Kerth ist Helmut. Jürgen Kerth kann komponieren, produzieren und spielen, was er will; Helmut bleibt sein siamesischer Zwilling. Der charmanteste und kauzigste Blues der DDR. Auf ewig der Kerth-Song.
Kerth ist Bluesmusiker. Würde das Fernsehen der DDR, das sich 1991 in MDR umbenannte, seinen Rekordlaberer a.D. Hans-Joachim Wolfram mit der Frage “Wer ist Thüringens meister Blueser?” durch das Sendegebiet schicken, er bekäme zur Antwort: Jürgen Kerth.
Mit Kerth verbindet man trockenen, klassischen Blues und einen warmen, fast gütigen Sprechgesang in Thüringer Mundart. Kerth ist der verschmitzte Onkel, der dem Enkel auf der Familienfeier mit Augenzwinkern zu verstehen gibt, daß er lieber Drachensteigen würde, als sich mit Torten und Kaffee den Magen zu versauen. Aber nur auf der sicheren Wiese hinterm Haus, nicht auf der gefährlichen Straße oder unter Hochspannungsleitungen.
Denn Kerth wirkt wie ein vorsichtiger, abwägender Mensch. Ein sanfter Missionar, der wirklich an das Gute glaubt. Er wird nie zornig. Er rebelliert nicht mit verzerrten, ohrenschmerzenden Riffs. Er klagt nicht an und wird nicht wütend. Er streut seine Botschaften wie kleine Samenkörner. Die meisten verdorren oder werden zerlatscht, aber ein oder zwei gehen vielleicht auf.
Kerth ist Gitarrist. Keiner mit Musikschule, Studium und Diplom, sondern Autodidakt. Einer, der mit seiner Gitarre lebt. In der DDR wählten ihn die Leute mehrmals zum Gitarristen des Jahres. So lange, bis er nicht mehr vorgeschlagen werden durfte.
Manche Kritiker verglichen Kerth mit Eric Clapton. Naheliegender wäre Rory Gallagher. Die Spielweisen von Kerth und Gallagher ähneln sich manchmal frappierend. Als hätten sich zwei Bluesgitarristen auf einer metaphysischen Ebene gefunden, die keine persönliche Begegnung braucht. Nicht, daß wir jetzt spiritistisch ergriffen sind; aber eine Ich liebe die Eine-Session mit Kerth und Gallagher, deren Gitarren sich 15 Minuten lang duellieren, das wäre schön. Leider fuhr Gallagher am 14. Juni 1995 in die Grube. Seine irische Leber hatte sich in Whiskey aufgelöst.
Kerth ist nicht nur Bluesmusiker. Blues ist seine Urmusik, mit der alles begann. Aber Kerth ist mehr als Jesuslatsch, Hirschbeutel und Thüringer Gemütlichkeit. Er verknüpfte Blues und Reggae, bevor Dread Zeppelin mit der gleichen Idee Kasse machten. Kerths Vorlieben für Reggae (He, junge Mutti), Swing, Black Music und Soul (Ich finde keine Ruhe) verhinderte, daß er im Blues-Ghetto festhing.
Diese Vorlieben wurden aber zum Knackpunkt in der Beziehung zwischen Kerth und seinen Fans. Wer den Blues-Mann Jürgen Kerth liebte, reagierte verwundert auf den Happy-Sunshine-Reggae Und sie ist glücklich dazu, und er reagierte verstört auf den Phillysound in Geburtstag im Internat.
Das 17minütige Stück Gloriosa konnte dann zur Scheidung führen. Nicht etwa wegen mieser Qualität des Songs, sondern weil man 1982 dank Stern Meißen und electra schwer geschädigt war von allem, was in irgend einer Form nach Bedeutung, Konzept und Überlänge roch: Jetzt auch noch Kerth? Oh nein!
Gloriosa ist der gleichnamigen Glocke gewidmet, die im Erfurter Dom hängt. Den Song gibt es in mehreren Versionen, auch als Gloriosa Blues und in einer Black-Music-Variante. Nicht nur der Dom; seine Heimat Erfurt, Thüringen und sein gesamtes persönliches Umfeld hielten Kerth fest im Griff.
Er war nicht zu bewegen, nach Berlin umzuziehen oder bei einer größeren Band einzusteigen. Er ist ein Eigenbrötler, ein Do-it-yourself-Mensch. Er wußte, was er kann, und er wollte zeigen, daß er es allein kann, ohne Protektion aus dem parteigelenkten Kulturapparat. Die Probleme, die ihm dadurch blühten, waren ihm lieber als Kompromisse, die er nicht eingehen wollte.
Kerth schrieb sogar seine Texte selbst. Er verzichtete auf die Lohnarbeit bekannter Lyriker oder propagandistisch geschulter Allzweck-Dichter. Er formulierte klar, einfach und verständlich, ohne stilistische Schlenker und Mätzchen. Das entsprach seiner Mentalität, vor sich selbst glaubwürdig zu sein.
Es verhinderte aber nicht die eine oder andere Merkwürdigkeit. Im milden Licht der Jahrzehnte erscheinen zwar auch seine skurrilen Texte liebenswert. Doch in den Jahren ihrer Veröffentlichung, als Großköpfe wie Demmler und Tilgner das Lyrikwesen der DDR beherrschten und das Publikum erzogen, in jeder Strophe fünffach verschachtelte Metaphern zu entschlüsseln, wurden sie zum Teil belächelt.
Jürgen Kerth steht seit den 60er Jahren auf der Bühne. Seit 1970 gibt es eine Band unter seinem Namen. Das Jürgen-Kerth-Quartett mit Lothar Wilke (keyb), Roland Michi (b) und Artur Geidel (dr) nahm 1978 als Gruppe Jürgen Kerth die erste LP auf. Die Platte zu Helmut.

