Oh my God! What a Scandal!

Geschrieben von messitschbyburns am 27. Juni 2008 | Games, SPIEGEL/SPON


Seit ca. 20 Jahren gibt es Computerspielezeitschriften. Von Anfang an hingen sie am Tropf der Publisher: Keine positiven Bewertungen — keine Anzeigen — kein Geld — keine Zeitschrift. Eine unabhängige Computerspielepresse hat es nie gegeben.

Das weiß eigentlich jeder. Am 24. Juni 2008 hat es auch Christian Stöcker geschnallt.

Und wie! Er gackert und spektakelt, als hätte er ein goldenes Ei gelegt:

“Spieleindustrie setzt Fachpresse unter Druck (…) Der Spiele-Publisher Atari hat eine Anwaltskanzlei beauftragt, gegen einen Testbericht vorzugehen. Das finden sogar Fachjournalisten ein bisschen stark, die eigentlich Druck gewohnt sind.”

Man ist als Leser auch von SPON einiges gewohnt. Manchmal wird aber selbst der größte Käse noch käsiger.

Fachjournalisten? Wer soll das sein? Solche wie Stöcker? Oder sein Kollege Lischka, der zu bescheuert ist, einen Aufzug zu bedienen, eine Straßenbahnkarte zu entwerten oder eine EC-Karte in den Automaten zu stecken und darüber eine Serie selbstentlarvender Dämlichkeit (“Lischka — Dumm geboren und nichts dazugelernt”) fabriziert?

Oder meint Stöcker jene Fachjournalisten, die ein Spiel mit beigelegtem Auftrag des Publishers für eine Serie Vierfarbanzeigen ganz objektiv und unbeeindruckt testen? Hat er die im Traum gesehen?

Vielleicht glaubt Stöcker sogar, in den Redaktionen würde jedes Spiel tatsächlich durchgespielt, inklusive aller Lösungswege? So dumm kann doch kein einzelner Mensch sein.

In den 90er Jahren gab es in Berlin einen Entwickler, der ein Spiel programmierte, das nur auf den allerschnellsten High-Tech-PCs einigermaßen flüssig lief. Schon als Demo konnte man sehen: Unverkäuflicher Schrott.

Der Publisher brachte die Demo trotzdem zu einer bekannten Spielezeitschrift, buchte ganzseitige Anzeigen und erhielt eine euphorische Vorab-Rezension mit großer Bildstrecke und einer Story über das Team. Ein dreiviertel Jahr später war das Spiel fertig, der Publisher aber inzwischen knapp bei Kasse. Er schickte das Spiel ohne Anzeigenbuchung zur gleichen Zeitschrift und wurde mit einem Viertelseiter abgespeist. Das Spiel floppte gewaltig — nicht wegen der Zeitschrift, sondern weil es schlecht war –, der Publisher ging pleite und der Entwickler ebenfalls.1

Den Zusammenhang zwischen der gefakten Vorab-Rezension und dem Anzeigenauftrag hat uns ein Redakteur später bestätigt. Wir haben nur mit den Achseln gezuckt und gesagt: Wen juckt’s. Wer euch vertraut, ist selber schuld.

Umgekehrt drückt eben die Industrie auf die Presse. Als ob das eine neue Erkenntnis wäre. Bei SPON wurde mal eine Pink-Floyd-Edition positiv rezensiert, die man nur als Sondermüll klassifizieren kann. Der Rezensent kann die Edition weder gehört noch in der Hand gehalten haben. Der Plattenkonzern wiederum ist ein sehr guter Anzeigenkunde des Spiegel-Verlags. Noch Fragen?

Wäre Stöcker in seinem Leben auch nur einmal auf einer Computerspielemesse gewesen und hätte er dort mit einem der von ihm so apostrophierten Fachjournalisten gesprochen, wüßte er, wie die Mechanismen funktionieren.

Und wie reibungslos kleine Ruckeleien repariert werden: Das kurze Fingerhakeln zwischen Atari und den anderen hat sich schon wieder in Luft aufgelöst.

Dafür muß man aber seinen Arsch aus dem Sessel heben. Das wollen wir von einem Fachjournalisten wie Stöcker wirklich nicht verlangen.

  1. Namen nennen wir nicht. Die Totenruhe ist uns heilig. Burns Games war es jedenfalls nicht. Uns gibt’s ja noch. []

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: