Man hätte darauf wetten sollen: Der Tagesspiegel, der sich für Tempelhof, CDU und FDP zum Gespött Berlins machte, kann seine Niederlage nach dem Volksbegehren nicht verwinden. Zwar läßt sich das Ergebnis nicht mehr zu Gunsten Tempelhofs drehen, und nach einigen wütenden Beiträgen über das blöde Wahlvolk mußte auch der hartleibigste Redakteur beim Tagesspiegel einsehen, daß diese Schwarte gebraten ist.
Aber da ist ja noch Tegel, Gott sei’s gedankt. Eine Lehre aus der Niederlage im ideologischen Krieg um Tempelhof bestand darin, die Kampagne nicht überfallartig zu inszenieren und mit ihr nicht wie ein Tornado über Berlin zu fegen, sondern die Propaganda Tröpfchen für Tröpfchen ins Hirn der Berliner zu spritzen.
Das braucht Zeit — doch bis zur geplanten Schließung von Tegel gehen noch einige Jahre ins Land. Die will der Tagesspiegel offenbar nutzen, um seine Leser kontinuierlich für das nächste Volksbegehren zu mobilisieren:
“Tempelhof war ein raues Lüftchen für den Senat - Tegel wäre ein Orkan! (…) Gut möglich, dass es doch noch eine Schlacht um Tegel gibt, ein Bürgerbegehren unter dem Motto: ‘Ich zahl doch nicht für einen Politpromi-Airport!’ Da wäre ich dann dabei.”
Sprach Moped-Rocker Maroldt und furzte zufrieden ins warme Kissen. Denn wenn es in der Schlacht hart auf hart kommt, verkriechen sich Typen wie er im häßlichen Teil der Potsdamer Straße hinter drei verschlossenen Türen und tippen aufgeregt 110 ins Telefon. Der kleine Agitator streut sein Gift nur aus der Distanz. Die Wirkung verfolgt er in den Tagesthemen, bei zugezogenen Vorhängen und mit Mutti auf dem Sofa. Ein Schlammfinger eben.
Wenn Maroldt aber nach der Tempelhofer Klatsche glaubt, quasi als Revanche eine Mehrheit für Tegel und gegen Schönefeld putschen zu können, dann ist er selbst für die kümmerlichen Verhältnisse des Tagesspiegels ein Wesen allerhöchster Merkbefreiung.
Bisher ist der neue Flughafen in Schönefeld ein weiter Acker, auf dem ein paar Baufahrzeuge die Erde von rechts nach links bewegen. Der Flughafen existiert nur auf dem Bauschild. Darüber im Zweifelsfall den Daumen zu senken fällt nicht schwer.
Doch am Tag, an dem Tegel schließt, ist Schönefeld entweder fertig oder sehr weit gediehen. Und auch darauf könnte man wetten: Niemals stimmt die Mehrheit der Berliner in einem Volksentscheid dafür, das 2011 oder 2012 weitgehend fertig gebaute und damit körperlich präsente neue Flughafengebäude in Schönefeld geschlossen zu halten, damit Tegel geöffnet bleibt.
Denn an der Ausgangslage, festgeklopft in -zig Beschlüssen, Planungen und Urteilen, wird sich bis dahin nichts mehr ändern: Schönefeld auf, wenn Tempelhof und Tegel zu.
Möglich, daß Maroldt und sein redaktioneller Stammtisch Frontstadt e.V. tatsächlich in dieser Wahnwelt leben. Dann werden wir ihn noch einige Jahre beim therapeutischen Schreiben beobachten dürfen, um sein Tempelhof-Trauma zu verarbeiten.
Wenigstens ist er in dieser Zeit von der Straße weg und geht uns nicht im U-Bahnhof als aggressiver Trinker auf den Keks. Für einen Tagesspiegel-Redakteur ist das schon eine ganze Menge. Mehr kann er vom Leben nicht erwarten.
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