Und täglich grüßt der böse Iwan

Geschrieben von messitschbyburns am 15. August 2008 | Bickerich, Russland vs Georgien


Der Tagesspiegel ruft zur verbalen Russenprügel. Erst Casdorff, dann Bickerich. Jungpimpf Lehming feilt wohl noch an seiner Pointe.

Am Tag nach Casdorff findet Sebastian Bickerich zwei hübsche Formulierungen. Nummer eins:

“Es steht außer Frage: Der Angriff Saakaschwilis auf die abtrünnige Republik Süd-Ossetien war ein Fehler.”

Das, was Sebastian Bickerich auf einen Fehler reduziert, nennt der Völkerrechtler Daniel-Erasmus Khan einen Verstoß Georgiens gegen das völkerrechtliche Gewaltverbot. Es “schützt auch sogenannte lokale De-facto-Regime, wie das in Südossetien, vor Gewaltanwendung.”

Khan sieht Russland im Recht, in Südossetien nach dem georgischen Angriff einzugreifen: “Ein solches kollektives Selbstverteidigungsrecht greift grundsätzlich auch zugunsten von De-facto-Regimen.”

Für die Toten und Verwundeten bleibt es zunächst eine akademische Frage, wer angreifen durfte und wer nicht. Das hindert konservative Medien wie den Tagesspiegel nicht daran, jetzt schon den Schuldigen zu präsentieren. Mit Russland als Nachfolger der Sowjetunion hat man seit dem 8. Mai 1945 eine große Rechnung offen. Die Gelegenheit ist günstig.

Russland wird propagandistisch als aggressiver Allesverschlinger modelliert, dem man nicht nur imperiale Ziele, sondern die Spaltung Europas unterstellt. Formulierung Nummer zwei:

“Wer zulässt, dass Moskau eine neue Mauer durch Europa entstehen lässt, hat aus der Geschichte nichts gelernt.”

Ganz so einfach ist es nicht.

Die USA beendeten den Kalten Krieg bis heute nicht; auch nicht nach 1989. Von ihren beiden geopolitischen Ziele haben sie nur eines erreicht: Den Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus. Das zweite Ziel war die Vormachtstellung der USA in Eurasien.1

Zwischen der Westküste Spaniens und der Ostküste Russlands leben 75 Prozent der Weltbevölkerung. Drei Viertel der bekannten Energievorkommen sind hier zu fördern. Gemäß den US-Doktrin muß dieses Gebiet beherrscht werden, um die Dominanz der USA über die Welt nicht zu gefährden. Potentielle Konkurrenten dürfen nicht die Chance erhalten, zu wachsen und die USA aus ihrer hegemonialen Position zu verdrängen.

Das ist bis heute nicht gelungen. Für die USA besteht das Handicap in ihrer entfernten Lage, sehr weit weg vom Schuß. Russland liegt zentral, geopolitisch ideal. Eurasien ist Teil Russlands oder angrenzender Staaten.

Was tun, um diesen Nachteil aufzulösen? Antwort: Russland ökonomisch schwächen und strategisch einkreisen.

Die ökonomische Schwächung funktionierte nur bis zu Jelzins Abgang. Putin konnte den Niedergang abwenden, u.a. durch engere Beziehungen zur EU und zu China — zum Nachteil der USA, die dort, wo Russland Fuß faßt, nur Zweiter sind.

Bleibt die Einkreisung. Die USA sind bestrebt, frühere Sowjetrepubliken wie Georgien, Aserbaidschan, Usbekistan und die Ukraine über EU und NATO in die westlichen Einflußzonen einzubinden oder umstandslos zu Sphären nationalen Interesses zu deklarieren.

Militärisch treiben die USA — neben der demonstrativen Kündigung diverser Abrüstungsverträge wie ABM und KSE — die Entwicklung des Raketenschilds voran. Begründet wird das mit der Gefahr eines Angriffs durch iranische Raketen. Die Abfangstationen sind u.a. in Polen und Tschechien geplant, weit weg vom Iran. Der Iran besitzt aber keine Raketen mit einer Reichweite von 5000-8000 km. Seine Waffen würden nicht weit genug fliegen, um abgeschossen werden zu können.

Russland schlug den USA vor, einen gemeinsamen Abwehrschild zu konzipieren. Über Aserbaidschan könnten tatsächlich iranische Raketen zerstört werden (falls jemals welche für einen Angriff starten sollten). Die USA lehnten ab.

Die Frage ist also, was die USA mit einem Abwehrschild bezwecken, das von iranischen Raketen nie erreicht wird. Eine andere Abfangstation wird sogar in Alaska gebaut. Noch weiter weg vom Iran. Aber noch näher dran an Russland.

Überlegt man, was bei einem atomaren Erstschlag passiert, kann man eine Erklärung finden. Sollte das Raketenschild jemals funktionieren, kann es nämlich nur einige Dutzend atomar bestückter Raketen zerstören.

Angenommen, Russland würde die USA oder Westeuropa mit einem atomaren Erstschlag überraschen: Kein Raketenschild wäre fähig, die Masse der anfliegenden Raketen zu zerstören. Zur Verhinderung eines russischen Erstschlags ist das Schild völlig sinnlos.

Weiter angenommen, die USA griffen Russland mit einem atomaren Erstschlag an und zerstörten die russischen Atomwaffen so stark, daß ein Gegenschlag nur noch dezimiert möglich ist. Was würde mit den restlichen russischen Atomraketen geschehen, die zum Gegenangriff starten?

Zwei amerikanische Wissenschaftler veröffentlichten 2006 die Ergebnisse der Computersimulation eines US-amerikanischen Angriffs auf Russland. Sie wollten herausfinden, ob Russland mit einem Gegenangriff auf die USA reagieren könnte. Sie errechneten, daß nach dem Erstschlag 99 Prozent der russischen Atomwaffen zerstört wären. Das restliche Prozent bliebe im Raketenschild hängen.

Mit dem Raketenschild vor den eigenen Landesgrenzen wäre Russland nach einem atomaren Erstschlag der USA verteidigungsunfähig.

Man könnte einwenden, daß es Wahnsinn sei, einen atomaren Erstschlag auch nur zu denken. Die Verstrahlung der Atmosphäre und der nukleare Winter wurden auch die USA nicht verschonen. Und genau deshalb werden Mini Nukes entwickelt. Sie detonieren tief in der Erde. Offiziell, um unterirdische iranische Kommandostände auszuschalten.

Und wo befinden sich die Kommandozentralen der russischen Atomstreitkräfte? In Bunkern. So tief, daß sie von oberirdisch explodierenden Atomwaffen nicht zerstört werden können. Schaltet man diese Bunker beim Erstschlag mit Mini Nukes und Bunker Busters aus, erhöht man die eigene Chance, als Sieger vom Schlachtfeld zu gehen. Sollte trotzdem eine russische Atomrakete starten, aktiviert man den Raketenschirm.

Die neue Mauer wird also längst geplant. Von den USA, in Polen und Tschechien. Gegen Russland.

  1. Quellen: Hauke Ritz: Die Welt als Schachbrett, Ilja Kramnik: Warum Moskau so nervös ist []

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