Apropos Lothar Wilke: Wer Kerth sagt, meint auch Lodix. Seine voluminös brausende Hammond-Orgel prägte den Kerth-Sound über Jahrzehnte. Wilke hielt Kerth bis in die 90er Jahre die Treue. Seit 1997 spielt er mit dem früheren Kerth-Schlagzeuger Siggi Heilk als Duo Little Pasch. Wem Hardin & York ein Begriff ist, der weiß, was ihn erwartet: The World’s Smallest Big Band.
1980 erschien die 2. LP Komm herein. Aus der Gruppe Jürgen Kerth schälte sich der Künstler Jürgen Kerth, dessen Name allein auf dem Cover stand. Die Band schrumpfte nach dem Tod von Roland Michi zum Trio mit Lothar Wilke (keyb) und Eberhard Meyerdirks (dr).

Die dritte LP Gloriosa folgte 1982, wieder in der Trio-Besetzung mit Lothar Wilke (keyb) und Eberhard Meyerdirks (dr).

Danach war Schluß.
Amiga ließ Jürgen Kerth kurz und bündig ausrichten, man sei an weiteren Schallplatten nicht interessiert. Punkt.
Daß sich Plattenfirmen von Künstlern trennen, passiert täglich auf der ganzen Welt. Woanders schnappt man sich sein Tape und klappert die Label ab. In der DDR gab es nichts abzuklappern. Amiga war die einzige Plattenfirma. Deren Tür blieb fortan für Jürgen Kerth verschlossen. Und weil man gerade beim Zusperren war, fielen für Kerth auch alle Rundfunkproduktionen flach.
Nach landesüblicher Sitte wurde die Entscheidung von den Kulturfunktionären nur vage begründet.1 Es hieß, Jürgen Kerths Musik wäre entbehrlich. Was wirklich dahintersteckte, wird man wohl nie erfahren. Manche vermuten, der christliche Bezug des Gloriosa-Textes könnte zum K.O. geführt haben. Dem widerspräche aber der quasi-religiöse Bombast von electra in der Suite Die Sixtinische Madonna und in Tritt ein in den Dom, den die Band 1980 veröffentlichte. Der hat ihrer Amiga-Karriere bis zuletzt nicht geschadet, trotz immer grauenvollerer Musik.
Als Gloriosa 1982 auf Schallplatte erschien, exekutierte der als besonders linientreu geschätzte Wolfgang Martin das Werk und seinen Schöpfer in der popkulturellen Parolenschleuder Melodie & Rhythmus. Seine Rezension ist ein typisches Beispiel dafür, wie billig sich parteifromme Kulturknechte dazu hergaben, die Vorgaben von oben zu erfüllen: “Ich möchte, bitteschön, den konkreten Standpunkt des Autors hören […] Kerth sollte selbstkritischer darauf achten, was er zu leisten wirklich imstande ist.” Blähungen eines subalternen Stiefelknechts.
Jürgen Kerth, der nach seiner dritten LP weder mit Burnout-Syndrom am Alkohol hing noch zur eigenen Karikatur des ewigen Selbstzitats verkam, sondern kreativ bis unter die Hutkrempe war, dürfte sich in einer niederschmetternden Situation befunden haben. Denn streng genommen galten die Aussperrungen von Rundfunk- und Plattenaufnahmen bis zu Kerths künstlerischem Ableben.
Der Boykott endete zwar 1989 mit dem Exitus der DDR, doch davon konnte 1982 niemand ahnen. Das von den Funktionären für Jürgen Kerth vorgezeichnete Schicksal hieß: Konzerte. Die DDR hoch und wieder runter. Hoch und wieder runter. Hoch und …
Wäre Kerth nach 1982 ausgereist, niemand könnte es ihm verdenken.
