Am 11. April 2008 wurde im Bundestag das Gesetz zur besseren Durchsetzung geistigen Eigentums beschlossen. Am gleichen Tag brach das übliche Geheule der von der Musikindustrie bezahlten Gurkenhälse los:
“Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (beklagte), dass das Vorhaben für die Rechte von Autoren im Internet keinen ausreichenden Schutz biete und damit das Ziel der EU-Vorgaben ‘vollständig’ verfehle.”
Nur zwei Wochen später werden wir Zeuge der nächsten zirkusreifen Nummer. Der Bundesverband Musikindustrie schaltete gestern in SZ, FAZ und taz eine ganzseitige Anzeige, in der 200 darbende Künstler um ein Schälchen Reis und ein warmes Fleckchen zum Schlafen bettelten. Im übertragenen Sinn.
Wörtlich schleuderte die barmende Schicksalsgemeinschaft in postmodern - also beinahe unlesbar — layouteten Lettern ihren Zorn heraus: Über bitterböse Raubkopierer, fett verdienende Provider und die untätige Regierung — und vor allem über ihren entgangenen Gewinn, den sie sich irgendwie herbeiphantasierte:
“Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, morgen ist der Tag des Geistigen Eigentums.”
Stop. Was für ein Tag? Wer hat ihn erfunden? Die Weltorganisation für geistiges Eigentum? Alles klar. Weiter im Text:
“Vor allem im Internet werden Musik, Filme oder Hörbücher millionenfach unrechtmäßig angeboten und heruntergeladen, ohne dass die Kreativen, die hinter diesen Produkten stehen, dafür eine faire Entlohnung erhalten.”
Eine faire Entlohnung der Künstler am CD-Verkauf? Wollt ihr euch lächerlich machen, oder glaubt ihr, daß eure Verträge nicht seit Jahren bekannt sind, inklusive der unwürdigen Brosamen, die ihr nach Abzug aller erfundenen Vorleistungen an die Künstler weiterreicht?
“Mehrere Millionen Menschen bedienen sich regelmäßig aus Internet-Tauschbörsen und anderen illegalen Quellen im Netz.”
Tauschbörsen und andere illegalen Quellen impliziert, Tauschbörsen wären illegal. Das sind sie nicht.
“Als einziger Weg, sich zur Wehr zu setzen, bleibt Künstlern, Kreativen und den beteiligten Industrien bisher nur die Möglichkeit, gegen die Anbieter illegaler Produkte juristisch vorzugehen.”
Über die Alternative, eure CDs wieder auf allen Playern abspielbar zu machen, den Kopierschutz abzuschaffen, die Gängelung eurer Kunden zu beenden, eure Anwälte zurückzupfeifen und euch zehn Jahre nach Napster endlich auf ein gemeinsames Format zu einigen, kommt ihr also nicht? Ihr möchtet lieber juristisch gegen diejenigen eurer Kunden vorgehen, die sich eurer absurden Rechteeinschränkung nicht unterwerfen? Aha.
“So entfallen allein 70 Prozent des Internetverkehrs in Deutschland auf die – leider meist illegale – Tauschbörsennutzung.”
Und wenn ihr ein Lied daraus macht: Tauschbörsen sind nicht illegal. Aber wie kommt ihr auf 70 Prozent des Internetverkehrs durch Tauschbörsennutzung? Habt ihr die Zahl geknobelt oder gewürfelt? Gibt es keinen Spam mehr, der bisher den Internetverkehr verstopfte? Und was ist mit dem geschäftlichen Datentransfer über FTP? Teilt er sich mit Spam die restlichen 30 Prozent?
“Aber während beispielsweise die milliardenschwere Telekommunikationsindustrie massiv von der Nutzung illegaler Inhalte profitiert, verweigert sie beim Schutz geistigen Eigentums die Verantwortung.”
An dieser Stelle werden Provider schallend lachen. Heavy User, die Tag und Nacht Traffic verursachen, fliegen bei jedem Provider im hohen Bogen raus. Und wißt ihr, warum? Weil ein Provider ab einem bestimmten Datentransfer Verluste macht. Schließlich rechnet niemand mehr nach sekundengenauen Taktzeiten ab. Flatrates müssen sich aber über einen Durchschnittswert aller Kunden finanzieren. Wer heftig saugt, muß gehen. So ist die Regel. Das wußtet ihr nicht?
“Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln.”
Der faire Ausgleich sieht in Frankreich und England so aus, daß demjenigen, der von euch verdächtigt wird, Musik zu tauschen, der Internetzugang gesperrt wird. Wie in China. Dort genügt es sogar, die falsche Seite aufzurufen, um vom Internet abgeklemmt zu werden. Schön, daß ihr eure Vorbilder so offen benennt.
Und noch schöner, daß sich mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann wieder mal ein CDU-Politiker nicht zu blöde ist, die Kriminalisierung des eigenen Volkes zu forcieren. Mit dieser Partei bekommt ihr euer Projekt Stasi 2.0 — Überwachung total locker geregelt.
“Während etablierte Künstler noch von den Erfolgen der Vergangenheit zehren können, trifft die Internetpiraterie vor allem junge Nachwuchstalente.”
Uns kommen die Tränen — vor Lachen. Wie lange wollt ihr denn noch die Leier von den jungen Talenten spielen, die von euch angeblich nicht mehr unterstützt werden können, weil es am Geld mangelt?
Sollen wir euch die Namen der jungen Künstler rechts und links um die Ohren hauen, die ihr nach der ersten CD rausgeworfen habt, weil sie nicht sofort in die Top 50 eingestiegen ist, während ihr spektakuläre Summen mit Großverträgen für Robbie Williams und Maria Carey verbrannt habt?
Erinnert ihr euch an die Millionen Dollar und Euro, die eure permanente Selbstbefriedigung mit Konzernumzügen, Fusionen, Aufspaltungen und Reorganisationen verschlangen? Sind euch die kaum noch faßbaren Honorare für eure Unternehmensberater entfallen, die euren geschäftigen Leerlauf begleiteten?
Weiß Gott: Ihr seit die Allerletzten, die sich einer Fürsorge für den Nachwuchs rühmen dürfen.
Unterschrieben haben mit Max Herre, Götz Alsmann, Michael Mittermeier und Seeed ein paar Leute, von denen man bis gestern dachte, sie wären bei klarem Verstand. Ansonsten ist eure Liste ein Who is Who der peinlichen Gestalten: Grönemeyer, Lindenberg, BAP, Scooter, Oomph!, MIA, DJ Ötzi, Atze Schröder, Yvonne Catterfeld …
Nicht unterschrieben haben Die Ärzte. Und noch einer fehlt, von dem man glauben könnte, er würde seinen Namen blind unter diesen Wisch setzen: Dieter Bohlen. Seine Meinung zu Tauschbörsen wird euch gar nicht gefallen, werte Lobbyisten. Aber da müßt ihr durch. Ihr könnt ihm ja drohen, juristisch gegen ihn vorzugehen. Viel Spaß.
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