Unsere innig geliebte Kulturwirtschaft erhöht die Schlagzahl der Veröffentlichung phantastischer Ideen in einem schwindelerregendem Tempo — man könnte glatt den Überblick über die diversen Meldungen in den News-Tickern verlieren. Ein Leser machte uns aber auf die nächste geniale Idee der Herren des Copyrights aufmerksam, die sonst womöglich an uns vorbeigerauscht wäre.
Die Ausgangsbasis ist bekannt: Der Medien-Konsument soll kaufen, aber so wenig wie möglich konsumieren. Aktueller Stand der erreichten oder gewünschten Verbote für private Kunden: Kopieren, Tauschen, Verleihen, Weiterverkaufen und Wegwerfen.
Nun folgt der sich selbst zerstörende Datenträger:
“48 Stunden nach dem ersten Abspielen sollen sich die Daten auf der DVD-D selbst zerstört haben, so jedenfalls verkündet es die Münchner DVD-Germany Ltd. (…) Die Medien (zersetzen sich) nicht bei der Berührung mit Sauerstoff, sondern beginnen nach dem ersten Einlegen in das Abspielgerät innerhalb einer Frist Daten zu löschen.”
Ein herrlicher Einfall, gedacht für Videotheken, deren Kunden die ausgeliehene DVD nicht mehr zurücktragen müssen, sondern in den Müll werfen können. Für die Medienindustrie brechen paradiesische Zeiten an. Wenn die Kunden die entliehenen DVDs sofort entsorgen, muß die Videothek permanent Nachschub ordern. Ein fröhlicher, niemals endender Reigen aus Bestellen, Liefern und Bezahlen bricht an. Endlich hat die Kulturwirtschaft ihr finanzielles Perpetuum Mobile erfunden.
Gewöhnt sich aber der Konsument im Rahmen des Feldversuchs “Videothek” an diese Variante der limitierten Nutzungsdauer, ist der Mechanismus der Selbstzerstörung auf andere Medien leicht übertragbar.
Warum muß z.B. eine Musik-CD so viele Jahre abspielbar sein? Dafür gibt es doch keinen sachlichen Grund. Wäre es nicht viel schöner, der Konsument fände sich damit ab, mit dem Kauf der CD für 19,99 Euro nur die Nutzungsrechte für, sagen wir, drei Monate erworben zu haben? Und wenn er es krachen läßt und sich zu Weihnachten die DeLuxe-Edition für 29,99 Euro leistet, fünf Monate?
Wen kümmert es schon, daß der Ölpreis steigt und steigt; daß die Ressourcen knapp werden und das Ölfördermaximum (Peak-Oil) in Sichtweite ist; daß die Vermüllung der Kontinente und Weltmeere mit unverrottbarem Plastik-Dreck katastrophale Ausmaße angenommen hat; daß Staaten wie China und Australien und Städte wie London, San Francisco und Oakland Plastiktüten verbieten? Solange der Rubel rollt, wird neuer Einweg-Müll produziert. Nach uns die Sintflut, vor uns der Profit.
Apropos Profit: Sollte die Selbstzerstörung nicht auch auf die Geräte übergreifen? Wenigstens ein bißchen? Muß denn jeder CD-Player jahrelang in der Schrankwand stehen und tadellos funktionieren? Würde denn bitte jemand an die Lagerbestände der Hersteller denken?
Und weil wir gerade beim Update sind:
Eben noch vermuteten wir, daß eines Tages die zwangsweise Stützung der Musikindustrie über eine Abgabe eingeführt wird — da lesen wir, daß Warner Music dieses Modell offensiv vorantreibt:
“(Es) sieht vor, dass Provider ihren Kunden fünf Dollar pro Monat in Rechnung stellen und ihnen dafür den unbegrenzten Tausch von Musik ohne Kopierschutz erlauben. Das Geld würde an Rechteinhaber verteilt, die dafür das Verklagen von Tauschbörsen-Nutzern einstellen würden.”
Das klingt wie eine zusätzliche Rundfunkgebühr. Und tatsächlich:
“So gebe es (in Europa) mit Abgaben wie der Rundfunkgebühr bereits funktionierende Vorbilder.”
Bingo! Jeder Flatrate-User wird zur Kasse gebeten, gleichgültig, ob er jemals Musik tauschen möchte oder nicht. Also auch der Opa und die Tante, die gar nicht wissen, was eine Tauschbörse ist. Das Argument ist bekannt: Die beiden könnten Musik tauschen. Das genügt. Zur Kasse bitte!
Nun warten wir gespannt, was die Denkfabriken der Kulturwirtschaft als nächstes ausbrüten. Lustig wird es allemal.
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