The Gutter Twins
“Saturnalia”
(p) 2008, Sub Pop Records

Zwei große Ex auf einer großartigen CD: Mark Lanegan (ex-Screaming Trees, ex-Soulsavers, ex-QOTSA) und Greg Dulli (ex-Afghan Whigs, ex-Twilight Singers, ex-Afterhours) setzen sich in der kalifornischen Wüste auf eine Bank unter dem Joshua Tree und musizieren. Mit sehr viel Kraft und einem phänomenalen Gespür fürs Breitwand-Drama.
Lanegan und Dulli sind seit 1989 befreundet. Sie kennen sich aus diversen Sideprojects. Sie eint das Schicksal ihrer eigenen Bands — ewige Insidertipps ohne wirkliche kommerzielle Erfolge. Das schweißt zusammen. Man hat alle Prophezeiungen der Journaille hinter sich. Alle todsicheren Next Big Thing-Verheißungen, die sich in Rauch auflösen, weil die Karawane drei Wochen später zum Next Big Thing weiterzieht. Sehr konsequent nennen sie sich The Gutter Twins; auf Deutsch: Die Gossen-Zwillinge. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Was soll’s. Mark Lanegan ist als Sänger ohnegleichen. Seine Solo-CDs gehören in jedes Regal, das nicht von der Kuschelrockpest infiziert darniederliegt. Seine kostbare Veredelung der Soulsavers wurde hier bereits gewürdigt. Und über Greg Dulli sind genügend Hymnen gedichtet worden; das müssen wir nicht alles wiederholen.
Die beiden teilen sich die CD brüderlich. Ein Song von Lanegan, ein Song von Dulli, dazwischen eine Dulli-Lanegan-Komposition. Und es paßt. Die tiefe, warme Stimme von Lanegan harmoniert famos mit der hellen Stimme Dullis, auch im Duett. Die weit ausholenden Balladen Lanegans fügen sich an die hektisch wuselnden Tracks von Dulli. Auf das vorzüglichste arrangiert von Mathias Schneeberger, einem gebürtigen Berliner, der in den USA als Produzent zum innersten Zirkel der Stoner- und Doom-Szene aufstieg.
Schneeberger macht Saturnalia nicht zum Doom-Brett. Im Gegenteil: Der Himmel über den Gutter Twins hängt voller Geigen, und aus dem Himmel tröpfeln die süßesten Gefühle; ob aus diesem oder einem anderen Leben, darf geraten werden. Denn wo Mark Lanegan singt, ist die tödliche Schwermut nicht weit. Das allein wäre schon ein Ohrenschmaus von Gottes Gnaden. Aber im Duett mit Greg Dulli legt er Schmachtfetzen aufs Parkett, bei denen sich der Lautstärkeregler von selbst hochfährt. An Songs wie God’s Children, The Body, Seven Stories Underground, I Was In Love With You oder Front St. kann man sich nicht satt hören. Unglaublich. Noch größeres Kino gibt es nicht.
Vermutlich wird auch diese CD nie die Top 10 erreichen. Aber sie steht für immer im Kanon großer Rockmusik. Dort, wo Pickelgesichter wie U2 und R.E.M. nie stehen werden.

Greg Dulli (links) und Mark Lanegan:
Leckt uns am Arsch, wir machen Musik.
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