Ufomammut
“Idolum”
(p) 2008, Supernatural Cat Records

I’s the rhythm, stupid! Und ein bißchen die Melodie. Aber nur ein bißchen.
Das italienische Trio Ufomammut mixt seit 1999 Psychedelic und Doom zu — Überraschung! — Psychedelic Doom. Die Eltern von Ufomammut heißen Yob und Sleep, die Großeltern Black Sabbath und Pink Floyd. Als entfernte Verwandte winken Hawkwind, Pelican, ISIS, Five’s Continuum Research Project und natürlich Electric Wizard.
Ufomammut sind keine Newcomer. Vor Idolum veröffentlichten Poia (guit, synth), Urlo (b, voc, synth) und Vita (dr) die CDs Godlike Snake (2000), Snailking (2004) und Lucifer Songs (2005); außerdem die Kollaboration Supernaturals Record One mit der Postcore-Band LENTO. Deren Gitarrist Lorenzer revanchierte sich mit einem Gastspiel auf Idolum.
Filigrane Melodien sind nicht ihr Ding. Ufomammut schlagen ihre Riffs mit Wucht aus den Saiten. Sie kommen gleich im ersten Song (Stigma) zur Sache, und zwar von Anfang an. Die Gitarre röhrt und grollt, der Synthesizer pfeift und wabert, die Gitarre röhrt und grollt … sieben Minuten lang.
Nach knapp vier Minuten ziehen Ufomammut den Lautstärkeregler höher und übersteuern die Gitarre um drei Zacken. Die Party kommt in Schwung. Am Ende zwitschert der Synthesizer tatsächlich so urtümlich wie einst bei Hawkwind oder — für unsere Abiturienten — bei ELP’s Lucky Man.
Nächster Song: Stardog. Wieder rummst das Schlagzeug, der Baß steht pluckernd unter Strom, und der Gitarrist dröhnt seine Riffs mit monotoner Gleichmut. Ein Presslufthammer in Zeitlupe. Eine ufologische Urgewalt. Gefangene werden nicht gemacht.
Hellectric, Song Nr. 3, beginnt mit einem freundlich geklimperten Riff — aber nur kurz. Dann trommelt das Schlagzeug einen dumpfen Rhythmus wie zu einem kannibalistischen Stammestanz, und die Gitarre sägt sich in alte Form. Mitten im Song wird der Druck plötzlich rausgenomen. Ufomammut nehmen sich zurück, werden leiser und leiser — und schlagen mit krachender Gewalt zu. Die Band beherrscht auch die Push/Pull-Dynamik. Ach ja: Neurosis gehören ebenfalls zur buckligen Verwandtschaft.
Im vierten Song Ammonia steckt so viel Melodie wie im gesamten Rest der CD. Für Ufomammut sehr ungewöhnlich, für die CD aber aus vokaler Sicht ein Glücksfall — dank der fabelhaften Gastsängerin Rose Kemp. Ihre Stimme läßt sich kaum sinnvoll einordnen. Ihr Label nennt als Bezugsgröße PJ Harvey; das könnte hinkommen. Und um einen sehr gewagten Vergleich zu bemühen: Ammonia mit Rose Kemp klingt stellenweise wie The Great Gig In The Sky von Pink Floyd mit Clare Torry — in der Slow-Motion-Version, aus der Tiefe des brodelnden Magmas. Eine sich Millimeter für Millimeter bewegende Dampfwalze, die niemand aufhalten kann und unter die man sich mit Freude zum Sterben legt.
Die Psychedelicfreunde von Ufomammut begnügen sich in ihren Songs nicht mit an- und abschwellenden Synthesizern. Sie fügen geschickt Industrialgeräusche und Sprachfetzen ein. Der Gruselfaktor wird dadurch nicht geringer. Auch, weil der Gesang zwar mehr Sludge als Doom ist, aber auf die zornige, schneidende Kälte verzichtet. Die Stimme aus der Gruft ist verhalten. Weniger Eyehategod, mehr ISIS und Five’s.
Auf Ammonia folgen Nero und Destroyer, ebenfalls herzerfrischende Rhythmusorgien und wispernde Soundcollagen, dem lateinischen CD-Titel Idolum folgend. Der bedeutet übersetzt sowohl “Geist” als auch “Idee”. Die Idee wird hier zur tieffrequenten Gewalt. Ganz im Sinne Lenins. Oder fast.
Fast wäre Song für Song, jeder zwischen vier und acht Minuten lang, ein bollerndes Hörvergüngen — gäbe es nicht eine Nerverei beim letzten Stück, dem 27minütigen Doppeltitel Void/Elephantum.
Eigentlich auch ein heavy Wonneproppen mit einer faszinierenden, plingenden und schnarrenden Gitarre von Lorenzer; ein Hochgebirge aus Power und Strom und neben Ammonia ein weiteres Highlight auf Idolum. Leider von der Band mit 10 Minuten noisigem, piepsenden und fiependen Schnickschnack gestreckt. Überflüssiges Electronic Ambient, um auf eine Gesamtspielzeit von 66,6 Minuten zu kommen. Die Zahl Satans mußte es eben sein; auf Teufel komm raus.
Das bleibt ein Wermutstropfen. Doch damit kann man leben.

Von links: Poia, Vita, Urlo
2 Kommentare ↓
Die Story geht 2010 weiter:
http://www.bolachas.org/?p=6721
GvH
“comprised of one 45-minute atmospheric track, divided into five distinct movements” — so soll es sein :)
Mein Kommentar: