Die Ärzte
Jazz ist anders-Tour
12.07.2008
Berlin, Wuhlheide
Als Die Ärzte auf die Bühne stiegen, um zum fünften von sechs Auftritten die Freilichtbühne in der Wuhlheide zu füllen, war jedem von vornherein klar, dass auch dies ein typischer Auftritt der Ärzte werden würde. Großartig. Schnell. Lang. Die Erwartungen in jeder Hinsicht erfüllend.
Schlag 20:00 Uhr begannen sie. Sie platzierten ihre ersten Akkorde hinter verdeckter Leinwand. Dann der Refrain, die leinene Fassade sprengte fort, 17.000 Besucher klatschten und gröhlten, das Konzert nahm seinen Lauf.
Wer einmal auf einem Ärzte-Konzert war, wird die wesentlichen Merkmale der Band kennen: Großartiger Funpunk, der erst live vor schwitzender und pogender Masse zu seiner ganzen Blüte gedeiht; willenlose Zombies vor der Bühne, die geifernd und johlend jedem noch so lächerlichen Befehl nachkommen; sowie endlose Rededuelle und -improvisationen zwischen dem Leadsänger und Gitarristen Farin Urlaub und dem Stehschlagzeuger Bela B.
Das kennt man. Ebenso ihren Drang, innerhalb der Dialoge möglichst oft „ficken“, „Fotze“ und „Titten“ zu sagen. Aber dennoch, oder gerade deswegen, wanderten sechs Mal 17.000 Menschen durch den Wald zur Freilichtbühne Wuhlheide, um ihren Idolen zu huldigen.
Natürlich muss man sich hüten, bei diesen Massen alle über einen Kamm zu scheren. Aber wenn man einmal erlebt hat, wie Farin Urlaub das gesamte Publikum — Büroangestellte, Punks und Hausfrauen — erfolgreich kommandiert (“Hinsetzen, ihr Arschlöcher!”); wie er für den Song “Deine Freundin” einen achtzeiligen Dialog zwischen Männern und Frauen im Publikum aufteilen, proben und singen läßt; oder wie den Ärzten während des Konzertes genug Höschen und BHs auf die Bühne geworfen werden, um eine komplette Altkleiderbox zu füllen, dann fällt es schwer, etwas anderes zu behaupten.
Die Ärzte haben ihr Publikum traumwandlerisch im Griff. Es frißt ihnen aus der Hand. Jede Sitz- und Buh-La-Ola wird befolgt; letztere nach der Ankündigung “Das war unser letzter Song” und der Aufforderung “Jetzt buht uns aus und zeigt uns den Mittelfinger!”. Das Publikum buht und zeigt, und zwar als La Ola. Es berauscht sich an sich selbst und an der Vergötterung ihrer Band. Es genügt, wenn Farin Urlaub ins Mikro murmelt: “Mal sehen, ob sechs Drahtseile reichen, um das Publikum zu beherrschen.” Ein Akkord, und das Publikum tobt. Kommentar Farin Urlaub: “Nimm das, Copperfield!”
Im Grunde nutzen die Ärzte ihre Beliebtheit schamlos aus. Das Merchandising funktioniert überperfekt. Während geschätzte 80 Prozent des Publikums mit Ärzte-T-Shirts anreisen, kaufen sich noch mal 50 Prozent ein aktuelles Shirt und streifen es an Ort und Stelle über das Shirt der letzten Tour. Das Bier wird für 4,80 Euro in Ärzte-Bechern ausgeschenkt. Der Besucher greift zu, stopft die Becher (Sammlerstücke!) in den Rucksack, schenkt dem Caterer das Pfand und spart dem Management die Kosten für die Müllentsorgung. Und alle fühlen sich gut dabei.
Denn es gibt wohl keine andere deutsche Band, die auf der Bühne sagen darf: “Wir sind reich von eurem Geld!”, und der statt wütender Proteste ein herzliches “Gern geschehen!” entgegenschmettert. Die Zuschauer meinen es wirklich so. Ganz unironisch. Sie lieben diese Band.
