Der Eigentümer der Berliner Zeitung, David Montgomery, will die Redaktion um 30 Prozent schrumpfen. Von 130 Redakteuren blieben dann nur noch 90 übrig. Montgomery muß die Kosten reduzieren, um seine angepeilte Traumrendite von 20 Prozent zu erwirtschaften.
Darüber kann man sich empören, aber das ist Kapitalismus. Der Verleger Holtzbrinck wußte genau, warum er im Jahr 2005 die Berliner Zeitung an Montgomery und nicht an den DuMont-Verlag verkaufte. Er wußte, daß Montgomery die Berliner Zeitung als geachtetes, aber kostenintensives Leitmedium killen würde. Und Holtzbrinck wußte auch, daß er sich nach dem Verkauf zurücklehnen kann, um in Ruhe zu warten, bis auf dem Berliner Pressemarkt nur noch eine lokale Zeitung jenseits des Boulevards übrigbleibt: Sein Tagesspiegel.
Das alles kann man beklagen. Wesentlich produktiver wäre es, die Angelegenheit als ein sehr seltenes Schauspiel zu begreifen, das man so hautnah kaum wieder geboten bekommt.
Die zerstörerische Wirkung des Kapitals wird normalerweise nur als kurze Meldung in der Tagesschau reflektiert, nach der Ausplünderung und Abwicklung eines gesunden Unternehmens, verbunden mit der Nennung der Zahl der Entlassenen. Die Nachricht hält sich ein, zwei Tage, dann schwimmt ein Krokodil im See und verdrängt die Schicksale der Ausgespuckten und Überflüssigen.
Hier ist es anders.
An der Berliner Zeitung wird seit Ende 2005 vor aller Augen die Funktionsweise von Investmentgesellschaften offengelegt; wie an einem lebenden Wurm, den man in der Petrischale seziert. Daß der Wurm nicht überlebt, steht von vornherein fest. Aber diesmal krepiert der Wurm nicht im abgeschotteten Labor, sondern coram publico. Jeder Mensch darf bei der tödlichen Verstümmelung zusehen, für nur 80 Cent am Tag und 90 Cent am Wochenende.
Die äußere Amputation der Zeitung, d.h., ihre Ausdünnung (Papier kostet Geld!), ist buchstäblich mit Händen zu greifen. Seite für Seite (d.h., Buch für Buch) wurden über die Jahre gespart. Es gibt Tage, da scheint die Sonne durch die spindeldürre Berliner Zeitung.
Was vom Papierschwund übrigblieb, muß den Platz mit ganz- oder doppelseitigen Discounter-Anzeigen und verschwenderischer Kreuzfahrt-, Elektromarkt- und Baumarktwerbung teilen. Und mit redaktionellen Beilagen und als Ratgeber getarnten Agenturtexten, die nichts anderes sind als — Werbung.
Die Flucht erfahrener Redakteure, die keineswegs erst mit dem Verkauf an Montgomery einsetzte, sich nach dessen Einstieg aber beschleunigte, kompensiert der Investor nicht durch die Abwerbung professioneller, gut bezahlter Fachleute anderer Verlage. An Stelle der Gegangenen pflanzt Montgomerys Statthalter Depenbrock schreibende Volontäre und Schülerreporter wie Jakob Schlandt und Jean Pierre Bassenge, deren Beiträge die Wissenschafts- und Wirtschaftsseiten durchweben. Beiträge, die man nicht der ärgsten Konkurrenz zumuten möchte. Geschrieben für einen warmen Händedruck und die Ehre, den eigenen Namen in der Zeitung zu lesen.
Das Resultat heißt Leserschwund. Von 2006 bis 2008 sank die verkaufte Auflage (Montag bis Freitag) um 7 Prozent, die Zahl der Abonnenten sogar um 12 Prozent. Im gleichen Zeitraum verlor der Tagesspiegel nur 0,13 Prozent im Verkauf und 1,54 Prozent im Abonnement.
