5-Euro-Thilo hat seine womöglich letzte Duftmarke gesetzt und könnte entspannt zurücktreten.1 Er rammte die Zahl Fünf erfolgreich gegen den von der SPD — also Sarrazins eigenem Kegelclub — avisierten Mindestlohn von 7,50 Euro in den Weg. Dort steht die Fünf und wird von Holtzbrinck, einem der schärfsten Gegner des gesetzlichen Mindestlohns, als ideale Vorlage im firmeneigenen Tagesspiegel medial aufbereitet.
Gestern flatterte dessen Redaktion aufgeregt durch die Gegend und tat empört über Sarrazin. Das war Teil 1 der Show. Der moralische Zinnober wäre damit abgehakt. Niemand soll sagen, Holtzbrincks Redakteure hätten kein Herz für kleine Leute.
Heute beginnt die schleichende Umdeutung. Der böse Sarrazin ist verbrannt; aus seiner Asche schlüpft der Querdenker Sarrazin: Fünf Euro sind manchmal eine bittere Pille, aber “Besser als Hartz IV”. Laßt uns darüber reden. Der Tagesspiegel hat sich umgehört:
“Minh Tam Berger, Inhaberin des Kosmetik- und Nagelstudios ‘Rose Nails’ in Tiergarten, sagt, ihr bleiben zwei bis drei Euro pro Stunde. ‘Aber ich muss doch etwas tun.’”
“Lena Zimmermann, Auszubildende in einer Pizzeria, muss sich mit 2,50 Euro begnügen, sagt sie. ‘Aber für Ausgelernte sind fünf Euro in der Gastronomie nicht ungewöhnlich.’”
“Auch Verkäuferin Daniela Simon verdient in der Filiale einer der großen Bäckereiketten kaum mehr als fünf Euro. Ihr Berufskollege Christoph Lenz, der seinen Stundenlohn auf 4,50 Euro bis fünf Euro schätzt, sagt: ‘Das ist noch in Ordnung.’”
“Linh Nguyen, ungelernte Mitarbeiterin in einem Textilgeschäft, hat monatlich nur 500 Euro, obwohl sie 40 Stunden pro Woche tätig ist. ‘Mein Mann verdient auch, daher reicht es’, sagt sie.”
“Auch Blumenhändler Vui Ngo arbeitet lieber, als von Hartz IV zu leben. ‘Ich bekomme vier Euro.’”
“‘Für 5 Euro arbeiten? Sofort!’ lacht die junge Frau vom Imbiss-Lieferservice.”
Na bitte, lacht Sarrazin und wirft 5 Euro in sein Sparschwein. Die Konditionierung des Prekariats auf Hungerlöhne läuft wie am Schnürchen. Auf Holtzbrinck ist Verlaß.
Teil 3 der Kampagne kann man schon prognostizieren: Warum üppige fünf Euro? Minh Tam Berger lebt von zwei bis drei Euro pro Stunde! Das kannst auch du! Streng dich an! Du mußt es nur wollen!
Teil 4 liegt seit Anfang 2007 in der Schublade von Wirtschaftsminister Glos. Wer sich für fünf Euro zu schade ist … dem muß man auf die Sprünge helfen:
“Das Wirtschaftsministerium hat ein Konzept erarbeitet, das eine Arbeitspflicht für alle Sozialhilfeempfänger vorsieht. Jeder Erwerbslose müsste demnach einer regulären Beschäftigung oder einer öffentlich bereitgestellten Arbeit (in Art der Ein-Euro-Jobs) nachgehen. Andernfalls bekäme er keine staatliche Unterstützung mehr.”
Bis dahin hat sich 5-Euro-Thilo längst ein kuschliges Nest in der Bundesbank gebaut. Sein persönlicher Hartz-IV-Bimbo duckt sich im Vorzimmer und wartet darauf, gerufen zu werden.
Sarrazin wird dann immer noch Mitglied der SPD sein. Wie Clement, Müller, Hansen …
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