Heute wurden die Leichen der israelischen Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser von der Hisbollah an Israel übergeben, im Austausch gegen fünf libanesische Gefangene.
Erinnern wir uns: Die Entführung der beiden Soldaten war der offizielle Grund Israels für den Beginn des Libanonkriegs. Vom 12. Juli bis 14. August 2006 überzog die israelische Armee den Libanon mit Bombardements und Luftangriffen und verhängte eine Seeblockade. Selbst die offizielle Einstellung der Kämpfe am 14. August gemäß UN-Resolution 1701 wurde von Israel ignoriert. Noch sechs Tage danach operierten israelische Truppen und Flugzeuge im Libanon.
Nach dem Krieg zählte man über 1.500 Tote, davon 1.200 Libanesen — überwiegend Zivilisten.
Wegen zweier entführter Soldaten.
An diese irre Legende kann nur ein moralisch restlos verkommener, sich aus der menschlichen Zivilisation in die vorkulturelle geistige Wüste verabschiedeter Kriegsjubler wie Malte Lehming glauben.
Weil die beiden israelischen Soldaten nicht lebend ausgetauscht wurden, gerät der Hurra-Patriot außer Rand und Band. Er wütet, heult, flennt und greint mit dem verlogensten Pathos, in das sich nur ein kriegsgeiler Etappenhengst wie Lehming steigern kann.
Einer, der mit Bier und Chips um 20:00 Uhr vor der Glotze hängt und beim Tagesschau-Bericht über zerfetzte Libanesen seine Hose öffnen muß, um Platz zu machen für eine dreitägige Dauererektion. Einer, der mit Stahlhelm und Stechschritt um den Küchentisch marschiert. Für den Israel der Glücksbringer ist und die arabischen Nationen das Unheil per se verköpern:
“Israel hat heute einmal mehr den Unterschied zwischen Humanität und Barbarei demonstriert. Hier eine Gesellschaft, die bis an die Grenze des Erträglichen und Zumutbaren für jedes ihrer Glieder kämpft […]
Und dort die Terroristen, die sich hinter der eigenen Zivilbevölkerung verstecken, Unschuldige in den Tod reißen und sich dafür als Märtyrer feiern lassen, auf die siebzig Jungfrauen warten […]
Zwei Leichen gegen fünf Verbrecher, eine Moral gegen eine Amoral, die Humanität gegen die Barbarei. “
Einseitige und blinde Schuldzuweisung; Verklärung des israelischen Militärs zum Baywatch-Team für die Rettung der eigenen Bürger; Überhöhung Israels als Hort der Humanität; Faktenleugnung und -verdrehung; schrankenloser Rassismus — auch für hartgesottene Leser des Tagesspiegels wird Lehming immer mehr zum widerlichen, offen xenophoben und extrem nationalistischen Jauchebeutel. Zum Pendant von Horst Mahler.
Der Libanonkrieg hätte auf jeden Fall stattgefunden. Israelische Soldaten werden nicht erst seit Sommer 2006 entführt, von der Hisbollah als Verhandlungsmasse benutzt und ausgetauscht. Dafür riskiert man keinen Krieg. Auch für Goldwasser und Regev wäre niemals ein 33tägiges Bombardement losgebrochen. Sie waren nur Mittel zum Zweck.
Israel wollte diesen Krieg, mit Zustimmung und Unterstützung der US-Regierung. Der Angriff auf den Libanon war ebenso lange geplant, wie es der bevorstehende Angriff auf den Iran ist.
Das weiß jeder (außer Lehming). Das soll hier nicht noch einmal durchgekaut werden.
Was hemmungslose Chauvinisten wie Pimpf Lehming und sein Rottenführer Henlyk M. Blödel gern ausblenden würden — auch in der publizierten Öffentlichkeit –, sind Stimmen, die ihnen mächtig in die Parade fahren. Stimmen von Israelis, die dort leben, wo sich Lehming und Blödel in ihren Fantasien am spritzenden Araberblut berauschen. Israelis, die sich Sorgen machen um den zivilisatorischen Absturz ihrer Heimat.
Menschen wie Gideon Levy. Der gebürtige Israeli ist Buchautor und Redakteur der israelischen Tageszeitung Ha’aretz. Dort berichtet er seit 1986 jede Woche über das Leben der Palästinenser unter den Bedingungen der Besatzung.
