Primal Scream
“Beautiful Future”
(p) 2008, B-Unique Records

Sie werden immer ruhiger. Böse Menschen würden vermuten: Weil ihnen nichts mehr einfällt. Das wäre falsch.
Primal Scream sind nicht berechenbar. Seit über 20 Jahren wechseln sie Genres und Stile. Unbekümmert, mit federnder Leichtigkeit und einer geheimen Durchwahl zum persönlichen Pillenhändler.
Vom selig bekifften Screamadelica (1991) zum Stones-trunkenen Give Out But Don’t Give Up (1994). Vom echoverwehten, drogensatten Ambient’n'Dub-Trip Vanishing Point (1997) 1, jener einsam funkelnden, sternenumflorten Ewigkeits-Pyramide im Königreich der populären Musik, zur zornig krachenden Apokalypse XTRMNTR (2000) und ihrer wütend gehämmerten “Fuck the Fascists”-Botschaft Swastika Eyes. Von der unfreiwillig zensierten XTRMNTR-Fortsetzung Evil Heat (2002), deren ursprünglicher Name Bomb the Pentagon nach dem 11. September 2001 mitsamt Songtiteln und Texten entschärft werden mußte, zum seltsam blutleeren Stones-, Faces- und Country-Placebo Riot City Blues (2006), das der Band wenigstens die Hitsingle Country Girl bescherte.
Da brummt der Kopf. Dafür lieben wir sie.
Und nun?
Primal Scream werden nicht nur ruhiger. Sie sind handzahm. Sie experimentieren nicht mehr. Sie zitieren und kopieren sich selbst (Can’t Go Back). Sie haben eine Idee, nudeln sie drei, vier Minuten durch und blenden sie irgendwann aus (The Glory of Love). Sie mäandern vor sich hin (Suicide Bomb, trotz harschem Text).
Vielleicht haben sich Primal Scream mit sich selbst gelangweilt. Oder sie wollten einfach mal ganz oben in den Charts stehen. Für diesen Fall verpaßte ihnen Produzent Björn Yttling (Peter Bjorn and John) den 80er-Jahre-Retro-Sound, bei dem die Partyhopper der Neuen Mitte mit ihren gegelten Köpfen nicken. Nur die Texte beschreiben immer noch Szenen voller Blut, Tod und Verderbnis. Aber die sind englisch. Das verstehen die Mütter vom Kollwitzplatz und ihre Berlin-Mitte-Boys nicht.
Auf Beautiful Future gibt es nichts, was elektrisiert oder aufregt. Man wird nicht mal wütend. Die Musik tuckert und pluckert, irgendwie. Ein paar Gastmusiker wurden eingeladen, aber die reißen nichts raus.
Ob der berühmte Josh Homme (QOTSA) oder ein unbekannter Karl-Heinz Mustermann das müde Riff in Necro Hex Blues spielen, ist völlig beliebig. Auch die Stimmen des Plastic-Starlets Lovefoxxx (I Love To Hurt) und des Folk-Mütterchens Linda Thompson (Over & Over) — geschenkt. Futter für die Credits, mehr nicht.
Früher luden sich Primal Scream exzellente Künstler wie Jah Wobble, George Clinton, Bernard Sumner oder Augustus Pablo ein und bereicherten mit der Güte ihrer Gäste die eigenen Songs. Das scheint Lichtjahre her.
Nicht mal der Wettbewerb “Erkennen Sie die Melodie?” taugt als Aufreger. Primal Scream klauen nicht wirklich, klingen aber verdächtig nach unterschwelligen Inspirationen. Der Titelsong Beautiful Future ist Common People von Pulp nicht unähnlich. Zombie Man kann man mit Back Off Boogaloo von Ringo Starr parallel hören — beide Songs sind stellenweise deckungsgleich. Daß sich Primal Scream bewußt von Ringo Starr anregen lassen, ist jenseits des Denkbaren. So viele Drogen verträgt ein Körper gar nicht. Es wird wohl Zufall sein. Immerhin ist das andächtig gehauchte, von einer schmelzenden Slide-Gitarre begleitete Over & Over als offizielles Cover von Christine McVie (Fleetwood Mac, erschienen auf Tusk) ausgewiesen.
Primal Scream sind längst nicht abgemeldet. Wenn sie wollen, schreiben sie immer noch gefährlich gute Songs (I Love To Hurt, Beautiful Summer). Der stolz pumpende Baß ist nicht verschwunden (Uptown). Sänger Bobby Gillespie ist auch nach hunderttausend Drogenräuschen ein verführerisch ningelnder Charismatiker. Würde er eine Sekte gründen, stünden die Menschen Schlange, um ihm ihr Geld persönlich zu Füßen legen zu dürfen.
Zum Glück denkt Gillespie in anderen Kategorien. Er ist ein extremer, radikaler, anarchistischer, freier Mensch. Ein zorniger Kritiker der Gesellschaft. Einer, der einem Nazi lieber einmal mehr als zu wenig ins Gesicht spuckt.
Aber jeder Mensch wird älter. Und mit ihm seine Band. That’s life.
Wir lieben sie trotzdem.

Primal Scream: Jung, wild und grimmig.

Primal Scream: Gesetzt und weniger grimmig.
- Und dessen Zwillingsbruder Echo Dek (1997), dem düster-erhabenen, rabenschwarzen Dub-Remix aus den begnadeten Händen des erleuchteten Wundermannes Adrian Sherwood. [↩]
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