Kerth blieb. Er ist der Prototyp des Bodenständigen. Es gibt Bäume, die gehen ein, wenn sie nur 10 Meter weiter verpflanzt werden. Kerth ist ein solcher Baum. Er braucht Erfurt und Thüringen. Auf die DDR hätte er verzichten können, aber nicht auf seine Heimat.
Er tourte bis 1989. Dann wurde alles anders. Mit der Grenzöffnung rückte sein Wunschziel USA in erreichbare Nähe. Kerth bereiste mehrmals die Heimat des Blues. Über viele Jahre flog er immer wieder in die USA, tourte durchs Land und spielte seine Musik. Speziell für diese Tourneen nahm er ein Best Of seiner Songs in Englisch auf (aus Helmut wurde Harry) und stellte die CD Made for USA zusammen. Die Veranstalter mußten schließlich wissen, wer dieser Typ aus East Germany ist und was er auf der Bühne treibt. Davor produzierte Kerth — ebenfalls auf eigene Kosten — die Live-CD Daß dir einer hilft. Beide CDs sind auf seiner Website erhältlich.
Amiga firmierte 1991 als Sublabel der DSB (Deutsche Schallplatten GmbH Berlin). Kulturpolitik war gestern; jetzt mußte Geld verdient werden. In der Reihe Rock aus Deutschland Ost erschien 1991 als Teil 6 eine CD mit sieben Songs, von Gloriosa bis Tanz der Alligatoren. Lächerliche sieben Songs. Die Laufzeit einer CD beträgt 74 Minuten.

Neun Jahre später gehörte Amiga mitsamt Backkatalog zum Konzern Bertelsmann. Die Marke Amiga blieb erhalten. Aus deren Schätzen stellte BMG die CD Jürgen Kerth: Best of Blues zusammen. Immerhin 13 Songs, von Gloriosa bis Kerth’s Reggae.

2006 folgte die nächste Blues-Compilation von Amiga/BMG: Jürgen Kerth — Ich liebe die eine. Diesmal mit 12 Songs, von Gloriosa (live) bis Schwarze Perle.

Bleibt Amiga bei dieser Frequenz, dürfte im Jahr 2009 wieder eine CD fällig sein. Vielleicht rafft man sich auf und bringt eine Doppel-CD heraus, mit Helmut und Gloriosa auf der einen und unveröffentlichten Songs auf der anderen CD.
Das ist sicher ein frommer Wunsch, aber wohl realistischer, als auf eine Entschuldigung der Funktionäre und ihrer journalistischen Prothesen für Kerths verlorene Jahre zu hoffen. Die schauen jetzt nach vorn und nicht zurück. Aber sie haben ihn nicht kleingekriegt.
Jürgen Kerth feiert heute seinen 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!
- Man wüßte gern, was diese Leute heute treiben. Vielleicht sind sie in Redaktionen untergekrochen und sortieren dort die Musik, die gespielt, beworben oder rezensiert werden soll. Darin hätten sie zumindest Übung. [↩]
1 Kommentar ↓
Hallo Jürgen,
erst einmal herzlichen Glückwunsch noch zu Deinem 60.Geburtstag!Ich kenne Jürgen schon seit Ende der 70iger Jahre und fand Ihn immer schon als besten Gittaristen
der DDR.Hatte einige seiner Konzerte besucht,doch der Höhepunkt war das Gespräch bei einem Auftritt in Trebitz
Kr.Lu.Wittenberg.Da stand er so an der Türzarge und plauschte so mit mir über sein Familienleben.Ein ganz normaler Mann wie Du und ich.Tolle Sache mit der USA!
Mach weiter so
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