Am 07. März 2006 hielt er in Jerusalem einen Vortrag, aus dem wir zitieren:
“Ich glaube nicht, dass Terror aus dem Nichts entsteht. Ich glaube nicht, dass die Palästinenser zum Töten geboren sind. Niemand ist das. Terror hat Gründe und Wurzeln. Und er hat Ausreden und Vorwände. Die israelische Besetzung ist heutzutage ein Hauptvorwand für viele Terrororganisationen und der Hauptgrund für den palästinensischen Terrorismus.
Ich interviewte einmal Ehud Barak, den früheren israelischen Premierminister, als er noch keiner war. Er wurde in Israel als einer der größten Kämpfer angesehen, die das Land je hatte. Er war in den besten Truppen und führte die waghalsigsten Kommandos aus. ‘Was täten Sie, wären Sie, General Barak, als Palästinenser geboren?’, fragte ich ihn. Er antwortete mir mit der ehrlichsten und mutigsten Antwort, die er geben konnte: ‘Wäre ich als Palästinenser geboren, würde ich mich einer Terrororganisation anschließen.’ Das verursachte einen Skandal in Israel. Ich schätzte seine Antwort. Denn was sonst hätte er sein können? Ein Kollaborateur mit Israel? Ein Pianist?
Die Palästinenser haben keine Armee. Sie verfügen über keine Luftwaffe. Sie haben nicht die besten Waffen in der Welt. Deshalb greifen sie zu den Waffen der Schwachen, das heißt: Terror. Es ist unmenschlich. Es ist sehr grausam. Es tötet unschuldige Zivilisten. Aber gibt es wirklich einen Unterschied zwischen einem Selbstmordattentäter, der sich in den Straßen von Tel Aviv tötet, und einem Pilot, der eine Bombe von einer Tonne Gewicht auf ein Wohnviertel von Zivilisten in Gaza abwirft? Wenn es einen Unterschied gibt, was für einer ist es? Einer moralischer Art? Oder welcher Art? Ich bin sicher, der Selbstmordattentäter in Tel Aviv würde es vorziehen, in einer F-16 zu sitzen und nur einen Knopf zu drücken. Da bin ich mir sicher.
Ich rechtfertige auf keinen Fall Terror, aber ich kann die Motivation verstehen, ich kann diese furchtbare Situation verstehen, in der Menschen bereit sind, ihr eigenes Leben zu opfern. Wie hoffnungslos muss es sein, wenn sie bereit sind, ihr eigenes Leben zu opfern, das Wertvollste, was sie haben? Denn sie haben nichts zu verlieren. Was opfert heutzutage ein palästinensischer Jugendlicher von 18, 19 oder 20 Jahren, wenn er sagt, er wird Selbstmord begehen? Was? Welche Zukunft hat er? Welche Gegenwart hat er? Welche Vergangenheit? In einem Flüchtlingslager aufzuwachsen, in einem Ort eingeschlossen zu sein, gedemütigt zu werden Tag für Tag an den Kontrollpunkten, ohne Arbeit, ohne Karriere, nichts, auf das man sich freuen könnte. Was kann man ihm anbieten, um etwas Sinnvolles zu tun? Sich einer Terrorgruppe anzuschließen und für etwas zu kämpfen, das in ihren Augen eine sehr gerechte Sache ist. Und es ist eine gerechte Sache. Sie verdienen einen Staat. Sie verdienen all das, was jeder Israeli verdient.”
Im ultrarechten Schwester-Blog der Achse der Blöden schreibt ein User über Gideon Levy:
“Seine Aktivitäten sind kontraproduktiv, er ist tatsächlich ein ‘Nestbeschmutzer’.”
Überlassen wir dem Nestbeschmutzer das Schlußwort:
“Das ist die Hauptaufgabe von uns israelischen Journalisten, oder wenigstens einem Teil von uns: den Luxus zu verhindern, dass die Israelis behaupten können, sie wüssten nichts […]
Die Verantwortung liegt bei allen Israelis. Bei denen, die schweigen, bei denen, die dort Armeedienst tun, bei denen, die nichts wissen und bei denen, die nichts wissen wollen.
Auf lange Sicht werden sich die Palästinenser von der Besetzung viel leichter erholen als wir Israelis, die Besatzer.”
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