Die Ärzte sind ein Phänomen, seit über 20 Jahren. Sie singen und lachen sich durch alle politischen und denkwürdigen Themen. Sie sind Verfechter der Schwulen-, Links- und Solidaritätsbewegung, ohne selbst einer Gruppierung anzugehören. Sie schweißen die Berliner Musikszene zusammen. Die Ärzte sind einfach da. Und wenn sie ein neues Album herausbringen, die Nation zum Konzert bitten und sich die Tore zu den großen Bühnen öffnen, kommen sie alle. Sechs Mal hintereinander, 100.000 Besucher insgesamt. Allein in Berlin.
Wer einmal auf einem Konzert der Ärzte war, weiss also, was ihn erwarten wird. Auch, wenn sich die Ärzte auf ihrem neuesten Album Jazz ist anders in neuen Stilen und anderen Stilebenen versucht haben, bleibt es immer ein Ärztekonzert. Auch wenn sich halbnackte Go-Go-Tänzer zu Ehren von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit auf der Bühne räkeln, wenn sich Farin und Bela als Berliner Bären verkleiden und gehirntote Zombies beim Song „Junge“ um die Band streichen: Es ist immer der gleiche Prozess und die gleiche Komik, die sich dem Publikum bietet.
Kein Grund, sich zu ärgern. Man schätzt die Band wegen genau dieser Art des Humors, sucht aber vergebens nach Überraschungen. Möglicherweise ist es das, was die Band veranlasst, sich in so kleinen Schritten weiterzuentwickeln: Die Angst, mit überraschenden musikalischen Neuerungen das Publikum zu vergraulen. Never change a running system.
Nicht umsonst hat Farin in einem Interview erklärt, dass die hartgesottenen Fans der ersten Tage der Band schon lange vorwerfen, ihre Wurzeln verloren zu haben. Womit sie durchaus richtig liegen. Die triviale Funpunk-Zeit unter Sahnie fand mit dem Einstieg von Rodrigo Gonzales ihr Ende. Aber seitdem hält die Band beharrlich ihr Limit. Das Publikum liebt und vergöttert sie, weil die Ärzte in ihren Songs und Alben stets das gleiche Niveau wahren und auf ihren CDs vom Schema Normales Lied-Liebeslied-Hitparadenknaller nicht abweichen.
Es ist schwer, darüber eine Wertung zu treffen. Wenn die Ärzte eines Tages aufwachen und feststellen, dass sie ihre letzten Jahrzehnte damit zugebracht haben, Material für die Vorstadtdiskos und deren stumpfsinnige Teenager geliefert zu haben, wird das wohl kein gutes Ende nehmen. Aber dann geht man auf ein Ärzte-Konzert wie dieses und erlebt, wie eine Band unglaublich großen Spaß daran zu haben scheint, mit sich und dem Publikum zu spielen. Man erlebt, wie Farin Urlaub mit seinen über 40 Jahren eine Stimme einsetzt, die sich wie ein brennendes Schwert durch das Publikum und die Freilichtbühne schneidet, bis hin zu den weit entfernt wohnenden Bürgern, die sofort die Polizei rufen, wenn eine Band länger als bis 23:00 Uhr spielt.
Die Ärzte waren schon immer großartig, genau diese Dinge des Lebens zu kritisieren, und sie werden es auch immer sein. Es ist eben, wie es ist: Die Ärzte entwickeln ihre musikalischen Fähigkeiten viel langsamer, als sie es könnten. In allen steckt unendlich viel mehr Potential, als sie es sich möglicherweise eingestehen. Vielleicht haben die Ärzte deshalb in 20 Jahren kaum Fortschritte gemacht, weil ihre Art der Musik so zeitlos und mitreißend ist.
Die Ärzte sind der weiße Hai im Karpfenbecken der Berliner Teenager- und Punkszene. Keine Evolution mehr notwendig, die Masse ist getrimmt, die Platten werden gekauft, egal, was kommt.
Und wie ein prophetisches Paradigma erscheint da Sharky, der kongeniale Sidekick des großen Berliners Fil, der seinem Publikum sagt: „Und wenn du das nicht gut findest, dann bist du ein Schwein, und dann lassen wir dich auch nicht rein.“
In 20 Jahren wird es die Ärzte wohl immer noch geben. Sie werden sich auf einem ähnlichen Niveau wie heute bewegen. Und sie werden immer noch eine der großartigsten Livebands Deutschlands sein. Eine Veränderung muß niemand erwarten oder befürchten: Die Ärzte sind und bleiben die Ärzte. Aus welchen Gründen auch immer.
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