Der Versuch der Berliner Zeitung, mit der 68er Hanswurstiade ein westdeutsch geprägtes Gemütsproblem auch im Osten breitzutreten, ist kläglich verröchelt. Die wöchentliche Nabelschau ältlicher Redakteure im eigenen Feuilleton wirkt auf den hiesigen Betrachter wie die peinliche Entblößung von Opa, der vor seinen Enkeln die Hose aufknöpft, um ihnen zu zeigen, daß er durchaus könnte, wenn er nur wollte.
Man nimmt es amüsiert zur Kenntnis, unterdrückt ein Gähnen und blättert weiter.
Weil sich die Redaktion aber im Kukident-Journalismus gemütlich eingerichtet hat, geht sie hundert Schritte zurück, bis zur Luftbrücke, und verbindet “Opa erzählt vom Geld” mit “Opa erzählt vom Krieg.”
Redakteur Bommarius lobt und preist in der Ausgabe vom 20. Juni 2008 in einem länglichen Artikel auf Seite 3 — also an prominenter Stelle — die Währungsreform und die Luftbrücke und verdammt die Blockade Westberlins. Das Übliche halt.
Man könnte es amüsiert zur Kenntnis nehmen, ein Gähnen unterdrücken und weiterblättern — wenn der Beitrag nicht mit einem irren Einstieg beginnen würde.
Bommarius beschreibt im ersten Absatz die grausamen Folgen der Blockade. Er schildert mit knappen, aber sehr eindringlichen Worten die kaum vorstellbare Not der Bewohner, die ohne Kanalisation, Wasser und Strom vegetieren, zwischen Trümmern, Abfallbergen und Fäkalien. Detailliert führt er an, in wieviel Prozent der Häuser die Fensterscheiben zerstört waren und wie die Menschen trotzdem versuchten, sich im Winter gegen die Kälte zu schützen. Den Hunger in der eingeschlossenen Stadt dokumentiert er mit einer lakonischen Tagebuchnotiz aus jener Zeit: “Die Katze gekocht und gegessen, sehr schmackhaft.”
Überschrieben ist der Artikel: “Operation Bird Dog. Die Währungsreform und die Blockade Berlins bildeten den Auftakt zur deutschen Teilung — ein Jahr darauf war sie auch staatlich vollzogen.”1
So eingestimmt, glaubt man entsetzt, über die Lebensbedingungen im blockierten Westberlin zu lesen. Bis man beim letzten Satz des Absatzes angekommen ist:
“Die Blockade Leningrads, das seit Ende 1991 wieder Sankt Petersburg heißt, dauerte fast 900 Tage.”
Nach einem kurzen Abschnitt über Hitlers Strategie des Aushungerns der eingeschlossenen Leningrader folgt übergangslos:
“Der Krieg war formal noch nicht beendet, sondern nur durch Kapitulation der Deutschen und Waffenstillstand unterbrochen, als in der Nacht zum 24. Juni 1948 in West-Berlin die Lichter ausgingen, die Wasserversorgung eingestellt wurde und die Blockade der zerbombten ehemaligen Reichshauptstadt durch die sowjetische Besatzungsmacht begann.”
Bommarius’ Text über Leningrad steht beziehungslos neben dem Rest des Artikels, der sich ausschließlich mit Westdeutschland und Westberlin beschäftigt. Er montiert in seinem Artikel zwei Ereignisse, die nicht vergleichbar sind, weder direkt noch indirekt. Er suggeriert: Westberlin = Leningrad. Die Sowjets waren nicht besser als die Nazis. Nur dank amerikanischer Hilfe mußte kein Westberliner Katzen kochen.
Das ist pure Demagogie. Glückwunsch, Bommarius.
Demnächst erhalten Sie wieder Gelegenheit, Großes zu leisten. Der 13. August steht vor der Tür. Wir schlagen Ihnen folgendes Thema vor: Schreiben Sie auf Seite 3 über die Staatsgrenze der DDR und die getöteten DDR-Flüchtlinge. Leiten Sie Ihren Beitrag mit der ausführlichen Beschreibung der Stacheldrahtzäune um die deutschen KZs und die im Elektrozaun verreckten, von Wachhunden zerfetzten oder auf der Flucht erschossenen Häftlinge ein.
Sie haben schließlich einen Ruf zu verteidigen.
Das Archiv der Berliner Zeitung läßt nicht nur Artikel von Paul Kaiser und Thomas Leinkauf verschwinden. Auch Bommarius muß dran glauben.
Die Seite 3 der Ausgabe vom 19. Juni 2008 ist archiviert …

… ebenso wie die Seite 3 vom 21. Juni 2008:

Nur am 20. Juni hat es sie nie gegeben:

Auch unter dem Link “60 Jahre Währungsreform” nicht. Vielleicht hat sich der Archivar für Bommarius’ Entgleisung geschämt. Das wäre menschlich verständlich, würde aber die Aufgabe eines Archivars verfehlen. Ein Archiv ist ein Archiv und keine moralische Anstalt.
- Es mag für einen mit der Bild-Zeitung sozialisierten Menschen wie Bommarius eine läßliche Sünde sein, beschreibt aber nur sein vor Selbstgerechtigkeit triefendes westdeutsches Herrenmenschentum, daß er in der Überschrift tatsächlich “die Blockade Berlins” schreibt. Blockiert wurde Westberlin. Der sowjetische Sektor, der ebenso Teil Berlins war wie die drei Sektoren der West-Alliierten, hat sich nicht selbst blockiert. [↩]
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