Weiter geht es mit Geschichten aus Absurdistan, dem Reich der Herren des Copyrights. Unsere kleine Liste der erreichten oder gewünschten Verbote für private Kunden ist gerade eine Woche alt und schon überholt. Zum Kopieren, Tauschen, Verleihen, Weiterverkaufen und Wegwerfen gesellt sich nun das Besitzen.
Wie?, fragt der Leser und kratzt sich ratlos am Kopf — ich darf keine Musik mehr besitzen, die ich zuvor gekauft habe?
So ist es, lieber Leser. Du mußt aber keine CD gegen Vorlage des Personalausweises an einer Sammelstelle abliefern. Das kommt später. Im Moment betrifft es nur online gekaufte Songs, und das auch nur bei Microsoft.1
Ab 31. August 2008 stellt Microsoft die Unterstützung des eigenen DRM-Systems Playsforsure ein. Das System wurde erst 2004 eingeführt, um die Marktmacht von Apples’ iTunes mit dem eigenen Online-Shop msn music zu knacken. Das ging famos in die Hose; msn music wurde 2006 wieder eingestellt.
Bis dahin verkaufte msn music aber Songs. Diese Songs sind mit Playsforsure verseucht. Man kann sie nicht auf CD brennen, ohne den Kopierschutz zu entfernen, was bei Strafe von 100 Stockschlägen auf den nackten Hintern verboten ist. Man kann sie auch nicht im iPod oder anderen Playern hören. Sie laufen nur auf dem Computer, auf dem sie offiziell registriert und freigeschaltet wurden; das DRM-Schloß verhindert das Abspielen auf anderer Hardware. Doch Playsforsure wird von Microsoft über den 31. August hinaus nicht erneuert, verlängert oder übertragen. Gibt der Computer den Geist auf, sind alle Songs perdu.
Man fragt sich: Wer ist hier verrückt? Der Weltkonzern Microsoft? Der gutgläubige Kunde? Oder alle zusammen? Denn wir wollen nicht vergessen, daß auf der anderen Seite die Kriminalisierung, Entmündigung und Überwachung der Kunden mit einer Energie betrieben wird, die allmählich zur vollständigen Drosselung führt. Immer mit den Argumenten: Du kannst Musik legal kaufen! Wir bieten dir alle Möglichkeiten! Du willst nicht? Du wehrst dich gegen DRM? Dann blute vor Gericht!
Microsoft scheint zu ahnen, daß die Glaubwürdigkeit der Online-Portale gewaltig in den Keller rutscht. Um die online gekaufte Musik zu retten, geben sie ihren Kunden klammheimlich einen verwegenen Rat:
“Microsoft (verweist) auf die Möglichkeit, die Musik erst auf CD zu brennen und sie dann zu rippen, um den Kopierschutz zu umgehen. Nach deutschem Recht, das auch dank nicht unerheblichen Lobby-Drucks seitens der Industrie gerade erst novelliert wurde, ist das verboten.”
Irrsinn, dein Name sei Microsoft. Denn es waren auch die Lobbyisten von Microsoft, die dafür sorgten, daß das Verbot der Umgehung des Kopierschutzes in Deutschland Gesetzeskraft erlangte. Nun empfiehlt der gleiche Konzern, sich strafbar zu machen — weil er seine Kunden von ihrer legal gekauften Musik abklemmt, die nur noch als nutzloser Dateiname auf deren Rechnern herumlungert.
Ansonsten empfehlen die Strategen von Microsoft kühl ihr neues DRM-System für den Zune Marketplace und den zugehörigen Player Zune. Eine Garantie, daß dieses DRM-Schloß nicht auch in zwei Jahren ad acta gelegt und durch das nächste, ebenfalls inkompatible System ersetzt wird, gibt es vom Weltmarktführer nicht.
Kunden, die bei Zune oder anderen Online-Shops DRM-versiegelte Musik kaufen, sollten 10 Jahre lang im Big-Brother-Container eingeschlossen werden. Obwohl: So blöd, sich DRM-Müll andrehen zu lassen, sind vermutlich nicht mal dessen Insassen.

Microsoft rät:
1) Beseitige den Kopierschutz,
2) stelle eine Selbstanzeige, um
3) deine Strafe zu mildern,
4) bezahle dein Geldstrafe und
5) kaufe sofort neue Songs,
6) warte zwei Jahre, dann
7) geh zu 1)
- Sony schaltete allerdings im März 2008 auch den eigenen DRM-Server für den glücklosen, längst eingestellten Connect-Online-Musikshop ab. Gleiches Spiel wie bei Microsoft: Die Kunden sind angeschmiert und gucken dumm aus der Wäsche. [↩]
1 Kommentar ↓
[…] beschädigte oder abhanden gekommene Teile durch Vervielfältigungsstücke ersetzt worden sind. Ich denke, man muss den […]
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