Zum Jahrestag des Mauerbaus folgen die politischen Hinterbänkler ihren Pflichtübungen und versichern uns — im parlamentarischen Sommerloch — ihrer tiefen Abscheu, verbunden mit großer Sorge und ernster Mahnung.
“Es sei ein ‘elementares Menschenrecht’, selbst zu bestimmen, wo man leben wolle.”
Eine lobenswerte Haltung — auf die DDR bezogen. Sein Kollege und Parteigenosse, der Berliner Innensenator Erhart Körting, teilt sie leider nicht — auf die BRD bezogen:
“Es gibt kein Grundrecht auf Ausreise.”1
Man kann die Dinge eben so oder so betrachten. Wie schon die Puhdys sungen: “Jegliches hat seine Zeit.”
Weil wir gerade beim 13. August sind:
Ein pfiffiges Duo eröffnete in der Berliner Normannenstraße die Stasi-Kneipe “Zur Firma”, direkt neben dem Stasipark von Hubertus Knabe.
Über der Kneipe steht: “Kommen Sie zu uns – sonst kommen wir zu Ihnen!” Stammgäste unterschreiben eine Verpflichtungserklärung, um “dem Restaurant Zur Firma bedingungslos und treu zu Diensten zu sein.” Dafür erhält man einen Ausweis und wird zum inoffiziellen Mitarbeiter (IM) erklärt.
Die politische Empörung ist groß, obwohl keiner der beiden Wirte bei der Stasi war. “Diese Kneipenidee ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten”, faucht unsere Ministerin für Wahrheit und nichts als die Wahrheit, Marianne Birthler.
Da müssen wir widersprechen. Uns fiele manche Geschmacklosigkeit ein, die die Kneipe locker in den Schatten stellen würde. Eine fängt mit Marianne an und hört mit Birthler auf.
Merkwürdig ist, daß die immer wieder geforderte Risikofreudigkeit und Gründermentalität nicht begeistert gefeiert wird. Uniformen, Orden und Enbleme des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR sind in der BRD nicht verboten. Zwei Männer verbinden das mit einer Marktlücke und investieren in ein bescheidenes Unternehmen. So funktioniert Kapitalismus.
Wie auch am Checkpoint Charly. Dort stehen Schauspielstudenten in Uniformen der Alliierten (und sinnigerweise von Volkspolizisten, die dort ganz bestimmt nicht patrouillierten) und lassen sich für einen Euro fotografieren. Nach Diepgens Tabula Rasa in puncto Berliner Mauer suchen die Touristen mit der Lupe nach Resten des bekannten Bauwerks. Sie sind dankbar, wenn sie überhaupt noch etwas finden, und sei es kostümierter Mummenschanz.
Niemand störte sich daran. Bis dem Gedenkstättenreferenten des Senats (was es alles gibt), Rainer Klemke, und dem früheren Kultursenator Thomas Flierl (Linke) nach Jahren auffiel, daß am Checkpoint Charly mit Geschichte Geld verdient wird.
Wieder ist die Empörung groß. Nur Walter Momper winkt ab:
“Wo viele Menschen sind, ist auch Kommerz.”
Ganz genau. So funktioniert Kapitalismus. Am Checkpoint Charly wie in der Normannenstraße. Wenn man das eine duldet, muß man auch das andere tolerieren. Oder man verbietet beides.
Apropos 13. August. Klaus Schroeder darf an diesem Tag in keinem Poesiealbum fehlen:
“Schroeder plädierte dafür, dass Schulklassen mehr Gedenkstätten besuchen oder mit Zeitzeugen sprechen.”
Schroeder und seine wilden Forschungen sind uns bekannt, ebenso wie sein Faible für Stasi-Knabes Gruselreich. Wenn SED-Schroeder empfiehlt, mehr Schulklassen durch Gedenkstätten zu schleusen, meint er damit zuerst Knabes Stasipark. Nach dem Motto: Nicht kleckern, sondern klotzen.
Denn Schulklassen spülen mehr Eintrittsgeld in die Kasse und treiben die Besucherstatistik hoch. Mit der gepushten Statistik kann Stasi-Knabe ein scheinbar gestiegenes Interesse für seinen kleinen Horrorladen nachweisen und bei Senat und Bund um höhere Zuschüsse betteln.
So kreieren SED-Schroeder und Stasi-Knabe ihre eigenen selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wenn es den beiden gelingen sollte, den Besuch bei Stasi-Knabe für jeden deutschen Schüler obligatorisch zu machen, empfehlen wir ihnen, zur Siegesfeier einen Tisch in der Kneipe “Zur Firma” zu reservieren.
Um keine unangenehmen Fragen zu provozieren, muß SED-Schroeder nur noch stärker gegen die Besuchspflicht für Jugendweihegruppen der DDR in Gedenkstätten der Opfer des Faschismus motzen. Denn wie jeder weiß, der Schroeder heißt, war diese Pflicht erstens ein aufgesetzter Antifaschismus, der zweitens direkt zum Judenhaß, zur Ausländerfeindlichkeit und zum Rechtsextremismus führte.
Und noch ein Anekdötchen zum 13. August: Alexandra Hildebrandt vom Berliner Mauermuseum ist empört.
Die Historiker des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) erforschten die Toten an der Berliner Mauer und kamen auf 136 Maueropfer in den Jahren 1961 bis 1989. Frau Hildebrandt ist außer sich und nennt diese Zahl ein Verbrechen:
“Aus Sicht von Hildebrandt müssen alle Opfer der deutsch-deutschen Teilung gezählt werden - auch jene, die vor 1961 ums Leben kamen. Zwischen 1945 und 1989 starben den privat recherchierten Daten zufolge 1303 Menschen im Zusammenhang mit Mauer, Grenzanlagen und Kaltem Krieg.”
Wenn man die Toten an der Staatsgrenze so marktschreierisch für die Existenzsicherung des eigenen Geschäftes — ihres privaten Mauermuseums — vergewaltigen will wie Alexandra Hildebrandt, dann kann man natürlich auf den selten dämlichen Gedanken kommen, auch die Toten zwischen 1945 und 1961 einzubeziehen.
Es geht aber noch viel dicker. Die Gründung der BRD und damit die endgültige Teilung erfolgte auf Anweisung der westlichen Militärgouverneure. Die Militärgouverneure verwalteten Deutschland in Besatzungszonen, die das Resultat verschiedener Konferenzen der Alliierten waren — als Folge des Zweiten Weltkriegs.
Im Zweiten Weltkrieg waren 55-60 Millionen Tote zu beklagen. Da alles mit allem zusammenhängt und die deutsche Teilung nicht erst im Jahr 1945 begann, darf man diese Toten nicht unter den Tisch fallen lassen.
Runden wir auf 55 Millionen ab, dann kommen wir auf 55.001.303 Maueropfer. Das ZZF sollte sich schämen.
- Der Spiegel, Heft 31/2001, S.23 [↩]
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