The Notwist
“The Devil, You + Me”
(p) 2008, City Slang Records

In der Liste der Flops der Frühjahrssaison 2008 souverän auf den Plätzen 2-3: The Notwist.
Wollen Sie sich mal so richtig langweilen? Wirklich kompromißlos? Mit Gähnattacken und Schlafschüben? Dann kaufen Sie sich The Notwist. Egal, ob die aktuelle CD The Devil, You + Me oder Neon Golden aus dem Jahr 2003 — greifen Sie zu, Sie können nichts falsch machen.
Neon Golden verkaufte sich fantastilliarden Mal. Das deutsche Feuilleton kriegt sich seit Erscheinen von The Devil, You + Me vor Begeisterung nicht mehr ein. Millionen Fliegen können nicht irren. Doch das Bohei macht die CD nicht kurzweiliger.
The Notwist praktizieren akademischen Kunst-Pop. So vertrackt wie möglich gebastelt; auf jedem Instrument eingespielt, das erreichbar ist; im Studio mit klitzekleinen eingesprengselten Sequenzen bedeutungsvoll aufgemotzt. Damit der geneigte Käufer die CD auf seiner wassergekühlten HiFi-Anlage unter seinem mit Goldsteckern verkabelten Sennheiser-Kopfhörer täglich neu entdecken kann.
Wer die Label Constellation Records, Temporary Residence, kranky records oder Alien8 Recordings kennt, der weiß, wie fesselnd kontemplative Musik sein kann, so paradox das erscheinen mag. Schon auf Neon Golden fiel auf, wie frappierend die Sound-Architektur von The Notwist der von Xian Hawkins a.k.a. Sybarite (auf Temporary Residence) ähnelt. Auf The Devil, You + Me wiederholt sich dieser Eindruck nicht so stark, aber immer noch dicht genug, um unwillkürlich zu vergleichen.
Hawkins ist in der Lage, ähnliche Stimmungen und Landschaften wie The Notwist zu kreieren. Er lockt seine Hörer, bindet sie vom ersten bis zum letzten Song an ihren Platz. Man möchte keine Sekunde den Raum verlassen, um nichts zu verpassen oder zu überhören. Hawkins macht kunstvolle Musik, die lebt und strömt und atmet.
The Notwist können das nicht.
1998 nahm Xian Hawkins mit Simeon Coxe die CD Decatur auf, das dritte Album der Silver Apples seit ihrem gleichnamigen Debüt von 1968 und der LP Contact (1969). Die Silver Apples waren ein ungestümes New Yorker Duo, das frei mäandernde psychedelische Schlieren, experimentelle Elektronik und perkussive Elemente zu einem Vorläufer dessen mixte, was man heute unter Krautrock subsummiert — der ja keine deutsche Erfindung ist, auch wenn das gern und oft behauptet wird.
Und wieder ähneln sich die Bilder. Die Musik von The Notwist bezieht ihre Legitimation auch aus dem Krautrock. Läßt man den Beitrag besoffener deutscher Provinzler beiseite, die Krautrock Anfang der 70er Jahre als stundenlanges atonales Dengeln und Trommeln verstanden, fühlt man sich als Notwist-Hörer beim Rumpel-Rock der Silver Apples sofort heimisch. Als Eckpunkt im Notwist-Kosmos ist der Krautrock leicht auszumachen. Aber was für ein Unterschied zu Bands wie den Silver Apples! Die marschieren los; es groovt und bebt!
Dagegen die bleiche Reminiszenz von The Notwist: Konstruiert. Aseptisch. Klinisch tot.
Die Brüder Micha und Markus Acher und ihr Bandkollege Martin Gretschmann möchten das Besondere schaffen. Man hört förmlich, wie sich sich verzweifelt mühen, einen Solitair zu schleifen; noch eine Rille und noch ein Prisma, und noch eins und noch eins … und dabei das Zentrum aller Musik verlieren: Die Seele.
Kraftwerk, eine andere Bezugsgröße von The Notwist, komponierten beseelte Musik mit seelenloser Elektronik. Es genügt wohl doch nicht, die Großen zu sezieren und zu analysieren, um ähnliches zu schaffen. Ab einem bestimmten Punkt kippt der Eifer ins Formelhafte. Die Musik von The Notwist klingt, als hätten sie ihre Studiowände zugepflastert mit Datenflussdiagrammen, Ablaufplänen und Organigrammen: Verkopft und durchorganisiert.
Womöglich funktioniert die Kunstwelt von The Notwist in einer Sternwarte, als Raumklang zu Bildern vorübergleitender Planeten. Im Alltag ist sie arm und leer.
Keinen geringen Anteil daran hat die Nicht-Stimme von Markus Acher: Larmoyante Monotonie bis zum Überdruß. Er singt, als langweile er sich mit sich selbst. Das ist kein cooles Understatement. Das ist gewollt und nicht gekonnt. Wenn Acher eines Tages beschließt, sein Leben mit einem Sprung vom Hochhaus zu beenden, dann sollte er auf dem Dach nicht singen. Die Resonanz der Fußgänger wäre: “Spring!”
The Devil, You + Me wird sich trotzdem prima verkaufen. Nicht so oft wie Neon Golden, aber vielleicht genug für einen Echo. 50 Jahre deutscher Sozialisierung mit dem Sandmännchen können nicht umsonst gewesen sein: Gute Nacht und schlaft recht schön.
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