Die Ärzte: Jazz ist anders Economy

Geschrieben von messitschbyburns am 15. Juli 2008 | Die Ärzte, Hörsturz


Die Ärzte
“Jazz ist anders Economy”
(p) 2007, Hot Action Records

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Bevor im letzten Jahr das elfte Studioalbum Jazz ist anders von Die Ärzte erschien, krallte sich die grandiose Single Junge im Hirn fest und überstrahlte ein paar Durchhänger auf der CD. Das durchwachsene Album kassierte trotzdem Doppelplatin, was ja nicht schlecht ist, auch bei reduzierten Mindestverkaufszahlen für die Auszeichnung.

Im Gegensatz zur regulären CD, die bei jedem Plattenhändler steht, wird Jazz ist anders Economy nur auf Konzerten verkauft (als LP auch im Handel), für 7 Euro und natürlich ohne Kopierschutz.

Inspiriert wurde Economy vom göttlichen Fil und dessen Comic Didi & Stulle: Einen drin. Daraufhin zeichnete Fil den Comic um — viel schlechter, auf schlechterem Papier, ohne Farbe und mit schlechteren Gags — und nannte ihn Didi & Stulle: Einen drin Economy. Man kann also gleichzeitig Fil lesen und den Soundtrack zum Comic hören.

In der Titelfolge ist Jazz ist anders Economy mit Jazz ist anders identisch. Aber nur in der Titelfolge. Der Rest ist Ohrenschlackern. Positiv gemeint.

Die Ärzte nahmen sich noch nie sehr ernst. Auf Jazz ist anders Economy ziehen sie aber eine wirklich große Nummer ab. Sie covern nicht einfach ihre Songs, sie spielen sie im Ultra-Rough-Mix live ein.

Sie verarschen sich selbst. Sie erschießen sich (Nur ein Kuß und im Hidden Track Was hat der Junge doch für Nerven) und andere (Lasse redn — mit dem unsterblichen Kiss-Riff aus I Was Made For Loving You) und gedenken wieder mal mit inbrünstiger Häme ihres früheren Bassisten Sahnie (Living Hell), dem schönsten Gesicht von Die Ärzte, der 1985 mit einem hauchzart vergoldeten Handschlag rausgeworfen wurde.

Die Texte werden radikal geändert, umgeschrieben, improvisiert und ins Gegenteil verkehrt. Sie singen im überhallten, unverständlich genuschelten Rockabilly-Style (Heulerei) oder lassen den Text weg und pfeifen den Gesangspart auf einem Plastikspielzeug, mit dem Kinder Vogelstimmen mehr schlecht als recht imitieren können (Die ewige Maitresse). In Perfekt pitchen Die Ärzte die zweite Stimme wie eine Helium schnüffelnde Mickey Mouse.

Rods Drogenbericht Breit wird jetzt Brrrrrreeeeeeiiiiiiit gesungen und mit einem stupide hämmernden Hyper Hyper!-Sound unterlegt. Das ist Scooter für ganz Dumme — also für Scooter. Den originalen Text haben Die Ärzte auf das Fassungsvermögen eines drogendoofen Scooter-Hirns reduziert: “Party people! Breit! Breit! Bier! Süd! Breit! Breit! Jau! Drogen! Super!”

Ihr Prunkstück Junge wird in die Perspektive des Losers gewendet:

Eltern, warum habt ihr mich gezeugt?
Ich weiß, es waren die 60er,
ihr hattet kein Geld für Kondome.
Aber kanntet ihr nicht Coitus Interruptus?
Ja, man hätte mich an die Wand spritzen können,
dann würde ich jetzt nicht hier rumstehen,
an der Schlange zum Arbeitsamt.

Und wie ich wieder ausseh,
Löcher in der Hose,
und ständig dieser Lärm.

Und dann noch meine Haare,
da fehlen euch die Worte,
ich musste sie mir färben.

Nie komm ich nach Hause,
und ihr wisst nicht mehr weiter.

Eltern, brecht eurem Jungen nicht das Herz.
Es ist noch nicht zu spät,
für einen postnatalen Abort.
Hier auf dem Polenmarkt gibt’s billige 38er,
und ich kann euch auch Munition besorgen,
wenn ihr mich darum bittet.
Eltern …

Und wie ich wieder ausseh,
Löcher in der Nase,
und ständig dieser Lärm.
(Hartz-IV-Empfänger)

Elektrische Gitarren,
und immer diese Texte,
das will doch keiner hören.
(Hartz-IV-Empfänger)

Nie komm ich nach Hause,
so viel schlechter Umgang,
ihr würdet mich enterben.
(wenn ihr Kohle hättet)

Wo soll das alles enden?
Macht euch ruhig Sorgen!

