In der Mai-Ausgabe ihrer eigenen Zeitung Publik berichtet die Gewerkschaft Ver.di mit sympathisierenden Worten über Hausbesetzungen als nicht legales, aber legitimes Mittel gegen Immobilienspekulationen. In Paris.
Die gleiche Gewerkschaft ließ eine früher als Zentrale genutzte Immobilie zehn Jahre lang ungenutzt verrotten. Vor kurzem wurde das Objekt von Ver.di an einen Immobilienmakler verkauft. In Berlin, am Michaelkirchplatz.
Die autonome Szene Berlins, die Ver.di aufmerksamer beobachtet, als Ver.di lieb ist, entdeckte obigen Widerspruch und schritt zu Tat: Sie besetzte das leer stehende Gewerkschaftshaus.
Der neue Besitzer reagierte zuverlässig wie ein Duracell-Hase. Er stellte Strafantrag wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Auch die Polizei blieb ihren Reflexen treu. 300 uniformierte Hasis tappelten zum Michaelkirchplatz und baten 19 Besetzer vor die Tür.
Am Tag danach schrieben Berlin-Brandenburger Medien:
“Die Aktion verlief weitgehend friedlich.”
“Einem Sprecher zufolge verlief die knapp zweistündige Aktion weitgehend friedlich.”
“Die Aktion verlief weitgehend friedlich, nur zwei der Hausbesetzer leisteten Widerstand, so ein Polizeisprecher.”
“Okay”, werden Sie denken, “und wo ist der Witz?” Geduld, lieber Leser. Der nun folgende Witz wird Ihnen serviert vom Tagesspiegel:
Artikel vom 28. Mai 2008, 10:55 Uhr
“Die Polizei begann gegen 21:15 Uhr mit der Räumung.. Einem Sprecher zufolge verlief die knapp zweistündige Aktion weitgehend friedlich.”
Artikel vom 28. Mai 2008, 21:27 Uhr
“Nachdem die Räumung des besetzten Hauses in der Michaelkirchstraße in Mitte noch friedlich verlaufen war (…)”
Artikel vom 30. Mai 2008, 0:00 Uhr
“Wie berichtet, hatte die Polizei am Dienstagabend ein besetztes Haus – das ehemalige DDR-Gewerkschaftshaus – am Michaelkirchplatz gewaltsam geräumt.”
Artikel vom 1. Juni 2008, 11:05 Uhr
“Am Dienstag hatte die Polizei ein besetztes Haus geräumt, das zu DDR-Zeiten als Gewerkschaftszentrale genutzt wurde.”
Damit schlägt die Redaktion in nur vier Tagen einen heiter-besinnlichen Spannungsbogen von “friedlich” zu “gewaltsam” und läßt ihn schließlich zu einem quasi-neutralen “geräumt” verdampfen.
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