Scarlett Johansson: Anywhere I Lay My Head

Geschrieben von messitschbyburns am 20. Mai 2008 | Hörsturz, TV On The Radio


Scarlett Johansson
“Anywhere I Lay My Head”
(p) 2008, Rhino Records

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Jetzt kracht es.

Vorausgesetzt, Sie hören vorher nichts, wirklich nichts, absolut gar nichts von Tom Waits. Und Sie lieben TV On The Radio.

Letzteres könnte ein Problem sein. Für TV On The Radio müßte man eigentlich einen Begriff erfinden, der das Wort Superlativ hundertfach steigert. Trotzdem sind TVOTR in Deutschland kaum bekannt und werden, wenn überhaupt, mit einem verächtlichem “Der klingt ja wie Peter Gabriel” abserviert.

Mit der ist TVOTR-Sänger Tunde Adebimpe gemeint. Dessen Stimme klingt tatsächlich wie die von Peter Gabriel. Doch dafür kann er nichts. Phil Collins, die lebende Billardkugel, hört sich auch wie Gabriel an. Shit happens.

Das Trio TVOTR spielt einen elektro-basierten, üppig orchestrierten Indie-Sound, der hypnotisch groovt und sich nach allen Seiten ausbreitet; wärmend und streichelnd, a cappella gesungen oder Chor auf Chor gestapelt, tief und laut und explodierend. David Bowie liebt TVOTR und singt auf ihren CDs gelegentlich im Background mit.

David Sitek ist der kreative Kopf von TVOTR. Der Maler, Grafiker, Produzent und Multiinstrumentalist ist der Garant für Anywhere I Lay My Head. Ohne Sitek wäre diese CD nur ein neues Steinchen auf der Pyramide nutzloser Coverversionen.

Sitek und Johansson nahmen 10 Songs von Tom Waits und eine Eigenkomposition von Johansson (Song for Jo) auf. Schon im Intro Fawn wird klar, wer die Hosen an hat. Johansson ist es nicht.

Fawn ist so breitwandig und fett und überbordend arrangiert, wie man es von TVOTR kennt und liebt. Johansson kommt darin gar nicht vor. Fawn ist ein Instrumental.

Um Scarlett Johansson wird momentan ein irres Tamtam inszeniert. Leuchte, mein Stern, leuchte. Dabei liest sich die Filmographie von Johansson eher ernüchternd. Ein kurzes Beben mit Lost in Translation, wobei hier Bill Murray seine eigene Königsklasse zelebrierte, an der Johansson nicht mal schnuppern kann. Davor ein Teenieauftritt in der grauenvollen Redford-Verirrung Der Pferdeflüsterer. Ansonsten eine handvoll Filme zwischen Arthouse und Ausstattungsorgie.

Die Filmographie der nur ein Jahr jüngeren Keira Knightley ist von der Anzahl der gedrehten Filme her fast identisch, künstlerisch aber um Lichtjahre eindrucksvoller. Allerdings steht Keira Knightley unter Bulimie-Verdacht. Das ist Bäh. Besonders Rezensentinnen fühlen sich bei Knightleys Anblick unwohl. Man kann ja nicht alle Spiegel in der eigenen Wohnung verhängen. Das unsportliche Pummelchen Johansson wird eher gelitten. Neben ihr verdrängen sich die eigenen Problemzonen leichter.

Man muß das so ausführlich schreiben, weil Anywhere I Lay My Head zwar von Scarlett Johansson beschallt wird, ihre Person aber nicht der entscheidende Faktor ist. Auch, wenn der Hype länger anhalten und demnächst bei H&M eine SJ-Fashion-Line verkauft werden sollte. Johansson besitzt sicher eine Sprech-, aber ebenso sicher keine Singstimme. Nicht einmal ansatzweise. Sollte sie eine achtel Oktave modulieren können, wäre es ein Wunder.

Anerkennenswert ist, daß Johansson gar nicht auf die Idee kommt, so zu tun, als könne sie singen. Sie raunt ihre Texte mit tiefer Stimme über die dicken, weichen Soundteppiche von Sitek. Das klingt nicht nur wie Nico, das ist Nico revisited.

Doch ohne David Sitek ginge Johansson gnadenlos unter. Er ist es, der die Orgeln himmelwärts orgeln und die Drums butterweich rollen läßt. Der die brausenden Streicher und üppigen Chöre arrangiert. Der Glockenspiele und Banjos hineintupft. Der Johanssons Stimme ganz weit nach hinten mischt, so unbeteiligt, unauffällig und wenig störend wie möglich. Der in seinem Sound-Flokati eine kleine Welt pflanzt, in der es wie auf dem Bauernhof schuppert, grisselt, hallt, zirpt, rauscht, schnattert und plätschert. Der die Membran der Baßboxen wohlig pumpt und mit vergnügtem Grinsen noch einen Klecks Schmalz auf die Butter schmiert.

Sitek fährt Tom Waits runter und startet völlig neu. Mit dem Ergebnis, daß von Waits’ Songs nur noch die Texte und die Ahnung einer gemeinsamen Melodie bleiben. Er reduziert I Wish I Was In New Orleans auf eine Spieluhr und leise knisternde Störgeräusche. No One Knows I’m Gone läßt er wie eine Hommage an Velvet Underground beginnen. Er wagt es, das Heiligtum Anywhere I Lay My Head mit einem preiswert klingenden Rhythmus-Computer zu unterlegen. Bei anderen Produzenten klänge das Resultat wie der Auftritt von Beppo Küster auf Wowereits Geburtstagsparty. Sitek zaubert mit diesem Billig-Gerüst einen neuen, fabelhaften Song. Und dieses göttliche Kunststück gelingt ihm nicht nur im Titelsong, sondern mit konstanter Qualität über fast alle Songs, dankbare 45 Minuten lang — abzüglich der Version von I Don’t Want To Grow Up, bei der Sitek vom Pfad der Tugend abbog und sich für 4:11 Minuten in die Sackgasse “80er Jahre” verirrte.

David Sitek macht Anywhere I Lay My Head zum Ereignis. Scarlett Johansson ist auch dabei.

Wie zu erwarten, nutzt der eine oder andere Rezensent Johanssons CD, um über diesen Umweg Tom Waits abzumeiern. Die dümmste aller denkbaren Formulierungen stand in der Berliner Zeitung. Dort schrieb jemand, Johansson versuche nicht, so theatralisch abgehalftert wie Waits zu klingen.

Schauen wir, wer sich in fünf Jahren an den theatralisch abgehalftert klingenden Tom Waits erinnert und wer an … äh … wie war ihr Name?

In Fannin’ Street hört man im Hintergrund eine angenehm volle, männliche Stimme, die inbrünstig jubiliert und trällert. Pure Theatralik. Man blickt ins Booklet und liest: David Bowie.

Wenn ein alter Backgroundsänger der jungen Hauptperson derart locker die Show stehlen kann, sollte man sich Gedanken machen. Aber nicht über den Backgroundsänger.

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