Selektiver Denkmalschutz

Geschrieben von messitschbyburns am 19. Juli 2008 | Berlin, DDR, Geschichte, SPD


Der Palast der Republik ist skelletiert. Das Ahornblatt wurde abgerissen. Das Café Moskau wird verramscht. Der Denkmalschutz ist keinen Pfifferling wert, wenn DDR-Gebäude betroffen sind. Es sei denn, die gute Stube der bundesdeutschen Staatsverwaltung ist betroffen.

Die Staatsoper Unter den Linden muß dringend saniert werden. Der Opernsaal ist akustisch bestenfalls suboptimal. Seit Ewigkeiten beklagen sich Dirigenten und Musiker über den schlechten Klang. Für die Zuschauer auf den billigen oberen Rängen ist der Opernbesuch ein sportliches Vergnügen. Um die Bühne zu sehen, müssen sie sich teilweise weit vorbeugen.

Das sollte sich ändern. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Der Gewinner plante die Entkernung des Gebäudes und den Einbau eines völlig neuen, modernen Saales, in dem das Publikum von jedem Platz aus gleich gut sehen und hören kann.

Und plötzlich entdeckt der Senat seine Liebe zur DDR-Architektur:

“Keiner der prämierten Entwürfe des Architektenwettbewerbs sei in der Lage, dem Denkmalschutz Rechnung zu tragen, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Damit sei eine wesentliche Aufgabe des Wettbewerbs nicht erfüllt worden.”

“Die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), fügte hinzu, die Aufgabe des Generalplaners sei es, sich bei der Sanierung des denkmalgeschützten Zuschauerraums an dem Entwurf des DDR-Architekten Richard Paulick (1903-1979) zu orientieren.”

Dort, wo es wirklich sinnvoll gewesen wäre, alt gegen neu zu ersetzen, bleibt nun alles, wie es war. Von Kanzlerin Merkel über Kulturstaatsminister Neumann bis zum Gebäudereiniger Dussmann protestierte eine bemerkenswerte konservative Kampfgemeinschaft gegen die moderne Architektur. Dussmann drohte offen mit dem Entzug von 30 Millionen Euro, die sein Verein Freunde der Staatsoper zur Sanierung spenden wollte. Steuerlich absetzbar.

Konservative mögen’s plüschig. Im goldig-samtroten Puff-Ambiente schaut man generös über den Urheber des Plüsches hinweg, einen DDR-Architekten.

Schade, daß der PdR kein Knobelsdorff-Imitat war. Oder das Ahornblatt, oder das Café Moskau.

staatsoper_grosser_saal_s.jpg

Alles bleibt, wie es war. Auch die mulmige Akustik im Saal
und das Hörspiel ohne Blickkontakt auf den oberen Rängen.

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