Der Bundesbürger wird verdrahtet

Geschrieben von messitschbyburns am 25. Juni 2008 | Überwachung


Zur Entlastung der Wirtschaft möchte die Bundesregierung eine Chipkarte für Arbeitnehmer einführen.

Auf der Chipkarte wird der elektronische Einkommensnachweis gespeichert. Kein Arbeitslosen-, Kinder- oder Wohngeld mehr ohne Chipkarte. Man spaziert zum Amt, läßt die Karte durch den Schlitz des Lesegerätes ziehen — zzzzzz — und erfährt sofort, daß man drei Cent über dem Sockel liegt, der zum Geldbezug berechtigt. Puff.

Die Kosten für die Chipkarte tragen die Arbeitnehmer. Ganz allein. Die Karte kostet 10 Euro für drei Jahre. Danach wieder 10 Euro. Oder auch mehr.

Diesen 10 Euro (oder auch mehr) wird wohl niemand widersprechen, denn, wie jeder weiß: Die Wirtschaft braucht jeden Cent, um sich selbst anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und sich fit für den Weltmarkt zu machen. Was sind 10 Euro für drei Jahre, wenn wir die Wirtschaft um 25 Millionen Euro pro Jahr entlasten können?

Die 10 Euro holen wir aus dem Topf, in dem wir schon für die Praxisgebühr, Rezeptgebühr, Privatrente, den elektronischen Personalausweis und alles, was sonst noch kommt, sparen. Wir schauen voraus und freuen uns, daß das verdrahtete und verchipte Leben um uns herum leichter und sicherer wird.

Parkt Väterchen Staat die Daten der Chipkarte auf den gleichen Servern wie die Daten der Einwohnermeldeämter, kann der pfiffige Unternehmer XYZ, der sich mit der Umgehung von Sicherheitslücken auskennt, im Handumdrehen prüfen, ob der Bittsteller würdig genug für seinen guten Arbeitsplatz ist. Wo wohnt er, wie viele Kinder hat er, zu welchem Gott betet er?

Noch schöner wäre eine gemeinsame Datei unter der neuen, der Personenkennzahl der DDR nachempfundenen Steuernummer, in die auch die Daten aus der elektronischen Gesundheitskarte einfließen könnten. Flott die Sicherheitslücke ausgespäht, den potentiellen Bewerber heimlich überprüft und ohne Federlesen abgelehnt. Das spart sinnlos vertane Wartezeit und enttäuschte Hoffnungen.

“Stimmt ja gar nicht!”, rufen Sie. “Mein Boss kann nicht sehen, was auf der Chipkarte steht!” Tatsächlich, Sie haben uns ertappt. Wir wollten Sie nur ein wenig foppen, liebe Leser.

Denn eines ist sicher: Die Daten werden niemals — wir betonen ausdrücklich, niemals! — mißbraucht, gehackt oder gegen das Einverständnis der Betroffenen verwendet. Das ist völlig unmöglich und ausgeschlossen, und wer anderes behauptet, sollte als Defätist füsiliert werden.

Oder nach drüben gehen.

1 Kommentar ↓

#1 Cudddel am 30.06.08 um 14:50

…und wieder wird eine unpopuläre Maßnahme dem sedierten Volk inmitten einer Fußballmeisterschaft unter den Bierdeckel geschoben…

Ich freue mich schon auf den Sommer 2010. *herumspekulier*

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