Am Morgen des 22. Mai stand der Tauentzien unter Schock. Das KaDeWe, Heiligtum der Wilmersdorfer Witwen und Lüneburger Bustouristen, wurde mit grüner Farbe besprüht.

Der übliche Mechanismus rollte an: Es muß einen politischen Hintergrund geben. Die Polizei vermutet Tibet-Aktivisten oder Linksradikale. Der Staatsschutz ermittelt.
Ein paar Tage später outete sich der amerikanische Künstler Brad Downey. Er bekannte, anläßlich des 75jährigen Jubiläums von Lacoste in deren Auftrag grüne Farbe — das Markenzeichen von Lacoste — auf die Wände gesprüht zu haben. Geplant war ein nettes Guerilla-Marketing für die junge Zielgruppe. In der Wirkung leider zu heftig für Charlottenburger Staatsschützer und Wilmersdorfer Witwen.
Denn Downey ist radikal. Das weiß man, wenn man sich mit ihm einläßt. Er füllte einen Feuerlöscher mit grüner Fingerfarbe, kam, sprühte und verschwand. Ergebnis: siehe oben.

Brad Downey von hinten
Die Berliner Presse berichtete zuerst verwundert, dann erstaunt und schließlich erleichtert. Die Farbe ließ sich in Windeseile abwaschen. Tibet-Aktivisten waren nicht involviert. Ende gut, alles gut.
Noch am 22. Mai erklärte ein Unbekannter auf fotolog.com, an der Aktion beteiligt gewesen zu sein. Er brachte die Namen Downey und Lacoste ins Spiel. Die Spur zu den Linksradikalen begann rapide zu verblassen. Darüber informierte am 23. Mai auch der Tagesspiegel. Man kann also davon ausgehen, daß die Redaktion wußte, daß sich die Waage eher in Richtung Marketing neigen würde.
Trotzdem erschien am 25. Mai, als niemand mehr an Vandalismus oder verborgene politische Botschaften glaubte, im Tagesspiegel ein langes Pamphlet wider den Schmutz und Dreck, den Berlin angeblich aus der ganzen Welt anzieht:
“Noch nie haben wir davon gehört, dass irgendwelche Verrückte mit Feuerlöschern voller Farbe in der Morgendämmerung über die Fassade von Harrod’s in London, von Lafayette in Paris oder Macy’s in New York herfallen.
Passiert es dem KaDeWe wie in der vergangenen Woche, wundert sich aber im Grunde niemand: Berlin gilt weltweit als Magnet für alles und jeden, es ist hip und kreativ und locker und leckmichamarsch, und da ist es im Grunde kein Wunder, dass neben ganz normalen Touristen auch die Internationale der sprühenden und schmierenden Selbstverwirklicher anreist, um sich hier jenen Ruhm zu verdienen, den ihre ortsansässigen Mitglieder offenbar schon längere Zeit besitzen.”
Der Autor heißt Bernd Matthies und ist Restaurantkritiker. Möglicherweise speist er für sein Leben gern im Reich der Aromastoffe und Nahrungsmittelzusätze und mußte am 22. Mai ein Stündchen vor dem KaDeWe verweilen, bevor er ein Tellerchen vom berüchtigten Plastikfraß der Feinschmeckeretage gegen ein Säckchen Gold tauschen durfte.
Oder sein Hirn schwimmt in einer Weißweinsauce und löst sich peu à peu auf. Denn sein gesamter Artikel, der ein Plädoyer für die deutschen Sekundärtugenden, für Zucht, Ordnung und die harte Hand des Staates ist, schreit förmlich nach einer doppelt an die Stirn getackerten Merkbefreiung.
Man kann dem früheren Polizeireporter Matthies zugutehalten, daß er noch nie aus seiner Frontstadt-Kloake herausfand. Er dreht seit Jahren seine Kreise in der gleichen Jauche, in der er immer schwamm und wohl auf ewig schwimmen wird. Die schwäbischen Verhältnisse, bei denen der Nachbar den Nachbarn überwacht, den Inhalt der Mülltonnen fotografiert und spielende Kinder bei der Polizei anzeigt, wird er in Berlin nicht herbeischreiben. Wer sich in Berlin danach sehnt, lebt nicht nur in der falschen Stadt. Er rückt sich selbst in die Riege der dummen Auguste.
Vor Gericht erhalten Idioten mildernde Umstände. Wollen wir also gleiches Recht für alle gelten lassen und Matthies den Status des Redaktionsdeppen zugestehen.
Sein Frontalangriff auf nicht existierende sprühende und schmierende Selbstverwirklicher hatte sich jedenfalls am 25. Mai erledigt. Auf das Zeilenhonorar wollte er wohl trotzdem nicht verzichten.
Was wiederum Fragen nach der redaktionellen Leitung des Tagesspiegels aufwirft. Ist tatsächlich niemand aufgefallen, daß Matthies bodenlosen Mumpitz schrieb? Oder lag Matthies einfach auf der Law-and-Order-Linie des Tagesspiegels, der seit Monaten einen Artikel nach dem anderen abfeuert, in denen nach Zero Tolerance, New Yorker Strategie und Rudolph Giuliani gerufen wird?
Am 29. Mai fand die KaDeWe-Affäre auch im Tagesspiegel ihren offiziellen Abschluß. Brad Downey wurde als Künstler und Lacoste als Auftraggeber bestätigt.
Matthies bleibt Redakteur für besondere Aufgaben.
In der Hierarchie einer Redaktion ist das jemand, vor dem der Pförtner seinen Hut nicht ziehen muß. Eher umgekehrt.
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