Und ich war nie ein süßes Kind,
und ich war immer kotzhässlich,
und ich war nie ein süßes Kind,
und schlecht in der Schule war ich auch.

(Und wer ist Schuld daran? Ihr! Fickt euch! Ja, das ist nämlich die Erziehung, die antiautoritäre, ick war immer dagegen gewesen, aber mich hat ja keener gefragt.)

Und wie ihr wieder ausseht,
Löcher in der Wand,
und ständig dieser Lärm.
Denkt an meine Zukunft,
denkt nicht mehr an euch selber!
Könnt ihr bitte sterben?

(Obwohl, det wär och blöd, denn wär ick Waise.
Ihr könnt weiterleben! Ausnahmsweise!
Und ich auch! Kommt, wir vertragen uns wieder. Danke.)

Farin Urlaub, der schon immer ein begnadete Knödler war, johlte vermutlich noch nie so schräg und laut und inbrünstig wie auf dieser CD (Allein). Das ist Knödeling at it’s best. Und Tu das nicht ist famos gerotztes Gröhlgekotze von Bela B. mit dem goldenen Schlußsatz: “Hätt icke dafür Jeld bezahlt würd ick mir inne Fresse haun!” Der könnte vom großen Philosophen Fil stammen.

Das getragene, kuschelweiche Niedliches Liebeslied prügeln Die Ärzte zum rasend schnellen One-Two-Three-Four-Sauf-Punk mit Open End. Den 70er-Jahre-Funk Deine Freundin beginnen sie als triefenden Blues wie aus dem Klischee-Bilderbuch für Hobby-Negros und wechseln fließend in einen Pickin’ On Ärzte-Bluegrass.

Der Sound der Aufnahmen ist mit “Garage” sehr wohlwollend umschrieben. Rod dengelt den Baß mit einer Wucht, als bekäme er pro zerissener Saite ein Fleißbienchen auf sein Instrument geklebt. Belas Schlagzeug scheppert und zischt. Getrommelt wird offenbar auf allem, was im Studio lag. Takt halten kann sein, muß nicht sein.

Die Songs werden eingezählt oder mit “Walk on the Wild Side” angezupft, mal zu schnell, mal zu langsam, mal zu laut und mal zu leise gespielt, und am Ende hören sie irgendwie auf. Die Qualität ist zum Gotterbarmen, aber wer hier High Fidelity erwartete, der ist noch nie in der Economy-Klasse über den Atlantik geflogen.

Die Musik von Die Ärzte bildet schon lange eine perfekte Synthese aus Fun-Punk und Schweinerock. Beides lassen sie hier unbekümmert und hemmungslos raus. Vor allem bei Farin Urlaub kracht die Metal-Schwarte, als stünde er mit Spandex-Hose und geföntem Brusthaar im Olympiastadion. Wenn sich Die Ärzte wieder mal auflösen, könnte er die Zeit bis zur nächsten Reunion als Gitarrist bei jeder 70er-Jahre-Tribute-Band überbrücken. Hauptsache, er kommt nicht auf die Idee, den fatalen Irrtum King Køng zu wiederholen.

Klar, daß Jazz ist anders Economy nicht funktionieren kann, ohne Jazz ist anders zu kennen. Besitzt man aber beide CDs, rutscht das Original-Album endgültig nach hinten. So schräg, wie Die Ärzte auf Jazz ist anders Economy spielen, waren sie lange nicht. Das macht sie so gut.

3 Kommentare ↓

#1 LP-Lover am 29.08.08 um 19:10

Das sind keine Texte, das ist Philosophie! Das ist keine Musik, das ist Kunst.
Seit über 20 Jahren genial die Jungs und sie lassen nicht nach. Die Economy Platte hab ich noch nicht, muss ich aber noch kaufen…

#2 Michael am 24.03.09 um 23:42

Also ich hab’ die Original CD nicht, ich kenne nur ein paar Lieder davon. Aber ich habe die Economy-Klasse - und die ist gnadenlos genial!

Wenn ich mir das Gesicht vorstelle von den Leuten, die einfach ‘nur’ die ursprüngliche “Jazz ist anders” CD kaufen wollten, dann könnt’ ich mich zu Tode amüsieren :-)

#3 admin am 28.03.09 um 16:51

Man kann sie natürlich auch hören, ohne die Original-CD zu kennen, aber der Genuß ist größer, wenn man vergleichen kann, wie die beste Band der Welt die eigenen Songs selbstironisch zerdengelt :)

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