Ghazal: The Rain
Recorded live 2001, Radio Studio DRS, Bern
(p) 2003, ECM Rec. GmbH

Was für ein unglaublicher Auftritt!
Das Trio Kayhan Kalhor (kamancheh), Shujaat Husain Khan (sitar, voc) und Sandeep Das (tabla) befreit das Wort “Weltmusik” von allen Peinlichkeiten, die ihm durch Gestalten vom Schlage einer Claudia Roth angepappt wurden. Hier muß kein exotischer Nasenflötenquäler als Parteitags-Kulisse für blaßgrüne Schwallbacken herhalten. Hier wird musiziert.
Und wie!
Der Iraner Kayhan Kalhor gilt als einer der besten Kamanchehspieler (*) seiner Heimat. Er war ein musikalisches Wunderkind, das glücklicherweise nicht ausbrannte, bevor es erwachsen wurde. Der iranische Kamancheh-Meister Ahmad Mohajer nahm Kalhor bereits im Alter von sieben Jahren als Schüler unter seine Fittiche. Kalhor spielte im iranischen Radio- und Fernsehorchester, begleitete legendäre iranische Musiker und gründete seine eigenen Ensembles. Seine Erfolge würden einige Wände pflastern; u.a. darf er sich über Nominierungen für mehrere Grammy Awards und den World Music Award freuen.
Shujaat Husain Khan entstammt einer legendären indischen Sitar-Dynastie, übte schon als Dreijähriger (!) auf einer Mini-Sitar und sitzt seit seinem sechsten Lebensjahr auf den Bühnen — zuerst Indiens, dann der Welt. Auch sein Landsmann Sandeep Das begann als Kind zu musizieren: Mit acht Jahren wurde er Schüler des Tabla-Meisters Pandit Kishan Maharaj. Sandeep Das zählt heute zu den führenden Tablaspielern weltweit.
Unter europäischem Blickwinkel wäre diese Konstellation eine “Supergroup”. Aber das war es nicht, was Kayhan Kalhor zur Gründung von Ghazal animierte. Er ist ein Suchender, der die vielzitierte Brücke zwischen den Kulturen — in diesem Fall der iranischen und nordindischen Musik — schlagen möchte. Die gemeinsame islamische Vergangenheit macht es möglich: Nordindien wurde im 16. und 17. Jahrhundert von islamischen Mogulen regiert. Deren Spuren sind noch heute in der nordindischen Kultur nachzuweisen. Nicht mehr prägend, aber immer noch auffindbar.

Kayhan Kalhor, Shujaat Husain Khan, Sandeep Das
Genug der Vorrede. Auf der Live-CD von Ghazal sind nur drei Stücke zu hören: “Fire” (18:18), “Dawn” (14:58) und “Eternity” (19:50). Aber was für Stücke! Improvisationen vom Feinsten. Sitar und Kamancheh umkreisen sich, beschnuppern sich, spielen miteinander, jagen einander und verlieren doch nie den gegenseitigen Respekt. Auch die Tabla zwängt sich nicht in den Vordergrund. Niemand gerät in Versuchung, den anderen zu übertrumpfen oder auszustechen. Zurückhaltung als wahre Größe.
Hört man die CD, kann man sich vorstellen, wie die Musiker auf der Bühne kommunizieren. Ein kurzes Kopfnicken, ein knapper Ruf, ein leichtes Beugen des Oberkörpers, um das Tempo zu steigern oder zu drosseln. Das gleichwertige Zusammenspiel dreier Meister, aus dem ein perlendes, flirrendes Ganzes entsteht. Gibt die Sitar die Melodie vor, antwortet die Kamancheh. Brummt die Kamancheh, grinst die Sitar. Sie sind ungestüm und zärtlich, verspielt und verhalten. Der eine ist das Echo des anderen. Als würden sie auf zwei Gipfeln stehen und sich über das Tal hinweg fröhlich zurufen, voller Vorfreude auf das Finale Furioso.
Denn das Finale von “Eternity” ist wirklich sensationell. Ein abgründiger Strudel, irrwitzig und rasend, wie von unsichtbaren Derwischen geführt. Immer furioser dreht sich die Spirale. Hände fliegen über die Tabla, die Sitar reißt das Tempo in himmlische Regionen, die Kamancheh hält locker mit und folgt ihr in die nächste Umlaufbahn — schneller, noch schneller …
Positive Schwingungen sind garantiert. Wer will, kann dazu seinen Ganesha auf die Kommode stellen und duftendes Harz in einem Schälchen entzünden. Mit einer brennenden Autogrammpostkarte von Claudia Roth, falls zur Hand. Auf daß das Herz noch lange tanze.
(*) Kamancheh: Eine seit dem Altertum bekannte dreisaitige (ab dem frühen 20. Jahrhundert viersaitige) Knie- oder Spießgeige, die — ähnlich einem Violoncello — vertikal gespielt wird.
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