Wer nichts zu verbergen hat …

Geschrieben von messitschbyburns am 16. Juni 2008 | Datenschutz, Überwachung


Beginnen wir die Woche mit ein paar schlechten Nachrichten. Reden wir über Datenschutz.

Möchten Sie Ihr Gottvertrauen in die Datensicherheit testen? Dann lesen Sie folgende Zeilen:

“US-Physiker um Marta Gonzalez von der Northeastern University in Boston haben die Daten eines europäischen Mobilfunkbetreibers genutzt, um das typische Reiseverhalten von Menschen in westlichen Gesellschaften zu analysieren. Die Ergebnisse ihrer Studie, bei der sie die Daten von hunderttausend Mobilfunkkunden in anonymisierter Form ausgewertet haben, präsentieren die Forscher jetzt in der Wissenschaftszeitschrift Nature.”

Haben Sie registriert, was Sie eben lasen?

Die “Daten eines europäischen Mobilfunkbetreibers (…) von hunderttausend Mobilfunkkunden in anonymisierter Form” wurden für einen Feldversuch amerikanischer Wissenschaftler verwendet.

Ist Ihnen schlecht? Erholen Sie sich rasch. Es geht weiter:

“(Die Forscher konnten) genau aufschlüsseln, wie viele Menschen im Durchschnitt in ihrem Alltag wie weit durchs Land fahren: ‘Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer verbrachte ihre Zeit bis auf seltene Ausnahmen in einem Umkreis von nur 5 Kilometern um ihre Wohnung’, berichtet Gonzalez.

Der Anteil der Menschen, die regelmäßig bis zu 50 Kilometer reisten, betrug 7 Prozent und nur ein Prozent reiste häufig mehr als 500 Kilometer. Insgesamt verbrachten Gonzalez zufolge fast ausnahmslos alle Studienteilnehmer rund 70 Prozent ihrer Zeit an nur zwei Orten: zu Hause und bei der Arbeit.”

Wurden Sie jemals gefragt, ob Ihre Daten weitergegeben werden dürfen? Nein? Wir auch nicht. Vielleicht betrifft es uns gar nicht, sondern unsere Nachbarn oder Kollegen. Oder wir haben irgendwann einen Vertrag unterschrieben, der gleichzeitig als Einwilligung der Dateinweitergabe bis ans Lebensende gilt. Man könnte ja dagegen klagen. Wenn man wüßte, gegen wen.

Die Forscher verraten nicht, aus welchem europäischen Land und von welchem Unternehmen die Daten stammen. Für den Vorgang ist das aber unerheblich. Der Feldversuch zeigt wieder einmal, wie simpel es ist, Menschen zu orten und Bewegungsprofile zu erstellen.

Das war bekannt. Die neue Qualität besteht in der massenhaften Weitergabe der Daten und deren unbekümmerter Behandlung:

“Gonzalez versteht die Kritik nicht: ‘Solange wir keine Möglichkeit haben, durch die Daten auf die Identität der Untersuchten zu schließen, brauchen sie nichts von der Studie zu wissen.’ Und da die Daten ohnehin gespeichert würden, sei es nur vernünftig, sie auch für die Epidemieforschung einzusetzen.”

Haben Sie es gelesen? Da die Daten ohnehin gespeichert würden. Fällt Ihnen dazu auch die Vorratsdatenspeicherung ein?

Es gibt vermutlich keinen Damm mehr gegen Datenmißbrauch. Weder juristisch noch moralisch. Im Gegenteil, die Entwicklung beschleunigt sich:

“Die klassische Plakatwand wird aufgerüstet - mit kleinen klugen Kameras (…) Sie sollen analysieren, wer welche Plakate wann wie lange schaut.”

Sie werden also beobachtet, während Sie ein Langnese-Plakat anschauen. Und analysiert. Und gespeichert:

“(Die Kameras) sollen aufzeichnen, wer sich welche Werbung anschaut und wie lange jemand vor einem Plakat stehen bleibt. Für die Zukunft ist zudem geplant herauszufinden, welche Emotionen das Plakat bei seinem Betrachter hervorruft.”

“Ethnische Merkmale werden noch nicht verarbeitet. Doch das werde sich in Zukunft ändern, sagt Firmengründer Paolo Prandoni. Dann werde man zusätzlich zu Alter und Geschlecht auch sagen können, ob jemand mit asiatischer oder afrikanischer Abstammung vor einem Plakat gestanden habe.”

“Es sei überhaupt kein Problem, die aufgenommenen Bilder abzuspeichern, sie an einen zentralen Server zu leiten und dort weiter zu verarbeiten, gibt Prandoni unumwunden zu.”

Zur Zeit laufen die Kameras in New York im Testbetrieb. Bleiben wir in Deutschland.

Dank biometrischer Paßbilder wird der ausweispflichtige Teil der deutschen Bevölkerung in naher Zukunft vollständig gescannt sein.

Stellen Sie sich vor: Die Bundesanwaltschaft druckt Fahndungsplakate mit Fotos angeblicher Terroristen. Jeder, der vor den Plakaten stehenbleibt, wird gefilmt und mit den biometrischen Daten verglichen, die auf den Servern des BKA liegen — und ist entlastet. Wer aber desinteressiert weitergeht, gilt als Sympathisant. Oder Terrorist.

Klingt verrückt? Keineswegs. So denkt die Bundesanwaltschaft:

“Fast zwei Jahre lang warf die Bundesanwaltschaft elf jungen Leuten vor, Terroristen zu sein.”

“Verdächtig macht Torsten laut Ermittlungsbericht zudem, dass er sich am Telefon mit Freunden auffallend wenig über politische Dinge unterhält.”

“Dass die Beschuldigten nicht über Anschlagspläne und den G8-Gipfel reden, sei Ausdruck einer besonderen Konspiration, argumentieren die Ermittler.”

Wenn der Tag kommt, an dem die kleinen Kameras installiert werden, dann bleiben Sie unbedingt vor Fahndungsplakaten stehen. Schauen Sie der Kamera hinter der Plakatwand fest ins Objektiv. Lassen Sie sich ausgiebig filmen. Drehen Sie das Gesicht vorteilhaft.

Das macht Sie unverdächtig. Denn nur, wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.

Eine schöne Woche allerseits.

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