Montgomery wird es recht sein. Je bedeutungsloser und blutleerer das Blatt ist, desto geräuschloser kann der Umbau vom tagesaktuellen Qualitätsmedium zum höchstprofitablen Anzeigenblatt mit kostengünstigen Agenturmeldungen über die Bühne gehen. Eine Zeitung, die sich nicht nur ihres Inhalts entledigt, sondern auch ihrer Leser, mobilisiert keine Solidaritätskomitees.
Ob sich die Redaktion gegen die Kürzung wehrt, ist ungewiß. Eine geschlossene Phalanx gegen Montgomery existiert nicht. Von interessierter Seite wird der innerredaktionelle Ost-West-Konflikt, der beinahe überwunden schien, mit großem Eifer neu entfacht. Die Gräben sind seit der von außen inszenierten Stasi-Debatte im März nicht schmaler geworden. Ein völlig sinnloser Nebenkriegsschauplatz, in den sich die Redaktion ohne große Gegenwehr treiben ließ.
Die Kinder sind beschäftigt. Und David Montgomery lacht.
2 Kommentare ↓
Die Berliner Zeitung hat durch Montgomery und den Verlust “alter” Zeitungshasen gelitten, einverstanden. Wer aber der Meinung anhängt, sie habe auch einen Qualitätsabsturz erlitten, hat sich nicht intensiv mit dem Blatt beschäftigt. Die Degradierung von couragierten, jungen Autoren zu “Schülerreportern” erscheint ohne Begründung aus der Luft gegriffen. Allein die wissenschaftlichen Texte haben keinen Abbruch erlitten. Wer sich eine fundierte Meinung über dieses Ressort bilden will, sollte sich vorher die brillianten aktuellen Texte, zum Beispiel über das CERN oder die Wellenfeldsynthese, zu Gemüte führen. Lest sie und urteilt dann.
Dann ist ja alles in Butter. Die IVW-Zahlen für die Berliner Zeitung (Mo-Sa):
II/2008 zu I/2008:
Verkauf: -3,49 Prozent
Abonnement: -2,36 Prozent
Druckauflage: -2,07 Prozent
II/2008 zu II/2007:
Verkauf: -6,24 Prozent
Abonnement: -11,41 Prozent
Druckauflage: -5,15 Prozent
Man könnte denken, die im Westen stagnierenden und im Osten um 0,5 Prozent gesunkenen Bruttolöhne hätten auch die Abonnenten der Berliner Zeitung ausgedünnt. Vergleichen wir sicherheitshalber mit dem Tagesspiegel (Mo-So):
II/2008 zu I/2008:
Verkauf: +1,02 Prozent
Abonnement: +2,47 Prozent
Druckauflage: -0,12 Prozent
II/2008 zu II/2007:
Verkauf: +0,39 Prozent
Abonnement: +2,78 Prozent
Druckauflage: +0,47 Prozent
Merkwürdig, nicht wahr?
Apropos Wissenschaftsseite:
Wir haben noch mal nachgeschaut. Eine ganz normale Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung sieht so aus: ddp, ddp, dpa, ddp, Nature, Science, Lebensmittel-Rundschau. Die schöpferische Höhe besteht darin, die konfektionierten Agentur-Artikel umzuformulieren und “mit dpa” zu zeichnen.
Immerhin findet man diese umgetexteten dpa- und ddp-Meldungen im Online-Archiv, im Gegensatz zu reinen Agenturmeldungen, die die Berliner Zeitung nicht mehr archiviert. Was die Wissenschaftsseite übrigens zu großen Teilen obsolet macht. Falls sich ein Leser wirklich über ältere Wissenschafts-Artikel informieren möchte, muß er eine Bibliothek aufsuchen. Im Online-Archiv der Berliner Zeitung wird er die ddp- und dpa-Meldungen nicht finden.
Mein Kommentar: