Lernen mit SPON. Heute: Wohnungssuche in der großen Stadt

Geschrieben von messitschbyburns am 01. August 2008 | Lernen mit SPON


Bezahlbare Wohnungen sind knapp. Das ist eine Binsenweisheit, ebenso wie die Ursache des Dilemmas: Immobilienbesitz führt zu Spekulation führt zu künstlich erzeugtem Wohnungsmangel führt zu Mondmieten führt zur Vertreibung prekärer Mieter. Raus aus der Innenstadt, rein in die Ghettos der Vorstädte.

Bisher beschränkten sich die grundgesetzlich sanktionierten Auswüchse der Immobilienspekulanten auf Städte wie München und Frankfurt am Main. Inzwischen schiebt sich die Spekulanten-Krake von Süden her über Deutschland bis nach Hamburg und ins arme Berlin.

Das hat man auch bei SPON gemerkt. Guten Morgen nach Hamburg. Besser spät als nie, denkt man, wenn man den Aufmacher liest:

“Warum junge Familien keine Wohnung in der City finden.”

“Viele junge Familien träumen davon, in der Stadt zu leben. Doch sie finden keinen Wohnraum. Die Citys werden so teuer, dass abgeschottete ‘Wohlstandsinseln’ drohen.”

Das ist korrekt. Vor allem die Seuche der Townhouses sorgt für den Ausschluß prekärer Familien aus diesen Wohlstandsinseln. Wie Windpocken wuchern sie durch die Stadtzentren und klotzen die letzten freien Flächen mit handtuchschmalen quietschbunten Scheußlichkeiten zu:

townhouses_berlin_s.jpg

Solche Schuhkartons für Farbenblinde stehen in Berlin neben dem Gebäude der verblichenen Reichshauptbank (bis 1990 ZK der SED), schräg hinter dem Außenministerium der DDR (zur Zeit abgerissen).

Die Townhouses sind hingeklotzte Gartenzwerg-Idyllen für Menschen, die bis über die Pubertät hinaus mit Diddl-Mäusen sozialisiert wurden und als Erwachsene in ihrem eigenen Disneyland wohnen möchten. Ohne die Begegnung mit geringverdienenden Nachbarn fürchten zu müssen.

Um diese saturierte Klientel anstandslos zu befriedigen, zog ein anderer Berliner Townhouse-Trumm am Volkspark Friedrichshain, gegenüber dem Märchenbrunnen, eine Mauer um sein Objekt und schließt nachts die Tore. Die nach Armut riechende angestammte Bevölkerung, die früher den Weg übers Gelände nutzte, muß nun um die Mauer herum laufen. Mit behördlicher Genehmigung.

Endlich, denkt man, nimmt sich SPON des Problems.

Und dann liest man:

“Als [Andrea Möller] und ihr Mann 2004 beschlossen, aus ihrer Altbauwohnung auszuziehen, die an einer vierspurigen Straße im ohnehin krawalligen Hamburger Stadtteil St. Pauli liegt, da waren sie sicher, dass sie bald etwas finden würden.

Ein Häuschen sollte es sein, aber nicht im Vorstadtidyll, sondern mitten in der Stadt, nahe an jenem urbanen Leben, das sie in ihren Zwanzigern genossen hatten und nicht einfach so aufgeben wollten, nur weil auf einmal ein Kind da war.”

Ein Häuschen sollte es also sein, mitten in der Stadt Hamburg. Ein Townhäuschen.

Frau Möller litt bitterlich:

“‘Wir sind fast verzweifelt bei der Suche’, sagt Andrea Möller, die nach jahrelanger Hausjagd mit ihrer Familie gerade erst fündig geworden ist. ‘Ich habe die verwunderten Fragen, warum wir denn immer noch nichts gefunden haben, irgendwann nicht mehr ausgehalten.’”

Wir können uns nicht nur den leicht beschackerten Bekanntenkreis von Frau Möller denken, sondern auch die hämischen Blicke dieser Pupsis: Na, immer noch kein Haus, ihr Luschen? Backen zu dick aufgeblasen? Große Träume, klammes Konto?

Kein Haus! In Hamburg! Und die Bekannten lachen! Nur ein Jahresabo beim Psychologen führt aus dieser Identitätskrise heraus.

Oder eine Selbstverwirklichung, als Ersatz für therapeutisches Trommeln:

“Die Hamburgerin Jessica Grebe hat sich, um ihre ästhetischen Vorstellungen einigermaßen verwirklichen zu können, mit anderen Wohnungssuchenden zu einer Baugemeinschaft zusammengeschlossen.

Sie bekamen von der Stadt zu günstigen Konditionen ein Grundstück in der neuen Hafencity gestellt und planen gemeinsam mit einer Architektin das Mehrfamilienhaus ‘Hafenliebe’, in das sie einziehen wollen.”

Die ästhetischen Vorstellungen von Frau Grebe sind vergleichbar mit den Bettenburgen Mallorcas. Nur häßlicher:

townhouses_hafenliebe_s.jpg

Die betonierten Heim-und-Herd-Phantasien spätgebärender Hamburger Mütter mit ausgeprägt schlechtem Geschmack subsummiert SPON tatsächlich unter der Headline: “Warum junge Familien keine Wohnung in der City finden.”

Als ob diese neurotisch überspannten Walküren und ihre vorgezogene Midlife-Crisis in irgendeiner Form repräsentativ wären für das reale Wohnungsproblem junger Familien, die im Regelfall keine Townhouses, sondern Zwei Zimmer, Küche, Bad suchen. Zur Miete.

Doch deren Sorgen sind SPON vermutlich zu prekär.

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