Laibach: Volk

Geschrieben von messitschbyburns am 10. Juni 2008 | Hörsturz


Laibach
“Volk”
(p) 2006, Mute Tonträger

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Der Soundtrack zur EM. Zumindest für Deutschland, Russland, Frankreich, Italien, Spanien und die Türkei. Die politisch unkorrekten Großzertrümmerer Laibach knöpfen sich 13 Nationalhymnen vor. Außer den EM-Nationen sind das England, Israel, China, Japan, Slowenien, der Vatikanstaat und die USA; außerdem die Hymne für Laibachs eigenen NSK-Staat.

Hymnen? Von Laibach? Ja — wunderbar! Nach Jahren des Darbens, Bangens und verdrießlichen Schmerzes ob der immer dürftigeren und plakativeren CDs von Laibach ist Volk ein unerwarteter Glücksfall.

Die größte Überraschung ist die neue slowenische Sanftmut. Der frühere Sound zum Trachtenjanker macht Pause. Martialische Brachialstampfer wie Leben heißt Leben und Geburt einer Nation sind und bleiben Geniestreiche, bis diese Erdkugel verdampft. Doch ewig lockt nur das Weib, nicht der Militärstiefel. Im Alter genießt man eher das Zwitschern der Vögel im Garten.

Laibach benutzen die Hymnen wie große Lego-Figuren. Sie treten erst mal drauf, gucken, was noch stehenbleibt und stecken den Rest neu zusammen. Man erkennt noch den Ursprung, muß sich aber auf radikale Umformungen gefaßt machen. Die Kooperation von Laibach mit Boris Benko und Primoz Hladnik von der slowenischen Band Silence hat sich aufs beste ausgezahlt.

Die Hymnentexte werden überwiegend gekürzt, und zwar radikal. Laibach verwenden nur wenige Zeilen, meist von Gastmusikern in der Landessprache gesungen (in Germania singen Laibach selbst Deutsch). Den originalen Text unterlegen sie mit gesprochen Monologen zum jeweiligen Staat. Diese Laibach’schen Fußnoten sind in ihrer ironischen Schärfe und grimmigen Boshaftigkeit das eigentliche Essential der CD. Zusammen mit den Neuinterpretationen der manchmal bis zum Überdruß abgenudelten, an ihrer eigenen Würde erstickten Melodien brechen sie den Fetisch Nationalhymne, ohne die Hymnen selbst lächerlich zu machen.

Beispiel Germania:

Ein Klavierakkord, leises Kuhglockengebimmel und ein getragener Männerchor: “Einigkeit und Recht und Freiheit.” Streicher, die wie Stehgeiger aus Wilhelm Raabes Dräumling klingen — mit Bratenrock und heiligem Ernst vorm Schillerdenkmal — jubilieren mit sanft gebremster Euphorie im satten Moll über einem gutmütig schnurpsenden synthetischen Baß, wärend im Background slowenisch gefärbte Männerstimmen die verbotenen Worte singen: “Von der Maß bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, Deutschland Deutschland über alles, über alles in der Welt.”

Das wirkt sehr friedlich, zumindest für Laibachs Gepflogenheiten. Keine Marschkolonnen, kein Kriegsgeheul, kein gebrülltes “Ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube.”

Laibach streicheln die Hymne der Hindukusch-Verteidiger so lange, bis nur noch ein flauschig weiches Schlaflied übrig bleibt. Passend zu Frau Dr. Merkels Kurzhals-Kostümen im einschläfernden Erdorange. Zu diesem Lied kann der kleine Häwelmann zum Mond fahren. Nazis werden damit nicht froh.

Beispiel Rossiya:

Die Hymne der Sowjetunion war schon immer außergewöhnlich. In ihrer Erhabenheit, Eleganz und Größe ist sie konkurrenzlos. Die russische Regierung verpaßte ihr einen neuen Text, übernahm aber die Melodie. Zum Glück. Das respektieren auch Laibach. Russlands Hymne wird am wenigsten zerlegt.

