Geld oder Leben

Geschrieben von messitschbyburns am 11. Januar 2008 | Hartz IV


Das Leben ist schön. Nicht unbedingt für Hartz-IV-Empfänger, aber ganz sicher für Hartz-IV-Verwalter. Zwar entscheiden letztere noch nicht über Leben und Tod ihrer Klientel, aber sie üben schon mal.

Vivian H. bezieht Arbeitslosengeld II. Theoretisch. Praktisch saß sie Ende vergangenen Jahres sieben Wochen lang auf dem Trocknen. Ihre Sachbearbeiterin im Jobcenter Berlin-Mitte verweigerte alle Zahlungen. Mal fehlte dieses Dokument, mal jenes. Das heißt, eigentlich fehlte nichts. Vivian H. hatte ausgefüllt und eingereicht, was auszufüllen und einzureichen war. Aber darf man diesen Hartzies trauen, die Arbeitsminister a.D. Wolfgang Clement als Schmarotzer und Parasiten am gesunden deutschen Volkskörper entlarvte?

Also erfand die Sachbearbeiterin immer neue Gründe, um kein Geld zu überweisen. Ein stiller Wettlauf: Mal sehen, wer länger durchhält. In Memoriam Friedrich II. und seines immergrünen Wortes: “Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?”

Doch Vivian H. borgte sich Geld bei Freunden und Bekannten und erschien nach sieben geldlosen Wochen nicht etwa in einer Urne, sondern quicklebendig vor dem Schreibtisch ihrer Sachbearbeiterin. Daraufhin zog diese die Schraube eine Drehung fester. Vivian H. wurde angeblafft, nachzuweisen, wovon sie denn in den sieben Wochen gelebt hätte. Sieben Wochen ohne Geld, und immer noch nicht tot? Schwarzarbeit? Kontoauszüge her, aber pronto!

So sprach die Sachbearbeiterin, aber nur pro forma. Denn als die perplexe, weil unschuldige Vivian H. ihre Kontoauszüge vorlegen wollte, schloß die Sachbearbeiterin geschwind ihren Schalter. Solange sie das Konto nicht prüfen konnte, mußte sie kein Geld überweisen. Jeder Tag zählte. Irgendwann würde die arbeitslose Kostgängerin ihr unnützes Leben aushauchen. Es war nur eine Frage der Zeit.

Ausnahmsweise nahm sich die lokale Presse des Falls an und unterbrach das Experiment am lebenden Hartz-IV-Objekt. Der Geschäftsführer des Jobcenters tat zerknirscht, und Vivian H. erhielt ihr Geld.

Dabei verheißt dieser Weg die Lösung aller Probleme. Kein Geld, keine Nahrung. Survival of the fittest. Der Rest: Exitus. Denn wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Die Arbeitslosenzahlen sinken, die Statistik wird bereinigt, der Aufschwung höret nimmer auf. Dann gilt wieder das geflügelte Wort: “Jedem das Seine.”

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