Mudcrutch
“Mudcrutch”
(p) 2008, Warner Music

Wenn sich alte Männer langweilen, werden sie kindisch. Sie sitzen auf der Veranda, blinzeln in die Sonne und hauen der Briefträgerin auf den Hintern.
Wenn sich alte Musiker langweilen, rufen sie ihre Kumpel an. Die Kumpel kennen sich aus jenen prähistorischen Tagen, als die Saurier noch durch Gondwana trampelten.
Sie rufen sich also an, freuen sich überirdisch über die Stimmen aus dem Jenseits, verabreden sich spontan zur Senioren-Session, packen ihre Instrumente aus, verstehen sich immer noch ganz prächtig und musizieren so frisch und frei wie damals, als die Saurier noch …
Zumindest in der Theorie. Praktisch ruft kein 1976 gefeuerter namenloser Schlagzeuger seinen inzwischen zu Ruhm und Geld gekommenen Kollegen an, der die gemeinsame Band Mudcrutch vor 32 Jahren in den Arsch trat, vom Bass an die Gitarre wechselte und mit größtenteils neuer Besetzung als Tom Petty & the Heartbreakers zum König des gesäftelten Country-Rock wurde.
Das Management von Mr. Petty, das den zum Glück noch sehr rüstigen Musikern von Mudcrutch ausrichten ließ, sich mit Tom Petty im Studio einzufinden, kann immerhin mit Dollarscheinen winken. Petty säuselte sich in den 30 Jahren nach Auflösung seiner alten Band Mudcrutch aus der prekären Kreisklasse in die finanzielle Champions League.
Dabei war von Vorteil, daß er im Grunde nur die beiden Lieder Learning To Fly und Into The Great Wide Open beherrschte — eigentlich ein einziger Country-Schlager in den Versionen “flott” und “getragen” –, weshalb jedes seiner Solo-Alben wie Learning To Great Wide Open in der Endlosschleife klingt. Früher noch süß und klebrig, dann dünn und dünner und auf der letzten CD Highway Companion mit Hektolitern Zuckerwasser zu preiswertestem Softeis gestreckt. Fahrstuhlmusik für die Zielgruppe: Verträumte Liebespaare und patriotische Radiohörer im Mittleren Westen der USA.
Vielleicht hatte Tom Petty für einen Moment die Schnauze gestrichen voll vom eigenen Sirup. Wie ein Arbeiter in einer Schokoladenfabrik, der das Wort Schokolade nicht mehr hören kann, ohne zu würgen. Die kukidentale Sause von Mudcrutch inklusive Petty, der sich für zehn Studiotage wieder brav den Bass umhängte, ist jedenfalls nicht übel — gemessen an Pettys Solo-Repertoire.
Leider konnte oder durfte niemand Tom Petty ausreden, die meisten Titel selbst zu singen. Das mit hoher, brüchiger Stimme geleierte Herzschmerz-Pathos Pettys, dessen optische Erscheinung als bleiche Hohlwange mit strohigem, grau-blondem Haar immer mehr einem kleinwüchsigem Tod auf Latschen ähnelt, liegt auf vielen Songs wie die Süßspeise auf einem Steak. Learning To Great Wide Mudcrutch.
Dabei ist der Band vermutlich mehr zuzutrauen, als sie zeigen darf. Mike Campbell (g), Tom Leadon (g, voc), Benmont Tench (keyb, voc) und Randall Marsh (dr) sind zwar nicht so berühmt wie Master Tom, aber deshalb keine blutigen Anfänger. Man muß ja nicht versuchen, geniale Songs zu erzwingen, wenn die Welt genug Stoff bietet, der gecovert werden könnte. Vorausgesetzt, der Star legt sein Ego ein paar Tage auf die Couch.
Die CD enthält 14 Songs; acht Kompositionen von oder mit Petty, je eine von Tom Leadon (Queen of the Go-Go Girls) und Benmont Tench (This Is A Good Street) und vier Cover: Shady Grove, Six Days On The Road, June Apple und Lover Of The Bayou.
Die Coverversionen der Traditionals Shady Grove und June Apple sind rundum hörenswert. Ebenso das kurze, wuselnde Country-Stückchen Six Days On The Road aus der Ära der Flying Burrito Brothers. Den Birds-Klassiker Lover Of The Bayou kann ohnehin kaum jemand verderben. Alles sehr angenehm.
Auch mit dem Rest könnte man sich anfreunden — wenn Petty nicht zuckerwattige Balladen wie das neuneinhalbminütige Crystal River schreiben und mit seinem Gewimmer ersäufen würde. Oder das bis zum Überdruß verschmalzte Oh Maria. Oder Orphan Of The Storm, eine schunkelnde, verschwiemelte Verbeugung vor den Opfern des Hurrikans Katrina. Schleimen, schleimen, schleimen, und immer an die patriotische Zielgruppe denken.
Mudcrutch und Petty gehen 2008 auf Tour. Danach nimmt Petty, der nie mehr für die Musikindustrie arbeiten wollte, eine neue Solo-CD auf. Mudcrutch haben dann wieder viel Zeit, bis sich Petty erneut langweilt. Eine CD von Mudcrutch ohne Pettys Geningel, nur mit Coverversionen von Klassikern des Country-, Southern-, Swamp- und Blues-Rock — das wäre was.
3 Kommentare ↓
hi, echt unterhaltsam, euer kommentar.
ich würde tom aber auch gerne mal wieder life sehen.
ob mit oder ohne mudcrutch…kommt er jemals nach deutschland???
leibe grüße stephs
Bis nach Kanada hat er es ja 2008 geschafft. Und vielleicht reanimiert jemand die Traveling Wilburys (Jeff Lynne und Bob Dylan leben ja noch), findet Ersatz für George Harrison und schickt sie mitsamt Tom Petty nach Deutschland. Das wäre auf jeden Fall ein Ticket wert :)
Liebe Grüße zurück
MBB
Aber nur, wenn vorher jemand Jeff Lynne erschießt und dafür Roy Wood reinholt … weiß aber jetzt auf die Schnelle gar nicht, ob der noch lebt. Bin auch zu faul zum guhgln.
Grüße aus Leipzig
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