Imam Kaloglu gibt nicht auf

Geschrieben von messitschbyburns am 17. Juni 2008 | Berlin


An der Berliner Karl-Liebknecht-Straße soll zwischen Fernsehturm und Marienkirche ein Hotel gebaut werden. Wie originell. Noch eine Baustelle in Alex-Nähe, zwischen dem Hochbunker des Plattenhändlers Saturn, dem Tiefbunker eines bayrischen Parkplatzwächters und dem Experimentalbau Grunertunnel (vorübergehend in Betrieb — bis zum nächsten Platzregen).

Ein Hotel dicht am Alexanderplatz ist sogar origineller als originell: Die nächste nicht ausgelastete Herberge in einem Stadtviertel, das unter einem Überangebot an Hotelbetten ächzt. Hier baut man immer das, was man garantiert nicht braucht: Noch mehr Shopping-Center und Hotels; viel weniger Schulen und Kindergärten. Dit is knorke, dit is Berlin.

Das dachte sich auch Imam Kaloglu. Vom Grünflächenamt Mitte pachtete er vor acht Jahren an jener Stelle, an der nun das Hotel gebaut werden soll, einen Platz für seinen Pizza-Kiosk.

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Die Fassade des Pizzaparadises …

Letzte Woche sollte er sein kleines Reich räumen. Die Frist war ihm seit 2007 bekannt. Doch Robin Kaloglu will weder wanken noch weichen. Der Journalist Uwe Aulich schrieb am 14. Juni 2008 mitfühlend in der Berliner Zeitung:

“Sein Anwalt hat beim Verwaltungsgericht einstweiligen Rechtsschutz beantragt und Klage gegen die Räumung eingereicht.”

Denn das Geschäft mit der Pizza floriert. Zumindest stundenweise:

“Vor allem mittags kommen Touristen sowie Beschäftigte der umliegenden Büros, um bei Kaloglu schnell etwas zu essen.”

Womit sich Kohlhaas Kaloglu die Zeit am Vormittag, Nachmittag und Abend vertreibt, sagt er nicht. Sein Kiosk steht an der ödesten Ecke der an öden Ecken nicht armen Gegend zwischen dem Haus des Reisens und der Schrottgroßhandlung PdR.

An der Stelle der Karl-Liebknecht-Straße, an der Kaloglu Tell seine Freiheit gegen die Obrigkeit verteidigt, erschöpfen sich die Attraktionen in betrunken Punks, die in vollgekacktes Buschwerk pinkeln; einbeinigen, verzeckten und zerrupften Tauben, die im Tieflug auf entsetzte Touristen zusteuern; erbärmlich gekleideten balkanesischen Frauen, die von ihren fetten Besitzern zum Betteln auf die Straße gehetzt werden; und immer noch betrunkenen Punks, die nach dem Pinkeln ihre frisch bepiselte Hand hinhalten und um Geld bitten.

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… und der Dienstboteneingang.

Das möchte nicht mal der Adventure-Tourist aus Übersee sehen. Der Berliner sieht es ohnehin nicht mehr. Der nimmt das Elend an der Karl-Liebknecht-Straße schulterzuckend zur Kenntnis, als wäre es einer von Sarrazins apokalyptischen Einfällen.

Vor zehn Monaten sah auch Sancho Kaloglu Pansa die Zukunft seines Gourmet-Tempels weniger rosig.

Denn nur bis Mitte 2007 lebten er und seine Kiosk-Kollegen recht ordentlich von der Laufkundschaft, die ihnen die Bushaltestelle der Linien 100, 200, 248, M48 und TXL, die direkt vor den Büdchen lag, in die Läden spülte.

Nach dem Umbau des Centrum-Warenhauses am Alexanderplatz, das vorübergehend den Namen Kaufhof trägt, schnippste dessen Chef mit den Fingern und verlangte eine Bushaltestelle vor seinem Gebäude. Die Berliner Verkehrsbetriebe, die ansonsten nicht in der Lage sind, eine menschenwürdige Bushaltestelle am Hauptbahnhof zu montieren oder das Wartehäuschen an der Station Lustgarten wirklich an der Station Lustgarten aufzubauen — und nicht 100 Meter neben der Station Lustgarten –, folgten dem Wunsch und verlegten die Haltestelle im Frühjahr 2007 vor das Kaufhaus.

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Die Herdenspur der undankbaren Kiosk-Kunden änderte ihren Lauf:

“Seit die Bushaltestelle direkt vor den Kiosken an der Karl-Liebknecht-Straße etwa einhundert Meter weiter nördlich an den Kaufhof verlegt wurde, klagen die Händler und Ladenbesitzer an dieser Ecke nahe dem Alex über enorme Umsatzeinbußen. Die Laufkundschaft fehlt. Berliner und Touristen gehen jetzt andere Wege.

‘Aus einer gut besuchten Gegend ist eine regelrechte tote Ecke geworden’, sagt Helga Kühl. Ein paar Meter weiter steht Imam Kaloglu vor seiner Pizzeria am Alex und hält ebenso nach Gästen Ausschau. Vergeblich. ‘Es kommt einfach keiner mehr vorbei’, sagt Kaloglu. Das bestätigen auch die Mitarbeiter der Apotheke dahinter und weitere Händler, die in dieser Gegend ihre Geschäfte haben.”

Im August 2007 resümierte der Journalist Stefan Strauss in der Berliner Zeitung:

“Und so scheint es nicht verwunderlich, dass sich die Geschäftsleute kaum über die Nachricht aufregen, dass die Kioske im kommenden Jahr schließen müssen.”

Daran kann sich Pinocchio Kaloglu im Juni 2008 nicht mehr erinnern. Jetzt wird der berühmte Gerichtsweg beschritten. Die Liebe zum Kiosk scheint übermächtig, trotz miserabler Gegend. Vielleicht explodierte sein Pizza-Umsatz ganz spontan. Dann gratulieren wir für den Durchhaltewillen.

Oder hat ihm jemand das Zauberwort Abfindung ins Ohr geflüstert? Dann bekommt Imam Zarewitsch am Ende eine Frau und einen goldenen Kiosk. Ganz wie im Märchen. Er muß nur das Grünflächenamt Mitte besiegen. Mit der Hilfe Gottes und einer leicht alzheimerischen Presse könnte es gelingen.

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