Isobel Campbell & Mark Lanegan
“Sunday at Devil Dirt”
(p) 2008, V2 Records International

Ach, wie tröstlich. Mark Lanegan ist auch nur ein Mensch wie du und ich. Er produziert unfaßbar schöne Aufnahmen — und genehmigt sich zwischendurch ein kleines schnuckliges Lutschbonbon wie Sunday at Devil Dirt.
Zum zweiten Mal — nach Ballad Of The Broken Seas (2006) — duettieren Isobel Campbell und Mark Lanegan. Isobel Campbell war die Sängerin des musizierenden Duftwässerchens Belle & Sebastian. Im Sommer 2002 sagte sie ihren Kollegen mitten in einer Tour Winke Winke, angeblich wegen künstlerischer Differenzen. Das wäre ein Witz im Witz: Eine gekünstelte Band verliert ihre Sängerin wegen künstlerischer Streitigkeiten. Nelson Muntz würde sagen: Ha! Ha!
Wem sich bei Belle & Sebastian die Haare kräuseln, dem können wir tröstend zurufen: “Fürchte dich nicht! Mark Lanegan bleibt Mark Lanegan — und Isobel Campbell ist keine ätherische Piepsmaus!”
Mark Lanegan dominiert die Songs. Das heißt, Isobel Campbell läßt Mark Lanegan dominieren. Sie hat die Songs (bis auf einen) nicht nur komponiert; sie hat sie auch produziert und arrangiert. Eigentlich ist Sunday at Devil Dirt eine Campbell-Solo-CD, mit Lanegan als Gast. Doch sie macht sich winzig klein und verschwindet fast hinter dem Rücken ihres Duettpartners. Den Raum füllt einzig und allein Lanegans Grabesstimme.
Die Reaktion von Hörern, die weder Lanegan noch Campbell kennen, ist nach den ersten Takten des ersten Titel Seafaring Song immer gleich: “Das kenne ich! Wasserleiche! Nick Cave und Kylie Minogue!” Kopfschütteln. “Leonard Cohen? Lee Hazlewood? Serge Gainsbourg?”
Nichts dergleichen, aber die Richtung stimmt. Campbell & Lanegan hocken entspannt im Schatten einer Veranda, mit einer akustischen Gitarre, einem sparsam gerührten Jazzbesen und einem Klavier. Manchmal marschieren Streicher auf der staubigen Straße vorbei und unterstützen das Duo mit weit ausholenden, überzuckerten, arabisierenden Klängen — eine Haschwolke voller Düster-Pop.
Campbell & Lanegan scheuen keinen Kitsch. Come On Over (Turn Me On) z.B. ist ein Schmachtfetzen, bei dem sich die talentfreie Kylie Minogue, die die genervte Pop-Welt wohl so lange als Disco-Oma penetrieren wird, bis der erlösende Krebs dazwischenfährt, vor Scham ersäufen müßte. Real, nicht nur im Film.
Keep Me In Mind, Sweetheart, eine andere süße Schnulze, schrammt haarscharf an Mull Of Kintyre vorbei, biegt aber rechtzeitig auf einen Feldweg Richtung Johnny Cash ein. Mit Cash verbindet Lanegan ohnehin mehr als mit anderen Sängern. Beide sind (bzw. waren) nur gebremst optimistisch; beider Stimmen sind zwar grundverschieden, berühren sich aber in ihren finsteren biblischen Abgründen; beider Themenauswahl ist eher nachtschattig als lebensbejahend.
Mark Lanegan ist ein Wanderprediger der Unterwelt. Die Konfrontation seiner Höhlenmenschenstimme mit Isobel Campbells gehauchten Vokalismen und ihren sehnsuchtsvoll verschmusten Balladen funktioniert trotzdem.
Mit Großtaten wie den Soulsavers oder den Gutter Twins kann man Sunday at Devil Dirt beim besten Willen nicht vergleichen. Aber als Country’n'Blues-Drops für zwischendurch ist diese CD wärmstens zu empfehlen.

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