Nach monatelangem Schweigen zur Affäre Leinkauf veröffentlichte die Berliner Zeitung am Wochenende unter der süffisanten Headline Der Ehrenrat empfiehlt eine namentlich nicht gezeichnete 24zeilige Stellungnahme.
Gleich der erste Satz ist eine eigenwillige Auslegung der Fakten:
“Ende März war Thomas Leinkauf, leitender Redakteur (Magazin, Seite 3) der Berliner Zeitung, als ehemaliger Stasi-IM enttarnt worden.”
Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 12. April:
“Weberling, der als Aufklärer innerhalb der Berliner Zeitung auch umstritten ist, war 1996 Personalchef, als Leinkauf seinem Chefredakteur Michael Maier eröffnete, dass er IM war.”
Vielleicht behielt Chefredakteur Michael Maier sein Wissen für sich. Das ist zwar unwahrscheinlich, wäre aber irrelevant. Thomas Leinkauf hat sich 1996 seinem Vorgesetzten gegenüber offenbart. Es sei denn, es gibt zwei Leinkaufs; einen von 1996 und einen von 2008.
Wer sich vor aber 12 Jahren selbst als IM outete, kann im März 2008 nicht enttarnt worden sein. Egal, ob Maier einen Leinkauf-Aushang am Schwarzen Brett, einen Aktenvermerk oder gar nichts machte — bis auf ein paar zugereiste Hanseln kannte so gut wie jeder in der Redaktion die Stasi-Vita von Leinkauf. Die war nicht mal ein offenes Geheimnis. Die war überhaupt kein Geheimnis.
Der vom Chefredakteur eingesetzte vierköpfige Ehrenrat prüfte die beiden Fälle Thomas Leinkauf und Ingo Preißler und empfahl der Chefredaktion:
“Unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit zweier Lebenswege wird festgestellt, dass eine Weiterbeschäftigung der beiden Genannten in der Redaktion der Berliner Zeitung möglich ist.”
Ach was.
Daß Leinkauf, der momentan freigestellt ist, nicht ohne weiteres rausgeworfen werden kann, schrieben wir schon am 17. Juni.
Die Stellungnahme ist eine bittere Pille für unseren Held Knabe und die redaktionsinternen Schaumschläger und Briefeschreiber, die im März ihre Profilneurosen bis zur Schmerzgrenze aufpumpten. Die stehen jetzt etwas blöde da.
An zwei Strohhalme können sie sich noch klammern:
“Die Chefredaktion wird in Kürze entscheiden, ob sie der Empfehlung des Ehrenrats folgt.
Unberührt von dieser Entscheidung bleibt das in Auftrag gegebene Forschungsprojekt des Rechtsanwaltes Johannes Weberling, das Aufschluss über eventuelle Stasi-Verstrickungen von Mitarbeitern des Berliner Verlags geben soll.”
Die Chefredaktion wird rein monetär entscheiden: Was ist billiger — Rauswurf, Abfindung oder Weiterbeschäftigung? Sollten sich in der surrealen Rendite-Welt des Eigentümers Montgomery Leinkaufs Entlassung und die folgenden Prozeßkosten vor dem Arbeitsgericht rechnen, wird Chefredakteur Depenbrock die Kündigung sofort unterschreiben. Ein persönlicher Bezug zu seinen Redakteuren wäre das allerletzte, was man Montgomerys grinsender Marionette unterstellen würde.
Und Johannes Weberlings Rolle während Leinkaufs IM-Beichte ist diffus. Als damaliger Personalchef des Berliner Verlags möchte Weberling nicht gewußt haben, daß sich Leinkauf 1996 zu seiner Stasi-Vergangenheit bekannte.
Heute sitzt er an einem Forschungsprojekt über eventuelle Stasi-Verstrickungen. Selbstverständlich frei und unbefangen.
Im Volksmund nennt man das: Einen Bock zum Gärtner machen.
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