Coldplay
“Viva La Vida Or Death And All His Friends”
(p) 2008, EMI

In der Liste der Flops der Sommersaison 2008 souverän auf Platz 1: Coldplay.
Fühlen wir uns für einen Moment in Menschen ein, die sich diese CD kaufen. Und anhören. Und an gute Freunde verschenken.
Sie sind ein Paar Ende Dreißig, Anfang Vierzig, mit eigener Wohnung und dem Wunsch nach vielen Kindern, irgendwann. Sie haben die Wände ihrer kleinen Liebesgrotte terrakottafarben geschlämmt. Auf dem gläsernen Beistelltisch drapieren sie Kataloge von Manufactum und Waschbär; dazwischen die letzten drei Ausgaben der Mean’s Health. Im Stilglas blüht eine Orchidee. Unter dem Tisch kreuzen sich zwei Hanteln.
Ein schmales Birkenholzregal schmiegt sich an die Wand. Das Pärchen hat seine platinfarbene Minikomponentenanlage an der Vorderkante eines Regalbretts in orthopädisch empfohlener Höhe millimetergenau ausgerichtet. Die Anlage ist extra klein, um die Emission schädlicher Strahlen so weit wie möglich reduzieren. Die beiden handtellergroßen Lautsprecher stehen rechts und links auf dem oberen Regalbrett, leicht angekippt und nach Merkblatt zueinander ausgerichtet, um auf einem imaginären Fleck dreißig Zentimeter hinter dem gedachten Schnittpunkt der tieffrequenten Schallwellen den optimalen Stereoeffekt zu genießen.
Ratgeber über Rebirthing, Vajrayana und Feng Shui — liebevoll nach der Farbe des Einbandes sortiert — füllen drei der vier Regalfächer. Hinter einer Buchreihe versteckt sich ein Bildband über erotisierende Tantramassagen. Einmal im Monat holen sie ihn hervor und schauen sich kichernd die Nackedeis an; beim Licht der Taschenlampe unter der Bettdecke.
Das vierte Fach ist für die Musiksammlung reserviert: Oliver Shanti, Mike Oldfield und U2. Für Coldplay fand sich ein Plätzchen zwischen Tubular Bells und Zooropa. Nun ist die kleine Sammlung komplett.
Vor den CDs kauern verschmitzt lachende Diddl-Mäuse auf Flyern von Oxfam und Amnesty International. An den Regalbrettern kleben “Liebe ist …”-Sticker mit wertvollen Hinweisen für das tägliche Miteinander.
Hinter dem Bett rankt eine herzförmig gewundene Lichterkette aus rotblinkenden Plastiksternen. Um das Bett verteilen sich goldgelbe Duftlichter und naturbelassene Honigwachskerzen. Sie werfen verhuschte Schatten und träumerische Reflektionen auf die abgezogenen, mit natürlicher Holzbodenseife handgepflegten Dielen.
Zwischen Lichtern und Kerzen hockt das Pärchen im Schneidersitz auf fair gehandelten Batikkissen. Sie lassen ihre Seelen baumeln. Er wiegt den Oberkörper im Takt, sie summt leise zur Musik und blickt verträumt durch das halb gefüllte Rotweinglas ins Kerzenlicht.
Ein Räucherstäbchen glimmt. Chris Martin säuselt Viva La Vida. Geigen jubilieren. Der Raum ist erfüllt von Liebe und Frieden.
Nach 50 Minuten fährt der Laser des CD-Players in seine Ruheposition.
Stille.
Er blickt ihr in die Augen. Sie erwidert seinen Blick. Zärtlichkeit und Hingabe tröpfeln aus allen Poren. Ergriffen von so viel schöner Musik, öffnet er endlich die Lippen und flüstert:
“Liebling, laß uns weinen.
Dann trinken wir noch einen.”

Coldplay in nachdenklicher Pose,
dem Sinn ihres Tuns nachlauschend.
2 Kommentare ↓
Lieber Herr Burns,
ich bin besorgt! Ich (53) habe mir nämlich auch das Coldplay-Album besorgt und es mir sogar angehört. Nun sieht es in meiner Wohnung aber ganz anders aus, als hier von Ihnen beschrieben. Mache ich da eventuell etwas falsch?
Auch die von Ihnen genannten Zeitschriften kenne ich nur vage dem Namen nach. Bücher zu den genannten Themen konnte ich in meinem Bücherregal erst recht nicht entdecken … doch halt, über Feng-Shui hab ich was. Wenigstens etwas! Und Oldfield habe ich auch reichlich. War halt mal “in”.
Ihren Hinweis, das Album auch an Freunde zu verschenken, werde ich mir aber mal durch den Kopf gehen lassen. Ich kenne da nämlich einen lieben Freund, der würde sich bestimmt riesig freuen. Der denkt sich auch so Musikkritiken aus, genau wie Sie. Und so einen Blog für das Internet hat der, glaube ich, auch.
Ach so, fast hätte ich das Thema verfehlt: Das neue Coldplay-Album war auch für mich eine herbe Enttäuschung. Es taugt höchstens als nette Begleitung beim Fahrradfahren. Wo Sie recht haben, haben Sie einfach recht.
Hehe :-))
Aber bitte das neue Album nicht an die Adresse im Impressum verschenken. Wir schenken zurück! :)
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