Lieschen Müller geht spazieren. Der Tag ist schön, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Lieschen Müller setzt sich auf eine Bank, schaut in den wolkenlosen Himmel und denkt nach.
Neulich las sie in der Zeitung, daß Wolfgang Clement aus der SPD geworfen werden soll. Der war mal Wirtschaftminister. Damals hat er den Braunkohletagebau in Garzweiler genehmigt. Der Tagebau gehört RWE. Nach der Wahl 2005 wollte Wolfgang Clement kein Minister mehr sein. Er wurde Aufsichtsrat bei RWE. Merkwürdig, denkt Lieschen Müller. Und vor der Hessenwahl 2008 empfahl er, die SPD nicht zu wählen, weil Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti seinen RWE-Chefs überhaupt nicht passte. Gut, das hat er nicht so direkt gesagt. Aber durch die Blume.
Komisch, denkt Lieschen Müller. Darf der das?
Und dann gab es diesen anderen, mit dem Allerweltsnamen … Müller? Ja, Müller, Werner Müller. Der war auch mal Wirtschaftminister. Vorher hat er bei der VEBA gearbeitet, die später E.ON hieß. Als E.ON die Ruhrgas AG übernehmen wollte, war das Kartellamt dagegen. Das wäre zu viel Macht, sagten die Kartellwächter, da entsteht ein Monopol. Aber Müller sagte: Ihr könnt mich mal. Ich erlaube den Kauf, denn ich bin der Minister. Und als er nicht mehr Minister war, wechselte er zur Ruhrkohle AG.
Auch komisch, denkt Lieschen Müller. Der Mann kommt von einem Energiekonzern, macht Politik für einen Energiekonzern, und danach geht er wieder zu einem Energiekonzern. Ist das erlaubt?
Noch ein Name schwirrt ihr durch den Kopf. Er hieß …Tucke? Ticke? Tacke! Alfred Tacke. Der arbeitete als Staatssekretär im Wirtschaftministerium von Werner Müller. Dort mußte er den Ruhrgas-Deal für seinen Chef erledigen. Zwei Jahre später hatte Alfred Tacke auch keine Lust mehr, Politiker zu sein. Er wurde Vorstandsvorsitzender beim Stromunternehmen STEAG, das zur Ruhrkohle AG gehört, deren Chef Werner Müller heißt und die Teil des Konzerns E.ON ist. Also jenes Konzerns, für den Alfred Tacke den Kauf der Ruhrgas AG dealte.
Das ist seltsam, denkt Lieschen Müller. Der Tacke tut E.ON einen Gefallen und kriegt nach zwei Jahren einen Job in einem Unternehmen, an dem E.ON beteiligt ist. Die haben doch einen Eid geschworen:
“Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.”
Gilt der nicht mehr?
Geschmierte Bande, denkt Lieschen Müller. Alle in einen Sack stecken und draufschlagen. Man trifft immer den Richtigen. Lieschen Müller steht auf und geht nach Hause.
Im Papierkorb neben der Bank liegt eine weggeworfene Zeitung. Auf der Titelseite steht:
“Gewerkschafter läuft zur Bahn über. Bisheriger Transnet-Chef Norbert Hansen wird Arbeitsdirektor bei neuer Bahn-Holding (…)
In verschiedenen Gewerkschaftskreisen wurde insbesondere moniert, dass Hansen, der im Widerspruch zu allen anderen DGB-Gewerkschaften stets den Bahn-Börsengang befürwortet und aktiv mitgetragen hatte, direkt mit der endgültigen Weichenstellung zur Privatisierung in den Vorstand des Unternehmens wechselt.
Die Transnet-Basisinitiative ‘Bahn von unten’ warf Hansen vor, ‘unsere Gewerkschaft als Karierresprungbrett missbraucht und mit seinem Verhalten der Transnet und allen DGB-Gewerkschaften schweren Schaden zugefügt’ zu haben.”
Lieschen Müller würde denken: Korruptes Gesindel.
Keine Kommentare ↓
Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.
Mein Kommentar: