Boris
“Smile”
(p) 2008, Diwphalanx Records
(p) 2008, Southern Lord Recordings

Boris goes Pop. Und wir lieben es.
Wenn wir Pop schreiben, meinen wir Boris-Pop. Nicht Kid-Rock-Pop oder Kylie-Minogue-Pop oder Hot-Chips-Pop. Sondern Boris-Pop.
Andere nennen es vielleicht Streß oder Lärm oder Zumutung. Wir nennen es Boris-Pop. Und wir lieben es.
Die japanische Band Boris spielt seit 1996 in der Besetzung Atsuo (dr), Takeshi (b, voc) und Wata, der bezaubernden Feedback-Göttin. Der Name Boris soll vom gleichnamigen Song der Melvins-CD Bullhead (1991) inspiriert worden sein, wie überhaupt die Melvins häufig als Quelle und Vorbild genannt werden. Das ist in den Anfangsjahren tatsächlich so gewesen, hat sich aber schon lange in eine andere Richtung entwickelt: Von Sleep über Sunn O))) zu Heavy- und Stoner-Rock.
Die ersten beiden CDs Absolutego (1996) und Amplifier Worship (1998) waren gnadenlose Drone-Gewölke. Extrem langsam, extrem fett, extrem verstörend. Minutenlang gehaltene Akkorde. Dampframmendes Melvins-Schlagzeug. Kreischende Schreie. Endloses Sägen und Wimmern der Gitarre. Sludgy Drone Doom.
Mit Absolutego nahmen Boris auch ihr erstes One-Song-Album auf: Eine CD, ein Titel, keine Breaks. Spieldauer 65:34 Minuten. Auf den nächsten Alben verfeinerten Boris ihre One Songs beinahe akribisch: Auf dem genialen, ultra-ultra-langsamen, psychedelischen Betablocker Flood (70 Minuten, 2000), dem kürzeren Feedbacker (43 Minuten, 2003) und der einstündigen, meditativen Ambient-Drone-Kathedrale Sun Baked Snow Cave (2005, mit Merzbow).
Dabei perfektionierten Boris die Tempoverschleppung bis kurz vor den Stillstand. Langsamer dürften damals nur die Zeitluper von Corrupted gewesen sein, ebenfalls Japaner, die aber konsequent spanisch singen.
Doch spätestens seit Heavy Rocks (2002) öffnet sich das Trio. Die Songs werden kürzer und schneller. Weniger Drone und Doom, mehr Stoner und Rock.
Mit dem für Boris ungewohnt rockigen Pink kommt 2005 der kommerzielle Erfolg — sofern man in diesen Genres, in denen die Verkäufe normalerweise zwischen 500 und 2000 Exemplaren pendeln, von Kommerz sprechen kann.
Das inzwischen 14. Boris-Album Smile ist zwar nicht der unmittelbare Nachfolger von Pink, steht aber wie Pink in den Plattenläden Europas, was nicht allen CDs von Boris beschieden ist. Offenbar rechnet sich der Importeur reale Verkaufschancen aus. Er könnte recht haben.
Schon der erste Song ist ein idealer Einstieg für Boris-Newcomer. Statement wirkt wie ein Elektro-Tornado, der den Hörer ansaugt und festhält für das, was noch kommen wird. Ein dumpfer, schweißtreibender Kopfnicker-Drumcomputer läßt keine Sekunde Atempause. Die Gitarre brettert beinahe breitwandig, und der Backgroundchor klingt verdammt nach Sympathie For The Devil.
Aber dann besinnen sich Boris. Der Titel Buzz-In, der nach dem Kopf der Melvins, Buzz Osborne, benannt sein soll, ist rüder Punk mit rückwärtslaufenden Tonspuren. Und spätestens beim folgenden Song Laser Beam ahnt der Hörer, daß Boris keinen Streichelzoo vertonen. Hart, laut, schnell. Böse zischende Feedbacks. Immer lauter und schneller. Mit übersteuerten, hämmernden Drums wie in der Frankfurter Techno-Schule der 90er Jahre.
Im Wechselbad der Stile geht es weiter mit dem sehr getragenen Flower, Sun, Rain, einem Song wie aus einer TV-Soap oder einem Tarantino-Film. Man könnte zum herzigen Refrain ein blutiges Massaker im weißen Schnee inszenieren und anschließend gelbe Blüten regnen lassen. Und auch der nächste Song My Neighbor Satan ist eher harmlos: Boris-Pop mit zwei Feedback-Einschüben.