Laibach starten mit einem reinigenden Gewitter und männlichen Klagelauten, leisen elektronischen Klicks und Paukenschlägen. Dann setzt ein Trommelwirbel ein, die Hymne beginnt und Russland marschiert, von Laibach kräftig, aber mit dem gebotenem Respekt elektronisch begleitet.

Laibach steigern die Schönheit der Hymne mit einem simplen Trick: Sie lassen zwei Zeilen des Refrains von einem herzergreifend süßen Kinderchor singen: “Slawsja Atetschestwa, nasche swabodnoje! Slawsja strana my gardimsja taboi!” (Ruhmreiches Vaterland, unser freies! Ruhmreiches Land, wir sind stolz auf dich!). Wer im Kino gerne weint, dem spendiert Laibach mit dieser Hymne eine Woche Gänsehaut.

Beispiel Francia:

Die französische Hymne ist blutrünstig wie kaum eine andere. Liest man den übersetzten Text, fragt man sich, ob die Franzosen noch alle Tassen im Schrank haben — unabhängig vom historischen Kontext, in dem die Hymne gedichtet wurde. Der Kontrast der fröhlichen Melodie zum gesungenen Schlachtfest macht den Irrsinn noch irrsinniger.

Laibach drehen den Spieß um. Zu einem düster wabernden Synthesizer singt eine liebliche Frauenstimme: “Allons enfants de la Patrie.” Dann setzt Laibachs Stahlgewitter ein. Sie fahren ihr elektronisches Instrumentarium hoch und dramatisieren die Hymne als finsteres Mordstück. So, wie 1792 gedacht.

Beispiel Italia:

Dank Michael Schumacher hat sich die italienische Hymne hierzulande durch eine Szene eingeprägt: Schumacher auf dem Siegerpodest der Formel 1, mit spastischen Zuckungen die Hymne Italiens dirigierend, die für irgendeinen Ferrari-Sieg vom Band lief.

Diese Peinlichkeit wird von Laibach korrigiert. Kinderlärm und Zitterklänge leiten die Hymne ein: Italien als kinder- und heimatliebendes Völkchen. Die Stimmung bleibt entspannt und freundlich, steigert sich angenehm und unaufdringlich. Mit sehnsüchtig gerauntem “Fratelli d’Italia, L’Italia s’è desta” nähern sich Laibach dem Trip Hop-Tresen in der Chillout-Zone. Wer hätte das gedacht.

Mit Volk verspotten Laibach den völkischen Mißbrauch der Hymnen, nicht das Hymnen singende Volk. Sie transformieren das künstlich Erhabene zum Ohrwurm für die Lounge.

Wie gesagt: Wunderbar.

4 Kommentare ↓

#1 svenni am 10.06.08 um 10:25

nach Rummelsnuff endlich mal wieder gute musik hier im blog. ;)

zurück zu Laibach.
beispiel Israel:
ein medley aus israelischer und palästinensischer hymne! und wie diese zueinander passen, macht schon hellhörig.;)

btw, “deutschland, deutschland…” zwar ja , aber “von der etsch bis an die memel…” konnte ich in den vergangenen jahren dort nicht heraushören. habe ich was verpasst?

yours ata-, ata-, atatürk.

#2 messitschbyburns am 10.06.08 um 11:02

Rummelsnuff: Man tut, was man kann :-)) Und ich dachte schon, ich sei der einzige Freund körperbetonter Strom-Musik :-)

Laibach: Ich habe mir “Germania” noch mal angehört; sie singen wirklich “Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt” (von ca. 2:20 bis 2:34).

Die Version von “Israel” ist phantastisch. Auch Spanien, USA, Türkei, Japan, na ja, eben alles. Ich hatte eigentlich zu jeder Hymne was geschrieben, das wäre aber zu lang geworden.

#3 svenni am 10.06.08 um 11:09

dann hab ich wohl wirklich memel-mässig gepennt. ;)

kann deine begeisterung gut verstehen, auch für mich eine mehr als geniale scheibe. wie das gesamte konzept LAIBACH an sich. :)

#4 svenni am 10.06.08 um 12:40

“Und ich dachte schon, ich sei der einzige Freund körperbetonter Strom-Musik ”
nö, ich bin selbst anhänger der englischsprichwörtlichen “elektronischen körpermusik”.

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