Über die Toten nur Gutes

Geschrieben von messitschbyburns am 18. Juni 2008 | DDR, RBB


Am Sonntag wurde der Dokumentarfilm “Ich will da sein” im Berliner Kino International uraufgeführt. Regisseurin Petra Weisenburger begleitete Jenny Gröllmann während ihrer letzten zwei Lebensjahre. Am 9. August 2006 ist Jenny Gröllmann gestorben.

Dokumentarfilmpremieren sind selten Ereignisse, die vom Publikum überrannt werden. Diesmal war es anders. Vor dem Kino standen die Leute Schlange. Von diesem Andrang wurden alle überrascht: Die Regisseurin, die Kinobetreiber — und der RBB.

Dessen regionale Nachrichtensendung Abendschau konnte die Filmpremiere nicht ignorieren, aber — getreu dem Vermächtnis des Eberhard-Diepgen-Gedächtnis-Senders SFB — politisch eindeutig vernorden. In einem sparsamen 23-zeiligen Bericht brachte die RBB-Mitarbeiterin Elisabeth Herrmann das Kunststück fertig, auf immerhin neun Zeilen Zweifel an Jenny Gröllmanns Lauterkeit zu säen:

“Vor knapp zwei Jahren starb Jenny Gröllmann und wäre da nicht das hässliche Wort ‘IM’ gewesen, alle hätten sie nur als großartige Schauspielerin in Erinnerung behalten.”

“Vielleicht ist (der Film) deshalb so unkritisch, denn Schattenseiten schien es nicht zu geben in ihrem Leben bis zu dem Tag, an dem die Verdächtigungen begannen.”

“Die letzten Monate ihres Lebens wurden überschattet von den Prozessen, in denen sie um ihren Ruf kämpfte. Gröllmann war nie Mitglied der SED, es gab und gibt wohl immer noch Verdachtsmomente, aber keine Tatsachen. Die Prozesse dauern immer noch an.”

“Es ist allein Jenny Gröllmanns Wahrheit, die dieser Film zeigt, er setzt der Schauspielerin und dem Opfer gleichermaßen ein Denkmal. Den Namen Ulrich Mühe spricht sie kein einziges Mal aus.”

Das ist eine respektable Ausbeute von 39 Prozent des gesamten Beitrags. 39 Prozent, in denen Frau Herrmann versucht, noch einmal in jener trüben Stasi-Brühe zu patschen, in der schon Mühe und sein Donnerbalken abgesoffen sind. Vor Gericht und vor Gericht.

Sollte Frau Herrmann eines Tages von uns gehen, wollen wir für sie trotzdem gelten lassen: De mortuis nihil nisi bene.

Für Leser, denen Jenny Gröllmann unbekannt ist:
Im Archiv der Berliner Zeitung kann man noch zwei Artikel von Regine Sylvester abrufen. Einen schrieb sie zum Prozeß gegen Mühe, den anderen aus Anlaß des Todes von Jenny Gröllmann. Es sind jene Artikel, die unter der Ägide Leinkaufs veröffentlicht wurden und deren Wahrheitsgehalt Schlammspringer Bommarius nachträglich in Frage stellt.

Falls im Rahmen der Großen Berliner Säuberung auch diese Artikel gelöscht werden, kann man immer noch den STERN lesen. Jenny Gröllmann gab den Redakteuren Dieter Krause und Werner Mathes im Juli 2006 ihr letztes Interview. Das STERN-Archiv wird wohl vor Bommarius’ Zugriff geschützt sein.

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Jenny Gröllmann
5. Februar 1947 - 9. August 2006

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