Das ändert sich ab Titel Nr. 6. No Ones Grieve läutet die überlange Schlußrunde ein. Genug Kommerz. Die Gitarre muß bewegt werden. Und zwar als ordinäre Rockgitarre. Boris meets Schweinerock. Das folgende You Were Holding An Umbrella ist ein neunminütiger Zwischenstop vor dem großen Finale, mit besinnlichem Warm Up, aus dem nach vier Minuten ein klassischer Rocksong mit jaulender 70er-Jahre-Gitarre und ratterndem Schlagzeug wächst.
Der letzte Song ist eine namenlose Bonus-Session (inoffiziell: You Were Holding an Umbrella Part 2) mit Stephen O’Malley, Gitarrist von Sunn O))) und Ko-Chef von Southern Lord. 19 Minuten und 20 Sekunden. Und das ist es. Das ist Drone und Doom und gute Musik. Das ist Boris.
Stephen O’Malley arbeitet seit Jahren mit Boris zusammen. Er designte einige CD-Cover und öffnete mit Southern Lord den US-Markt für Boris. Vorläufiger Höhepunkt der Kollaboration war die Split-CD Altar mit Sunn O))) und Boris. Leider arg mißlungen, aber aus Fehlern kann man ja lernen.
In der Bonus-Session macht O’Malley nichts anderes als in seinem Heimathafen Sunn O))). Er läßt die tiefer gestimmte Gitarre nah am Verstärker schwingen. Er schlägt seine Akkorde und lauscht ihnen nach, derweil Boris ihren elegischen, fast pathetischen Song spielen. O’Mally ist zwar nicht der Star, aber seine Gitarre ist immer präsent. In den letzten 10 Minuten ist er der große Feedbacksäger und Griffbrettschüttler, der uns den Strom hören läßt. Man spürt die tiefen Frequenzen in der Magengegend und fühlt sich zu Hause.
Und nun müssen wir einer unangenehmen Geschichte ins Auge blicken. Die Rezension bezog sich auf die japanische Version von Diwphalanx Records. Die ist in Deutschland nur sehr schwer erhältlich. Leider.
Denn was Southern Lord mit der CD anstellte, die sie für den europäischen und US-Markt produzieren, ist — vorsichtig ausgedrückt — überraschend. Songs wurden verlängert oder gekürzt. Die Titelfolge ist geändert. Einige Tracks wurden einfach abgeschnitten. Dem Bonustrack mit Stephen O’Malley fehlen z.B. vier Minuten; er wurde mittendrin abgehackt. O’Malley hat sich damit quasi selbst kastriert.
Laser Beam klingt in der japanischen Version mit einer Akustik-Gitarre aus und geht in Flower, Sun, Rain über; bei Southern Lord folgt Statement auf Laser Beam, was einen radikalen Schnitt am Ende von Laser Beam zur Folge hat. Dafür startet Southern Lord die CD mit Flower, Sun, Rain und nimmt ihr den packenden Tribal Charme von Statement, mit dem die japanische Ausgabe beginnt.
Die gravierendste Änderung ist aber Southern Lords Remix. Offiziell spricht das Label von neuer Abmischung. Tatsächlich blieb kein Stein auf dem anderen. Die japanische Version ist weich und rund. Southern Lords Mix scheint dagegen auf die MP3-Generation zu zielen: Krawallig, scheppernd, laut. Gitarren nach vorn.
Boris haben dem neuen Mix angeblich zugestimmt. Das muß man wohl einfach glauben.
Der wahre Fan wird sicher beide Versionen kaufen. Wer aber auf eine CD verzichten möchte, dem empfehlen wir die Japan-Edition. Sorry, Stephen.

Die drei japanischen Lärmforscher:
Takeshi, Wata, Atsuo
1 Kommentar ↓
Moment mal….Altar…ARG MISSLUNGEN?? Wat? Musik-Kritik funktioniert einfach nicht. In einem Nebensatz wird ein grandioses Sound-Experiment als Mätzchen abgestempelt. Auch gibt es noch mehr versionen des Albums, und das Southern Lord die tatsächlich gravierenden veränderungen selsbst vorgenemmen haben soll ist mir neu und schwer zu glauben, zu mal es sich bei einigen Liedern um komplett neue Mischungen handelt (Bsp. Statement). Viel mehr ist es so, dass die Japanische version um einiges Experimenteller klingt und eher einem Remix der US-Version gleicht, welche mehr Stoner-Rock enthält und eingängiger daherkommt. Völlig unterschiedliche Einschätzungen? Richtig. Musikrezensionen funktionieren einfach nicht. Hören, und währned dessen darüber sprechen geht wohl noch. Doch die Textform ist dem Erlebniss der Musik einfach untergeordnet (jedenfalls im Gehörgang des Liebhabers)
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