Brandenburger Sangeskunst trifft Eberswalder Würstchen

Geschrieben von messitschbyburns am 05. Juni 2008 | Braune Soße, SPD


Wir wußten es schon am 30. März, und nun ist es amtlich:

Das kernige Liederl “Märkische Heide”, das man seit 1990 auf Geheiß der Landesregierung als heimliche Hymne Brandenburgs zu schmettern hat, wurde offiziell als Lieblingslied der hiesigen Nazis enttarnt. Der echten hiesigen Nazis, nicht ihrer kahlköpfigen Epigonen.

Komponist und Dichtkünstler Gustav Büchsenschütz schleimte sich mit seinem 1923 entstandenen Liederl zielstrebig in die Kreise der NSDAP ein. 1934 zog er in der Erstausgabe eines Nazi-Heftes freudig erregt eine Bilanz seines völkischen Schaffens:

“Zunächst blieb es auch, so unpolitisch sein Inhalt auch sein mochte, ein ,Nazilied’ und war daher bei Andersdenkenden verpönt.”

Mit Andersdenkende meinte der dichtende Gustav die Nicht-Nazis. Sofern sie 1934 noch lebten.

“Und wie war der ‘politische Weg’ des Liedes? Vom Bismarckorden ging es zum ,Frontbann’ und zur SA und machte hier den Siegeszug der völkischen Bewegung mit, so dass es jetzt als vielgesungenes Lied der nationalsozialistischen Erhebung gilt.”

Womit die musikhistorischen Wurzeln der heutigen Brandenburger Nazis geklärt wären.

“Gab es wegen dieses Liedes auch oft harte Zusammenstöße mit politischen Gegnern, so blieb die Kraft des Liedes dennoch ungebrochen.”

Reichspropagandaleiter Goebbels formulierte später: “Unsere Mauern können brechen, unsere Knochen nicht.” Oder so ähnlich.

“Nachdem auf dem gewaltigen Parteitag in Nürnberg die Berliner und Brandenburger ihre Sonderzüge unter den Klängen der ,Märkischen Heide’ verließen, kann man wohl behaupten, dass die Mark nun endlich ihr Heimatlied besitzt.”

Da schwillt der märkisch-deutsche Busen. Bis heute:

“Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), beide intime Kenner der Landesgeschichte, (warnen) vor einer Verunglimpfung der ‘Märkischen Heide’ als ‘Nazi-Lied’.

Es sei zwar richtig, dass der Komponist Gustav Büchsenschütz in der NS-Zeit eine ‘gewisse Nähe’ zum System gehabt habe, sagte Stolpe. Aber das ändert nichts daran, dass das Lied, das lange vorher komponiert wurde, das Volkslied der Brandenburger geworden ist.”

Da hat aber jemand geflunkert. Als Volkslied wäre “Märkische Heide” im Volk verbreitet worden, von Generation zu Generation. Egal, wie der regierende Reichskanzler oder Generalsekretär heißt. Doch in der DDR wurde “Märkische Heide” nicht gesungen. In der Schule nicht, weil es ein Nazilied war, und außerhalb der Schule nicht, weil es kein Volkslied war.

Zum Thema “Singende Nazis” meint Manfred Stolpe ganz jovial:

“Was ist eigentlich nicht von den Nazis missbraucht worden?”

Sehr gut, Dr. Stolpe. Da spricht der erfahrene Kirchenmann, der seine “Geschichte der Reichskirche nach 1933″ auswendig gelernt hat. Warum also wieder in alten Sachen kramen, nach 75 Jahren? Das macht nur Kopfschmerzen und schlechte Laune. Schwamm drüber.

Das meint auch Heinz Lindecke, Geschäftsführer der Kranbau AG Eberswalde. Dessen Geschäftführung will die Firma zum 01. Juli umbennenen. In Ardelt-Werke Eberswalde.

Begründet wird das mit der Tradition. Doch kein Mensch kennt den Kranbau Eberswalde unter seinem früheren Namen Ardelt-Werke. So hieß der Laden nur bis 1945. Lindecke besteht trotzdem auf der Umbennung, gegen den Widerstand der Belegschaft, der Stadt und des Bürgermeisters.

Die Ardelt-Werke gehörten zu den Kriegsprofiteuren im Dritten Reich. Sie betrieben mehrere Arbeitslager für Zwangsarbeiter und ein Außenlager des KZ Ravensbrück. Sie schickten physisch und psychisch ausgepresste Juden nach Auschwitz, ins Gas. Für den Krieg produzierten sie u.a. Panzerabwehrkanonen, Selbstfahrlafetten, Raupenfahrzeuge, Torpedoausstoßrohre, Granatenkörper, Tellerminen und Seeminen. Die V2-Abschüsse auf England wurden auch von Ingenieuren der Ardelt-Werke vorbereitet.

An diese Tradition will Lindecke anknüpfen. Vorläufig ohne KZs, aber voller Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst:

“Es geht auch nicht darum, diesen Teil der Werkgeschichte zu leugnen. Diese Zeit, in der die Menschen fehlgeleitet wurden, gehört dazu. Aber sie kann nicht 100 Jahre deutsche Ingenieurkunst überschatten.”

Fehlgeleitet heißt, daß jemand die Deutschen bei der Hand nahm und in eine dunkle Epoche führte. Ohne diesen Jemand wäre die Katastrophe des 08. Mai 1945 nicht eingetreten. Denn die Deutschen wollten das alles nicht, diese Nazis und den Krieg und die KZs. Sie wurden fehlgeleitet.

Wenn aber die arglosen Menschen nur fehlgeleitet wurden, dann gilt das auch für die Familie Ardelt. Wer konnte denn ahnen, daß es in ihrem KZ-Außenlager nicht lustig und vergnügt zuging. Das hatte ihnen der Fehlleiter nicht geflüstert.

Die Stadtverordnetenversammlung verabschiedete eine Resolution gegen die Umbenennung. Der Bürgermeister bedauerte die Entscheidung des Unternehmens. Die Beschäftigten sind entsetzt. Doch die Geschäftsleitung bleibt stur:

“Lindecke erinnert an den finanziellen Anteil der Industrie, der durch die Stiftung ‘Erinnerung, Verantwortung, Zukunft’ als Entschädigungen an die Opfer ausgezahlt wurde.”

Freikauf von der eigenen Verantwortung. Schwamm drüber.

Lindecke sollte die Schalmeienkapelle der Freiwilligen Feuerwehr Groß Gaglow zur festlichen Enthüllung des Traditionsnamens Ardelt einladen. Hinterher kann er ja sagen, er hätte von nichts gewußt.

Heil dir, mein Brandenburger Land.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: