Wie sehr litten wir unter Entzugserscheinungen. Wie lange mußten wir auf dieses Bild verzichten. Wie oft haben wir uns danach gesehnt, wieder einen Blick zu erhaschen auf jenes typografische Liebhaberstück: DDR in Gänsefüßchen.
Wo konnte man diese Pretiose deutschen Nationalstolzes, diesen augenzwinkernd gemeinten Chauvinismus, dieses aufbauende, ermunternde Zurufen: “Euch gibt’s doch gar nicht!” in den letzten Jahren lesen — außer in verstaubten Folianten des Springer-Archivs?
Seit Axel Cäsar Springers Generalabfuhr bei Nikita Chruschtschow, als er, berauscht vom eigenen Genie, im Januar 1958 nach Moskau flog, um höchstpersönlich und höchst erfolglos eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auszuhandeln, wurde in seinem Pressereich das Kürzel DDR in Gänsefüßchen geschrieben. Als Memento des großen Lenkers an den ungerechten Ausgang seiner Mission.
Das Verdikt dauerte über seinen Tod hinaus, bis zum Jahr 1989. Im März, noch zu Lebzeiten der Deutschen Demokratischen Republik, knickte der Springer-Konzern vor dem unsteten Zeitgeist ein und empfahl sich von den Gänsefüßchen.
Nun sind sie wieder da!
Vierzig Jahre lang wurden in der “DDR” sämtliche Naturgesetze auf den Kopf gestellt …
Welche Wiedersehensfreude! Seit heute morgen tanzen, singen und frohlocken wir, laden alle Nachbarn ein, trinken und schmausen und wissen nicht, wo uns der Kopf steht vor schierem Glück!
Weil wir unsere Glückseligkeit mit Ihnen teilen möchten, liebe Leser, schenken wir Ihnen den güldenen Satz als Bilddokument, zum Ausdrucken, Ausschneiden und Einrahmen:

Danke! danke! danke! liebe Chefredaktion der Berliner Zeitung! Eure neue Generallinie ist wunderbar, großartig, ganz zeitgemäß und überhaupt nicht rückwärtsgewandt!
Doch bitte! bleibt nicht auf halber Strecke stehen. Duldet keine Abweichler. Wenn ihr über das Unrecht des DDR-Regimes, über NS-Diktatur und DDR-Regime, NS und DDR, das Unrecht der SED-Diktatur, die Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur, beide Diktaturen und deren entsetzliche Vergangenheit debattiert1, dann verbannt die obszönen, nackten Buchstaben DDR aus eurem Sprachschatz.
Ersatzweise wären wir hiermit einverstanden:
- Ostzone
- Soffjetzone
- Russenpuff
- Das da drüben (Frankfurter Rundschau vom 5. Dezember 1990)
Kampf den Ostalgikern! Wehret den Anfängen! Der Schoß ist fruchtbar noch!
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