Erde zurück, die Heilserwartungen könnten nicht größer sein.

Um es vorwegzunehmen: Portishead bleiben auf immer und ewig an Dummy gekettet. Daran wird Third nichts ändern. Dummy steht seit 1994 in vielen CD-Regalen, neben Protection von Massive Attack und Mellon Collie And The Infinite Sadness von den Smashing Pumpkins. Helden der 90er. In ihrer Zeit die Allergrößten; unverzichtbar und wirklich geliebt. Heute nur noch Beschallungsmaterial für runde Geburtstage älterer Herrschaften.

Wer Dummy liebte — und das dürften gefühlte 99 Prozent der Fans von Portishead sein — wird Third ratlos beiseite legen. Sicher, die neuen Songs The Rip, Plastic, Small und Threads sind sanfte Reminiszenzen an jene Zeit, in der sich Beth Gibbons faszinierendes Hauchen, Klagen und Wispern wie ein großer Zauber über diese Welt legte, um Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann magisch aneinanderzupressen, auf das sie sich betasten und liebkosen. Oder Hand in Hand vom Balkon springen, je nach Gemütslage.

Daß Dummy nicht auf ewig reproduzierbar ist und von der Band auch nicht kopiert werden will, war bekannt. Daß die Band an diversen Blockaden litt, ist tragisch, aber eher ein Fall für den Psycho-Doc als für die Öffentlichkeit.

Third ist also nicht Dummy, aber auch kein Aufbruch zu neuen Ufern. Gewiß, die CD wirkt sperriger, lauter und hektischer, und um es ganz klar zu sagen: Sie ist keineswegs langweilig oder mißlungen. Der Song We Carry On ist eine mächtige, hypnotische Dröhnung, mehr als sechs Minuten lang, und Machine Gun klingt wie eine monströs krachende Leistungsschau der Geräuschesammler. Umgekehrt zelebriert Beth Gibbons in Deep Water die spinnwebenzarteste Schmerzensfrau der Welt, deren angedeuter Gesang das extrem reduzierte Country-Stück flüchtig wie ein Nebelschweif durchwirkt, während im Hintergrund ein Barbershop Quartett mit der Inbrunst eines Homer Simpson chargiert. Und auch sonst gibt man sich Mühe, gewiß.

Doch all das Vorab-Geraune über die Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung der Band war ein Placebo für die Presse. Third versackt im Niemandsland zwischen alter Dummy-Seligkeit und versuchtem, aber abgewürgtem Ausbruch aus diesem Ghetto. Die Musik bleibt im Unentschieden stecken.

Portishead könnten natürlich einen glatten Schnitt machen, wenn sie wirklich wollten. Sie hätten sogar ein Vorbild. Es gibt eine Band, die sich von Everybody’s Darling zu radikalen, ihre eigene Kunstauffassung bis zur letzten Konsequenz auslebenden Musikern wandelte; die sich dabei bis auf einen Millimeter an den Rand der Selbstzerstörung trieb, unter Zurücklassung ihres Labels, ihres Publikums, ihres Toningenieurs, ihrer Familien. Talk Talk gingen diesen Weg; sie erwarben sich damit den ewigen Respekt ihrer letzten treuen Fans und halfen unterwegs einer unbekannten Sängerin namens Beth Gibbons in die Spur, lange vor Portishead.

Vielleicht haben Portishead wirklich schon alles gegeben, und Dummy war ihr erster und letzter Fußabdruck in der Hall of Fame der Popmusik. Man sollte Bands nicht unter-, aber auch nicht überschätzen.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: